Nachtrag: Wasserlinsen zum Nachweis homöopathischer Wirkungen

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EDIT 23.02.2015 WICHTIG!
Bitte beachten: Auf der Tagung ‚Science meets Homeopathy‘ in Berlin vom 12. bis zum 14. Februar 2015 hatte ich Gelegenheit, meine Vorbehalte mit Herrn Baumgartner zu besprechen (Link). Mein Kritikpunkt bezüglich möglicher Unterschiede in den Versuchszeiten konnte ausgeräumt werden. Einige Fragen sind allerdings noch offen, nach deren Klärung wird der Arikel überarbeitet. ——————————————————————————————————-

Wie vielleicht noch in Erinnerung, hatte ich hier auf diesem Blog bereits über den Versuch berichtet, mit Hilfe von Wasserlinsen nachzuweisen, dass homöopathischen Arzneimitteln doch eine Wirksamkeit innewohnt. Nun, Ingenieure denken langsam, aber exakt. Manchmal sehr langsam, dafür sehr exakt. Daher ist mir erst vor Kurzem ein weiterer Aspekt aufgefallen, der bei der Bewertung der erzielten Ergebnisse eine Rolle spielt, nämlich die Zeit, genau genommen, die Versuchszeit. Daher also jetzt ein Nachtrag zu diesem Artikel.

Kurz zusammengefasst bestand der Versuch darin, dass man erprobte, wie sich Wasserlinsen (Lemna Gibba L) erholen, die man vorher mit einer arsenhaltigen Lösung geschädigt hatte. Dazu wurden die Wachstumsraten verglichen, die sich ergaben, wenn die Pflanzen entweder in normaler Nährlösung weiterwuchsen oder wenn der Nährlösung noch homöopathische Arzneien zugesetzt wurden. Mit Arsenicum album als Homöpathikum erzielte man die besten Ergebnisse, bei denen die Wachstumsraten im Durchschnitt um rund 1 %, im Maximum um 2 % höher waren als in der Vergleichsgruppe ohne das Medikament.

Mein hauptsächlicher Kritikpunkt lag (und liegt auch immer noch) darin, dass es einer unglaublich genauen Messtechnik bedurft hätte, diese Unterschiede zweifelsfrei festzustellen: Man hätte den Durchmesser der Blätter der Pflanzen mit einer Auflösung von unter 0,01 mm erfassen müssen. Da in den Veröffentlichungen nicht darauf eingegangen wurde, wie diese Präzision erreicht worden sein soll, hatte ich sowohl die Forscher als auch den Hersteller der photometrischen Messausrüstung Ende Mai 2013 um Stellungnahmen hierzu gebeten. Bisher habe ich keine Antwort erhalten. Ich schließe daraus, dass meine Überlegungen zutreffen, mir ist kein anderer Grund ersichtlich, warum man mir nicht antwortet – und ‚Im Zweifel für den Angeklagten‘ gilt nur in der Juristerei.

Aber selbst wenn meine Überlegungen zur Leistungsfähigkeit der Messanlage nicht zutreffend sein sollten, gibt es noch einen Aspekt, der angesichts der geringen Effektgröße durchaus einen erheblichen Einfluss auf das Ergebnis hätte, und der im Folgenden dargestellt werden soll.

Arsenicum_Growth rate

Aus diesem Diagramm der Arbeit ist ersichtlich, dass die Wachstumsrate bei den Pflanzen, die mit dem Homöopathikum behandelt wurden,  nur um rund 1 bis 2 % größer war als bei der Kontrollgruppe in einfachem Wasser. Setzt man ein gleichmäßiges exponentielles Wachstum der Wasserlinsen voraus, dann kann man ermitteln, dass dies einem zeitlichen Vorsprung von nur etwas mehr als einer Stunde (genauer 1,15 Stunden) entspricht. Sollte das Wachstum nicht gleichmäßig abgelaufen sein, sondern in den Tagesstunden stärker als in der Nacht, wäre der zeitliche Vorsprung noch geringer – dies wäre bei meinen eher rudimentären Kenntnissen in Pflanzenkunde naheliegend. Es erscheint daher gerechtfertigt, der Einfachheit halber von einer Stunde Vorsprung auszugehen, denn man liegt damit auf der sicheren Seite – bei insgesamt 4 Tagen Versuchsdauer. Das heißt, hätte man die Pflanzen in der normalen Nährlösung nur eine Stunde länger wachsen lassen, dann hätte sich die gleiche Wachstumsrate ergeben, bei zwei Stunden hätte sich das Ergebnis sogar gerade umgekehrt.

Frage: Ist das viel oder wenig?

Die für das Ergebnis maßgebliche Versuchsdauer ist der zeitliche Abstand zwischen der Ausgangsmessung, hier die Messung zwei Tage nach Versuchsbeginn, und der Messung am Ende. Da den Forschern nur ein Messsystem zur Verfügung stand, zumindest ist in der Arbeit nichts anderes beschrieben, mussten alle hundert Becher eines Versuchslaufs nacheinander vermessen werden. Wie lange kann das dauern?

Die Autoren schweigen sich über diesen Punkt aus, dann schätzen wir eben einmal: Die Probebecher mussten vom Tisch oder Transportwagen genommen werden, der Code musste abgelesen und am PC eingegeben werden, danach musste der Becher unter die Kamera gestellt werden, wahrscheinlich in eine Aufnahmevorrichtung, um ein langwieriges Ausrichten zu vermeiden. Danach musste die Fotoaufnahme erzeugt und die Daten gespeichert werden. Der Becher musste aus dem Messträger herausgenommen und weggestellt werden. Zeitdauer hierfür? Wenn sorgfältig gearbeitet wurde, also darauf geachtet wurde, dass man nichts verschüttete, die Pflanzen gut sichtbar waren, man die Daten am Ende nochmals kontrollierte und prüfte, ob eine Auswertung möglich ist, und so weiter – dann sind drei Minuten pro Becherglas sicher nicht zu lange. Das heißt, bei hundert Bechern pro Versuchslauf benötigte die Messung etwa fünf Stunden reine Arbeitszeit. Da die Labormitarbeiter sicher nicht im Akkord gearbeitet haben, wird diese Zeit möglicherweise noch durch die diversen Kaffee- und Mittagspausenzeiten in die Länge gezogen worden sein, was wir hier der Einfachheit halber aber vernachlässigen wollen.

Prinzipiell ist diese Messzeit am Anfang und am Ende des Versuchs angefallen. Die Forscher machen keine Angaben dazu, dass man irgendwie dafür Sorge getragen hätte, dass die Becher bei beiden Messungen in der gleichen Reihenfolge bearbeitet worden wären. Dann heißt das aber auch, dass die angegebene Versuchszeit von 4 Tagen, was exakt 96 Stunden wären, für die einzelne Probe durchaus fühlbar unterschiedlich gewesen sein könnte. Betrachtet man die denkbaren Extreme, dann könnte die eingangs zuerst vermessene Probe diejenige gewesen sein, die bei Versuchsende zuletzt bearbeitet wurde und umgekehrt. Dies ergäbe einen maximalen Unterschied in der Versuchsdauer vom Doppelten der Messzeit, nach unseren Annahmen also volle 10 Stunden, bei Berücksichtigung von Störungen des Arbeitsablaufs und Pausenzeiten wahrscheinlich eher mehr als weniger.

Die obige Frage können wir jetzt präzisieren: Ist es denkbar, dass die durchschnittliche Zeit zwischen den Messungen zu Anfang und am Ende des Versuchs bei der Homöopathiegruppe um etwa eine Stunde länger war als bei der Kontrollgruppe, wenn die Zeiten um bis zu zehn Stunden hätten streuen können?

In den Veröffentlichungen wird nicht darüber berichtet, dass man für jede Probe die Zeiten zwischen den beiden Messungen erfasst hätte, um die Unterschiede dann in der Auswertung rechnerisch zu kompensieren. Man kann entgegnen, dass bei den beiden Messungen ja die Voraussetzungen die gleichen waren, also die Becher in den Trägern gleich angeordnet waren und daher die Zeitunterschiede wesentlich geringer ausgefallen sein müssten, als oben abgeschätzt. Dies wäre aber ebenfalls ein reines Zufallsprodukt gewesen, natürlich möglich, aber nicht sichergestellt. Wenn in der Arbeit nicht über Zeiten und Reihenfolgen der Messungen berichtet wurde, dann hat es keine Regel gegeben, dann war das den Mitarbeitern auch nicht allzu wichtig. Dann könnte man einmal oben links und ein anderes Mal unten rechts angefangen haben, die Becher zur Messung zu entnehmen, je nach dem, was dem mit der Aufgabe betrauten Mitarbeiter gerade günstig erschien. Oder wie der Versuchsträger gerade auf dem Tisch stand. Selbst bei einer vorgegebenen Reihenfolge wäre immer noch nicht auszuschließen, dass es zu Unterschieden in den zeitlichen Abläufen gekommen wäre. Hat der Mitarbeiter einmal um 9 Uhr, das andere Mal um 11 Uhr mit der Arbeit begonnen, dann ergaben sich schon deutliche Unterschiede im Ablauf. Die Unterbrechung durch die Mittagspause wäre einmal nach 60 Proben erfolgt, das andere Mal nach nur 20. Mithin hätten 40 Proben eine um die Dauer der Mittagspause verlängerte Zeit zum Wachstum zur Verfügung gehabt. Die starken Schwankungen der Wachstumsraten von Versuchslauf zu Versuchslauf (s. Bild) könnten auf eine solche Problematik bei der Einhaltung der Versuchszeit zurückzuführen sein, denn die Wachstumsraten wurden auf die Zahl der Versuchstage bezogen, nicht auf die Zeitdauer in Stunden. Unterschiede zwischen den Versuchsreihen von einigen Stunden hätten sich voll in den errechneten Wachstumsraten niegergeschlagen.

Müssten sich die Unterschiede nicht durch den Zufall aufgehoben haben? Aus den Ergebnissen anderer Studien ist ersichtlich, dass der Zufall nicht unbedingt dafür sorgt, dass die Eigenschaften von verschiedenen Gruppen gleichmäßig verteilt sind (siehe zum Beispiel die Gruppenzusammensetzung bei den Untersuchungen von Jacobs). Insbesondere müssen wir hier sehen, dass eine Gruppe nur neun Becher innerhalb der Gesamtmenge von einhundert Bechern umfasst. Es erscheint eigentlich recht unwahrscheinlich, dass die Becher der Homöopathie- und der zugehörigen Kontrollgruppe jeweils gleichmäßig über die hundert Becher eines Versuchslaufs verteilt gewesen sein sollen, wenn es auch schwierig ist, eine Wahrscheinlichkeit dafür auszurechnen.

Alleine aus diesen Betrachtungen erscheint es durchaus als möglich, dass sich Unterschiede in den Versuchszeiten zwischen den Gruppen von einer Stunde, also 10 % der für die beiden Messungen benötigten Arbeitszeit, ergeben haben können. Diese eine Stunde zu Gunsten oder zu Ungunsten der einen oder anderen Gruppe ist ein Zufall, nichts weiter. Entsprechend sind die Ergebnisse dem Zufall zuzuschreiben. Nichts weiter.

Die Forscher hatten zur gleichen Zeit einen sehr ähnlich aufgebauten Versuch mit Hefe durchgeführt [5] und konnten das hier an den Wasserlinsen erzeugte Ergebnis nicht nachvollziehen, was sie auf spezielle Eigenschaften des Versuchsaufbaus zurückführten, die letztendlich aber nicht geklärt sind. Vielleicht hatten sie nur einfach etwas mehr Pech mit der Streuung der Versuchszeiten – oder der Messanlage.

Zusammenfassung:

Im Licht der Beurteilungskriterien ergibt sich damit das folgende Gesamtbild:

Die ermittelten Unterschiede in den Wachstumsraten sind sehr gering, so gering, dass man sie ohne aufwändige Auswerteverfahren nicht feststellen kann – wenn überhaupt, siehe unten. Dabei hat man ja auch noch das Ähnlichkeitsprinzip angewendet und hat die mit einer Arsenverbindung geschädigten Pflanzen mit einer anderen Arsenverbindung ‚behandelt‘. Und dennoch ist der Vorteil nicht ohne Analysetechnik feststellbar, das Ergebnis damit irrelevant.

Ganz nebenbei wurde in der Studie auch gezeigt (siehe Bild 3 im Hauptartikel), dass die Verstärkung der Wirkung des Arzneimittels durch Potenzieren, zumindest bis D33, schlicht Humbug ist. Nach 17 Potenzierungen ist die Wirksamkeit kaum größer als bei einfachem Wasser, bis D33 zeigt sich kein positiver Trend.

Keines der zahlenmäßig angegebenen Ergebnisse war auf einem Niveau von 5 %signifikant, siehe ebenfalls im Hauptartikel.

Hinzu kommt jetzt, dass durch das Vorgehen nicht ausgeschlossen wurde, dass das Ergebnis generell nur ein Zufall ist: Die zufällig streuende Zeit, die den einzelnen Proben zwischen den Messungen zur Verfügung steht, kann das Ergebnis schon bei vergleichsweise kleinen Änderungen in das Gegenteil verkehren. Dennoch wurde dies nicht imVersuchsablauf erfasst und gegebenenfalls korrigiert.

Die Eignung der Messanlage, die Größe der Blätter hinreichend genau zu ermitteln, dass die winzigen Unterschiede in den Wachstumsraten tatsächlich gegeben sind, ist zumindest sehr zweifelhaft.

Quintessenz: Von der Studie bleibt eigentlich nichts übrig, was auf eine Wirksamkeit homöopathischer Mittel schließen lassen könnte. Wenn man den Daten aber glauben will, dann liefern sie allenfalls den Nachweis, dass das Potenzieren keine Wirkung hat und daher sinnlos ist.

Literatur:

[1] bis [4] siehe Hauptartikel

[5] Jäger T, Scherr C, Wolf U, Simon M, Heusser P, Baumgartner S. ‚Investigation of Arsenic-Stressed Yeast (Saccharomyces cerevisiae) as a Bioassay in Homeopathic Basic Research‘ in: The Scientific World Journal (2011) 11, 568 – 563, TSW Holistic Health & Medicine, DOI: 10.1100/tsw.2011.45, Link zum Volltext

 

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15 Antworten auf Nachtrag: Wasserlinsen zum Nachweis homöopathischer Wirkungen

  1. Pingback: Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie / Nachtrag: Wasserlinsen zum Nachweis homöopathischer Wirkungen | entropy wins!

  2. Ute Parsch sagt:

    Hallo Herr Aust,

    genial! Es genügt also einfach, die zum Messen notwendige Arbeitszeit mit den in dieser Zeit entstehenden Wachstumsunterschieden zu berücksichtigen, um zu erkennen, dass die Ergebnisse vom Zufall beeinflusst sind.

    Eine Anmerkung habe ich aber noch zum Ähnlichkeitsprinzip. Denn genau genommen widerlegen Baumgärtner und Schäfer das auch. Aus Ihrer Quelle [3] beim Hauptartikel („Development of a Test System for Homeopathic
    Preparations Using Impaired Duckweed“) wird auf Seite 7 (von 9) explizit darauf hingewiesen, dass die Wasserlinsen mit Arsenic(V) vorgeschädigt wurden, Arsenicum Album aber Arsenic(III) entspricht, das auf Pflanzen anders wirkt. Ich zitiere die Stelle kurz:

    „“The dissolved species arsenic(III) and arsenic(V) are absorbed from plants in a different way and in varying amounts. Furthermore, the biologic effects on plants are different. Arsenic(III) that was used in previous studies exhibits low stability under changing redox potential, pH, and light conditions. Therefore, the current study used arsenic(V) (…) Interestingly, potentized arsenic(V) did not show any protective effect in this screening, in contrast to potentized A. album, which chemically corresponds to arsenic(III). „“

    Die Autoren sagen also direkt, dass Arsenicum Album nicht das nach dem Ähnlichkeitsprinzip erwartete wirksamste Mittel ist. Es überrascht sie, dass Arsenic(V) überraschenderweise keinerlei Effekt in dieser Vorstudie gezeigt hat.

    Für die in Ihrem Hauptartikel diskutierte Studie wurden aber nur die 3 in Vorexperimenten erfolgreichen Substanzen ausgewählt; dass die Auswahl nur nach dem Erfolg in der Vorstudie erfolgte und nicht nach dem Ähnlichkeitsprinzip, kann man in Ihrer hier verlinkten Studie [5] nachlesen:

    „“In a primary screening, a total of 12 experiments were performed, 11 with different potentized substances (Table 1) and one systematic negative control experiment. Because we did not observe any significant effects on the growth curve parameters for S. cerevisiae in the 11 screening experiments, for the additional independent replication experiment, we selected only substances that had yielded significant effects in the screening experiments of the Lemna test system (Arsenicum album, a duckweed nosode, and gibberellic acid).““

    Beide Zitate zusammen belegen, dass Baumgartners Ergebnisse nicht zum Ähnlichkeitsprinzip passen: Die nach diesem Prinzip zu erwartende wirksamste Substanz schied bereits in der Vorrunde torlos aus.

    Viele Grüße

  3. Es gibt auch Strömungen innerhalb der Homöopathie, bei der die Ursache oder ein Beiwerk des Leidens potenziert und dem Patienten wieder verabreicht wird. „Ursubstanzen“ könnten Gifte oder Schadstoffe sein (bei vergifteten oder belasteten Patienten), Parasiten, aber auch Körperflüssigkeiten die den Erreger enthalten oder Medikamente, die (vermeintlich) schlecht vertragen wurden. Auch eine Form des Simile-Prinzips.
    Klassische Homöopathie nach Hahnemann interessiert sich hingegen nur für das Symptombild. Die Auswahl des Mittels folgt nicht daraus, dass es bei Gesunden die beobachtete Krankheit erzeugt, sondern dass es ähnliche Symptome hervorruft. Immerhin hat noch niemand behauptet, dass Chinarinde Malaria verursacht.

    Wie dem auch sei, die Logik hinter dem Paper ist in allen Fällen dubios.
    Als Rettungsanker bleibt vielleicht die symbolische Interpretation des Simile-Prinzips, die man durchaus in der Literatur findet. Allen ernstes. So habe ich kürzlich gelesen, dass Mercurius Solubilis für launige, auf Temperaturwechsel empfindliche Patitenten geignet sei… passend zur mythologischen Bedeutung und zur technischen Anwendung von Quecksilber! Unsere Intuition von Arsen kennt sicher keinen Unterschied zwischen As(III) und As(V).

    Ansonsten natürlich eine überaus überzeugende Darstellung, dass die Ergebnisse des Papers wohl nichts als Zufall sind, vielleicht angereichert mit kleinen Ungenauigkeiten im Studiendesign.

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  5. Michael sagt:

    Wenn ich die Ergebnisse richtig verstehe, wussten die Auswerter, welche Pflanzen wie behandelt waren. Idealerweise wären sie hier aber „blind“ um einen Versuchsbias auszuschliessen.

  6. Spritkopf sagt:

    Der Hersteller des Imaging-Systems mag Ihnen keine Auskunft gegeben haben, aber aus seiner Webseite geht hervor, dass er Industriekameras mit Auflösungen bis zu 10 Megapixel verwendet. Ich vermute, dass bei seinem System eine auch sonst recht häufig verwendete 5MP-Monochromkamera mit 2592 x 1944 Pixeln zum Einsatz gekommen ist. Die 10MP-Kameras für Visionsysteme sind überproportional teurer und werden daher nur bei echter Notwendigkeit eingesetzt.

    Allerdings ist zu beachten, dass die gängigen Algorithmen zur Flächenmessung auf 0,1 – 0,2 Pixel subpixelgenau messen können.

  7. Norbert Aust Norbert Aust sagt:

    @ spritkopf
    Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, wie eine photooptische Flächenmessung auf höhere Genauigkeiten kommen kann, als sie der Auflösung des Messaufnehmers entspricht. Können Sie mir Quellen nennen, aus denen ersichtlich ist, wie solche Algorithmen funktionieren?

  8. Spritkopf sagt:

    Herr Aust, ich habe mich in der Tat etwas unpräzise ausgedrückt. Es werden nicht die Flächen subpixelgenau auf 0,1 – 0,2 Pixel vermessen, sondern die Kanten einer Fläche subpixelgenau abgetastet. Hierzu wird der Helligkeitsverlauf untersucht, dazu die erste bzw. die zweite Ableitung gebildet und darüber der Kantenverlauf innerhalb eines Pixels bestimmt. Ich habe Ihnen mal ein Bild von der Kantendetektion eines Imagesystems separat als Mail zugeschickt, dann wird es klarer.

    Wie schon gesagt (und wie auch aus dem zugesandten Bild hervorgehen sollte), gilt diese Abtastung aber nur senkrecht zum jeweiligen Kantenverlauf. Somit darf man die Auflösung auch nicht einfach in horizontaler und vertikaler Richtung auf jeweils das Zehnfache hochrechnen, sondern sie ist in Wirklichkeit wesentlich geringer.

  9. Norbert Aust Norbert Aust sagt:

    Danke für die Informationen. An die Verarbeitung von Graustufen hatte ich nicht gedacht, die die Bildauflösung verbessert.

    Ist es richtig, insgesamt den folgenden Schluss zu ziehen:
    Die Auflösung für die Position der Kanten ist durchaus besser als ein Pixel, dennoch ist dies angesichts der Auflösung der Kamera von nur 10 Megapixeln wahrscheinlich nicht ausrechend, die Genauigkeit zu erreichen, die für das berichtete Ergebnis notwendig wäre.

    Oder habe ich da etwas übersehen?

  10. Spritkopf sagt:

    Hallo Herr Aust,
    laut dem Hersteller der Erlenmeyerkolben haben die Gläser einen Durchmesser von 60 mm. Bei einer handelsüblichen 11MP-Industriekamera beträgt die Bildauflösung 4008 x 2672 Pixel (AVT Pike F-1100), somit kämen Sie ungefähr auf eine echte Auflösung von 40 Pixel/mm, also 0,025 mm pro Pixel, wenn Sie noch ein paar Millimeter Platz für den Bildrand einrechnen. Die von mir schon genannte 5MP-Kamera hätte eine Pixelauflösung von ca. 30 Pixel/mm (= 0,033 mm/Pixel).

    Aus der Webseite des Softwareherstellers geht leider nicht hervor, welche Algorithmen er für die Flächenberechnung verwendet. Arbeitet er mit einer subpixelgenauen Kantendetektion wie von mir skizziert, dann würde ich überschlagsweise von einer Verdreifachung der Auflösung in einer Richtung ausgehen, also 0,008 mm/Pixel für die 11MP-Kamera bzw. 0,01 mm/Pixel für die 5MP-Kamera. Diese Werte fliegen natürlich aus dem Fenster, wenn er, wie von Ihnen ursprünglich angenommen, einfach nur Pixel anhand eines Schwellwertes zählt und nicht subpixelgenau misst. Ich kann mir dies zwar nicht recht vorstellen, aber ausschließen kann ich es auch nicht.

    Grundsätzlich halte ich es sowieso für ein Manko, dass die Studienautoren keine näheren Angaben zum Bildverarbeitungssystem machen. Dass sie nicht beurteilen können, welche Algorithmen verwendet werden… OK, geschenkt, aber mindestens die Bildauflösung der Kamera hätten sie angeben müssen.

    Bei Ihrer Zeitabschätzung zum Handling der Gläser wäre ich allerdings vorsichtig. Der Hersteller des Bildverarbeitungssystems bietet vollautomatisierte Lösungen an und bei solchen wird die Kamera SPS-gesteuert mit einem Dreiachssystem von Glas zu Glas gefahren, das Bild aufgenommen und ausgewertet. Bei einem solchen System sind Zykluszeiten von 5 Sekunden und weniger pro Glas möglich.

  11. Norbert Aust Norbert Aust sagt:

    Die Forschergruppe um Baumgartner berichtet in mehreren Veröffentlichungen über ihre Ergebnisse, stellvertretend sei hier die Beschreibung der Messeinrichtung im Original aus der Arbeit von Jäger (2011) zitiert:

    ‚Frond area, frond number, and percentage of color classes were measured in every beaker using an image processing system (Scanalyzer, duckweed analytic software, version 4, LemnaTec, Aachen Germany) consisting of video camera, computer, and adapted software. On days 0, 2, and 6 of each experiment, a digital image was obtained from every beaker (Fig.2). For each recorded image, the quality of the automatic image analysis was checked and corrected by hand if necessary.‘ (Ref. [3] hier).

    Fig 2 zeigt lediglich einige Beispielaufnahmen.

    Ich denke, wenn ein vollautomatisches System zur Verfügung gestanden hätte, dann hätte man das hier erwähnt.

    In meinem ersten Beitrag zu den Wasserlinsenversuchen hatte ich hergeleitet, dass das Messsystem eine Längenauflösung von 0,0025 mm hätte haben müssen, um überhaupt die Größen der Flächen hinreichend genau unterscheiden zu können, um die Ergebnisse zu erzeugen. Dabei war eingeflossen, dass, entsprechend einer Faustformel aus der Messtechnik, die Auflösung wegen der Fehlerfortpflanzung etwa um den Faktor 10 besser sein soll(te) als die Genauigkeit des Messergebnisses. Ich habe jetzt dank Spritkopf gelernt, dass dies auch mit einer handelsüblichen Kamera mit 10 MP zumindest näherungsweise erreichbar ist, sofern man eine passende Software einsetzt (tolle Technik, danke für die Info!).

    Dies ändert aber wenig daran, dass es eine Menge Störeinflüsse gibt, die irgendwie kontrolliert werden müssen, um die Ausdehnung der Blätter auf wenige Hundertstel Millimeter genau zu bestimmen: gegenseitige Behinderung der vollen Entfaltung, genau horizontale Schwimmlage, Kleben am Rand etc.. Darüber berichten die Forscher in ihrem ansonsten sehr detaillierten Bericht nichts. Man könnte sogar bösartigerweise fragen, wie, nach welchen Kriterien denn, wie im obigen Zitat zu lesen, die manuelle Korrektur der automatischen Bildanalyse erfolgte.

    Insgesamt waren sich die Forscher offenbar nicht bewusst, dass sie im Grenzbereich der Auflösung des Messgerätes arbeiteten – man hätte sonst den Hersteller nach der zu erwartenden Messunsicherheit befragt und dann darüber berichtet. Wasserlinsen werden industriell zur Begutachtung von Wasserqualitäten eingesetzt, daher ist die Messanlage sicher kein Einzelstück, und es müssten Daten zur Zuverlässigkeit der Messergebnisse vorliegen. Ebensowenig war ihnen bewusst, dass die Zeit, die einer Probe zwischen den Messungen zum Wachstum zur Verfügung steht, angesichts der Kleinheit des zu messenden Effekts eine wichtige Größe ist. Sonst hätte man in der Arbeit beschrieben, wie man diesen Störeinfluss ausgeschaltet hat.

    Beides ist nicht geschehen. Daraus ist zu schließen, dass diese Störgrößen voll auf das Ergebnis durchgeschlagen haben, was dazu führt, dass die Zahlenwerte Zufallsprodukte sind.

    Grundsätzlich ist es ja so, dass die Forscher, die über ein Ergebnis berichten, darzulegen haben, wie es ermittelt wurde – wozu auch die Messtechnik gehört. Dies ist eine Voraussetzung dafür, dass ein Ergebnis als aussagekräftig angesehen werden kann – nicht, dass es den Lesern nicht gelingt, die Unmöglichkeit des Ergebnisses zu beweisen.

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  15. Ich sagt:

    Da ist eine Doktorandenstelle zum Thema Wasserlinsen zu vergeben. Wird sicher interessant, zu welchen Ergebnis die Forschung führen wird, insbesondere weil in der Stellenausschreibung auch das Thema „Reproduzierbarkeit“ fällt:

    http://www.homoeopathie-online.info/doktorandenstelle-mw/

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