Kritik der Homöopathen an der Homöopathiekritik I: Wissenschaftliche Nachweise

Vorab
Es ist offenkundig, dass die Verbände der Homöopathie sich stärker als bisher mit der Agumentation der Kritiker auseinandersetzen, wie sie auch vom Informationsnetzwerk Homöopathie vertreten wird. Das Homeopathy Research Institute (HRI) ist eine englische Vereinigung, die sowohl entsprechende Forschung fördert als auch versucht, die Homöopathie als wissenschaftlich erwiesene Therapieform darzustellen.

Unter der Überschrift „FAQ Homeopathy“ wird auf der Webseite des HRI auch in deutscher Sprache eine Reihe von Kernaussagen der Homöopathiekritiker untersucht und es wird versucht, diese zu widerlegen. Diese Argumentationen waren wiederum Basis für die Broschüre der DHU, die dort wahrscheinlich auf den verschiedenen Vortragsveranstaltungen und Fortbildungsveranstaltungen verteilt wird.

In einer kleinen Artikelserie soll aufgezeigt werden, wie und warum die Kritiker zu ihren Aussagen kommen und was von den Gegenargumenten zu halten ist. Unsere Artikel werden in drei Textversionen erscheinen, die gleichzeitig hier auf meinem Blog, auf der Webseite des INH  und bei Susannchen  gepostet werden sollen.

Die heutige These:
Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass die Homöopathie wirkt!

Hintergrund: Warum brauchen wir wissenschaftliche Nachweise zur Wirksamkeit?

Es ist sicher vorteilhaft, wenn der Arzt, den man wegen seiner Beschwerden aufsucht, eine Therapie anwendet, von der er weiß, dass sie geeignet ist, diese Beschwerden vorteilhaft zu beeinflussen. Persönliche Erfahrungen des Therapeuten reichen sicher nicht dafür aus, die Wirksamkeit einer Therapie festzustellen – ganz abgesehen von der Frage, was mit den Patienten passiert, an denen die Erfahrungen (= Versuch und Irrtum) gesammelt werden.

Es ist nämlich gar nicht so einfach, zu erkennen, welche Therapien erfolgreich sind. Einer der Gründe ist die ausgeprägte Neigung zur Selbstheilung, ohne die wir als Art schon lange ausgestorben wären. Das heißt, es werden Menschen (oder Tiere oder Pflanzen) gesund, erholen sich auch von lebensbedrohlichen Krankheiten, ohne dass es eines äußeren Eingriffs bedarf. Selbst bei schweren Infektionskrankheiten gibt es Menschen, die diese überleben. Wenn jetzt ein Arzt eine Therapie verabreicht und der Patient gesundet, ist nicht sichergestellt, dass es auch die Therapie war, die zur Heilung geführt hätte. So galten auch in vorwissenschaftlicher Zeit aus heutiger Sicht abstruse Mittel als wirksam, etwa der Staub von Kirchenglocken, zerstoßene Bildchen von Heiligen oder Fett und Knochen von hingerichteten Straftätern. Wenn man unterstellt, dass nicht alle Ärzte des Mittelalters und der Neuzeit bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein Scharlatane waren, dann waren diese Leute davon überzeugt, tatsächlich mit ihren Maßnahmen heilen zu können, einfach weil sie gesehen haben, dass Patienten nach – oder sogar trotz – ihrer Maßnahmen gesund wurden. Das Sammeln von Erfahrungen durch den Therapeuten kann also durchaus in die Irre führen.

Es dürfte unmittelbar einleuchten, dass die Medizin dadurch nur besser werden kann – und es auch wurde – dass man unwirksame Therapien erkannt und ausgesondert hat und die Ärzte heute über eine Vielzahl wirksamer Methoden verfügen, von denen sie das Einsatzgebiet und die Erfolgswahrscheinlichkeiten kennen bzw. in Erfahrung bringen können. Auf Wirksamkeitsnachweise zu verzichten, würde einen Rückschritt in die vorwissenschaftliche Zeit bedeuten, als es mehr oder weniger auf den Zufall ankam, ob der Arzt die richtige Arznei verordnete.

Hintergrund: Was sind wissenschaftliche Nachweise?

In einem wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis wird experimentell untersucht, ob ein Mittel eine Wirkung hervorrufen kann. Dazu muss man feststellen, ob eine beobachtete Wirkung tatsächlich von dem eingenommenen Mittel hervorgerufen wurde. Dies kann nur durch einen Vergleich geschehen, indem man erfasst, was mit Patienten passiert, die das Mittel eingenommen haben und dies mit den Änderungen bei Patienten vergleicht, die stattdessen ein unwirksames Mittel erhielten, aber ansonsten gleich behandelt wurden. Auch in einer eigentlich unbehandelten Kontrollgruppe treten Verbesserungen ein, die aber ganz offensichtlich nicht von dem Mittel herrühren können. Dies kann etwa durch die Selbstheilungskräfte infolge des Immunsystems zustande kommen, durch natürliche selbstlimitierende Krankheitsverläufe oder auch den oft zitierten Placeboeffekt, bei dem die Erwartungshaltung des Patienten ursächlich für die Verbesserung des Befindens ist oder zumindest die Heilung stark fördert.

Die Untersuchung wird an einer größeren Zahl von Patienten durchgeführt, damit das Ergebnis nicht durch individuelle Eigenheiten einzelner Patienten verfälscht wird. Diese Versuchspersonen werden nach einem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt, deren eine das zu testende Mittel einnimmt („Verumgruppe“), die andere stattdessen ein Placebo ohne Wirkstoff („Kontrollgruppe“). Wichtig ist, dass die Patienten selbst nicht wissen, ob sie das Mittel erhielten oder nicht, ebenso die behandelnden Ärzte bzw. das Betreuungspersonal. Wissenschaftlich tragfähige Wirkungsnachweise werden auf solchen Studien aufbauen.

Dieses Studiendesign der placebokontrollierten doppelt verblindeten randomisierten Vergleichsstudie ist durchaus auch für den individualisierten Therapieansatz der Homöopathie möglich. Es gibt eine ganze Reihe solcher Studien: Alle Versuchspersonen durchlaufen die Erstanamnese und es wird ein Mittel verordnet, in der Apotheke wird nach dem Zufallsprinzip entweder das verordnete Mittel oder ein Placebo an den Patienten abgegeben.

Da normalerweise sowohl in der Placebo- als auch in der Verumgruppe Verbesserungen der Beschwerden eintreten, müssen die Ergebnisse mit statistischen Verfahren ausgewertet werden, ob Unterschiede zwischen den Gruppen alleine durch die zufällige Aufteilung der Patienten zustande gekommen sein könnten. Diese Betrachtung führt dazu, dass eine Studie kein festes Ja-oder-nein-Ergebnis liefern kann, sondern bei einer erfolgreichen Studie nur eine Aussage ermöglicht, dass das Mittel sehr wahrscheinlich wirksam war. Damit ergibt sich ein Risiko, dass man ein Ergebnis erhält, welches zwar aussieht wie ein erfolgreicher Test, das aber dennoch nur ein Zufallsprodukt ist. Aufgrund der Übereinkunft in der Wissenschaftsgemeinde setzt man diese Schranke bei einer Wahrscheinlichkeit von 5 %. Das bedeutet, selbst wenn man unwirksame Mittel testet, wird sich in einer von zwanzig Studien ein positives Ergebnis zeigen.

Eine Einzelstudie kann somit kein wissenschaftlicher Nachweis sein, sondern sie muss am besten mehrfach unabhängig – also zumindest von einem anderen Forscherteam an anderen Patienten – wiederholt werden. Dabei werden sich durchaus Unterschiede in den Ergebnissen zeigen. Es erfordert daher ein systematisches Review, in dem alle veröffentlichten Arbeiten zu einem bestimmten Krankheitsbild betrachtet werden und ein Gesamtergebnis ermittelt wird. Wichtig ist, dass alle vorliegenden Ergebnisse in die Betrachtung einfließen, nicht nur die positiven. Ein solches Review wäre dann bei einer angemessenen Datenbasis ein belastbarer Nachweis. Einzelstudien können einen Hinweis auf eine mögliche Wirksamkeit liefern, aber mehr nicht.

Zu beachten ist ferner: Aus Reviews oder gar Einzelstudien kann immer nur auf die Wirksamkeit der Homöopathie bei dem betrachteten Krankheitsbild geschlossen werden. Ein Schluss auf die Homöopathie als ganzes Therapiegebilde ist auf keinen Fall möglich.

Hintergrund: Warum sind Fallstudien und Einzelberichte keine Nachweise für eine Wirkung?

Aufgrund der schon angesprochenen Selbstheilungskräfte, die individuell bei den Einzelnen sicher verschieden stark ausgeprägt sind, gibt es immer Menschen, die auch ohne die Wirkung einer Therapie gesund werden und beispielsweise auch schwerste Infektionskrankheiten oder sogar Krebs überleben und ausheilen. Es mögen von Fall zu Fall nur wenige sein, aber es gibt sie. Demzufolge wird es immer Patienten geben, die darüber berichten können, dass sie (vermeintlich) aufgrund dieser oder jener Therapie geheilt wurden, auch wenn diese gar nichts zum Verlauf des Genesungsprozesses beigetragen hat. Andererseits wird es auch immer Menschen geben, die auch auf die bei anderen sehr wirksame Therapie nicht ansprechen und trotz einer ansonsten wirksamen Behandlung an einer tödlichen Krankheit sterben.

Ein Beispiel einer kürzlich veröffentlichten Studie zur alternativmedizinischen Behandlung von Krebs soll dies verdeutlichen. Das Ergebnis sieben Jahre nach der Diagnose und nach alternativer bzw. konventioneller Behandlung sah so aus:

Ergebnis nach sieben Jahren Alternativmedizin Konventionell
überlebt 144 208
verstorben 136 72

Aus den 144 Patienten, die unter der alternativen Therapie sieben Jahre überlebt hatten, kann man sicher eine ganze Reihe von Fallstudien ableiten, die alle vom Erfolg der Alternativmedizin künden. Man wird auch darauf verweisen können, dass es unter der konventionellen Therapie Todesfälle gibt. Positive Fälle unter konventioneller Therapie werden vielleicht auch ihren Weg in Fallstudien finden – was aber mit Sicherheit bei diesem Vorgehen verloren geht, ist die Tatsache, dass unter den konventionell behandelten Patienten wesentlich mehr überlebt haben. Von den Toten unter der alternativen Behandlung wird es sehr wahrscheinlich keine Fallstudien geben, zumindest sind dem Verfasser keine Fallstudien aus der Alternativmedizin bekannt, die zu einem negativen Ergebnis geführt hätten. Dass dies sogar wesentlich mehr sind als in der konventionellen Gruppe geht in Fallstudien völlig verloren. Schließlich liegen die zuviel Gestorbenen auf den Friedhöfen und verkünden ihren Misserfolg nicht in Talkshows, Büchern oder Interviews.

Schließlich ist auch kaum damit zu rechnen, dass Therapeuten ihre Misserfolge in Fallstudien veröffentlichen und diese werbemäßig genauso stark verbreiten wie die positiven Ergebnisse: Ein ganz wesentlicher Punkt, die Wirksamkeit einer Therapie zu beurteilen, fehlt mithin. Das wäre so ähnlich, als würde man beim Fußball nur die Tore zählen, die die eigene Mannschaft geschossen hat – und darüber vergessen, dass sie vielleicht wesentlich mehr Treffer hinnehmen musste.

Konsequenz: Fallstudien, auch in großer Anzahl, bedeuten nur, dass es eine unbekannte Zahl von Fällen gibt, die unter der Alternativbehandlung genesen sind – und sonst nichts. Dass es diese gibt, ist sicher nicht zu bestreiten, sagt aber nichts darüber aus, ob es nicht viel mehr Patienten gibt, die nicht davon profitiert haben oder von anderen Maßnahmen mehr profitiert hätten.

Welche Ergebnisse liegen vor?

Das HRI führt aus, dass es zum Ende 2014 189 randomisierte Vergleichsstudien gegeben hätte, davon 104, in denen die Wirksamkeit mit der eines Placebo verglichen wurde. Von diesen seien bei 43 positive Ergebnisse aufgetreten, 5 seien negativ gewesen und bei 56 sei ein unklares Ergebnis aufgetreten.

Etwas verwunderlich: Offenbar halten die Autoren dieses Berichts die Tatsache, dass man die Wirksamkeit eines homöopathischen Mittels nicht zuverlässig von einem Placebo unterscheiden kann, das also genauso wirkt wie ein Stück Zucker, nicht für ein negatives Ergebnis. Das ist sehr erstaunlich. Man fragt sich, ob die Patienten, die ihr Geld für ein wirkungsloses Mittel ausgeben und vielleicht auf eine Verbesserung ihres Befindens hoffen, das genauso sehen würden?

Auf jeden Fall ist es bei weitem nicht die Mehrheit der Studien, die ein positives Ergebnis erbracht haben.

Auch der Anteil von gut 40 % erfolgreicher Studien sieht zunächst beeindruckend aus, führt aber in die Irre.

Zunächst ist wegen der Wahrscheinlichkeit der falsch-positiven Ergebnisse von 5 % damit zu rechnen, dass es einige positive Studien gibt, die dennoch Zufallsergebnisse sind.

Dann gibt es den sogenannten Schubladeneffekt, auch Publication bias genannt, der darin besteht, dass positive Ergebnisse leicht und gerne veröffentlicht werden, negative dagegen eher dazu neigen, für immer in der Schublade bleiben. Dazu kommen dann noch Schwächen in den Studien, etwa in der Verblindung der Versuchspersonen oder den angewandten Verfahren zur Auswertung, die dazu führen können, dass die Ergebnisse in eine positive Richtung verfälscht werden. Alles dies treibt den Anteil der positiven Studien am gesamten Bestand nach oben.

Wie bereits ausgeführt, kann man einen Nachweis einer Wirksamkeit der Homöopathie in irgendeiner Indikation nur dann anerkennen, wenn Studien unabhängig wiederholt und in systematischen Übersichtsarbeiten zusammenfassend betrachtet worden sind. Hierzu müsste man selbstredend die gesamte vorliegende Evidenz betrachten, nicht nur die positiven Ergebnisse herauspicken.

Solche Reviews gibt es in der Tat. Angefangen von einer Arbeit von Kleijnen et al. aus dem Jahr 1991 [1] bis zuletzt von Mathie et al. in 2017 [2] gibt es acht größere solcher Übersichtsarbeiten, die die Homöopathie indikationsübergreifend betrachten und alle zu recht ähnlichen Ergebnissen kommen: Die Studienlage mag darauf hindeuten, dass es kleine Effekte geben könnte, die über das Placebo hinausgehen, jedoch ist die Qualität der vorliegenden Studien so niedrig, dass hieraus keine belastbaren Schlussfolgerungen gezogen werden können. Weder für die Homöopathie generell noch für irgendeine Indikation. Auch die größte bislang veröffentlichte Arbeit, die des australischen Gesundheitsministeriums von 2015, kommt zu diesem Schluss [3], ebenso wie Mathie vom Homeopathy Research Institute.

Schlussfolgerung

Es gibt tatsächlich keine wissenschaftlichen Nachweise dafür, dass Homöopathie wirkt.

Was Homöopathen dazu sagen

Das HRI führt noch einige Überlegungen an, dass die Quote von 43 % an positiven Studien die gleiche sei, wie sie in Studien zur konventionellen Medizin auftrete. Ja und? Was soll solch ein Vergleich aussagen? Wenn ich meine literarischen Fähigkeiten mit denen von Thomas Mann vergleichen will, ist es sicher nicht hilfreich, festzustellen, ob ich prozentual genauso viele Schriften verwerfe wie er. Wichtig wäre der Vergleich dessen, was übrig bleibt – nach Qualität selbstverständlich, nicht nach Quantität. Oder klingt dieser Artikel hier wie aus den Buddenbrooks?

Ein Ansatz nach dem Motto „Wer hat gewonnen?“ ist absurd. Zudem sind homöopathische Studien Bestätigungsforschung, also die Suche nach einem positiven Ergebnis, was an sich einen höheren Bestätigungsfehler im Vergleich zu wirklich ergebnisoffener Forschung erwarten lässt – und damit eigentlich eine viel bessere Positivlage für die Homöopathie ergeben müsste, insbesondere, wenn man auch ins Betracht zieht, mit welch hohem Anspruch die Homöopathie hinsichtlich einer der konventionellen Medizin zumindest gleichwertigen Wirksamkeit vertreten wird. Demgemäß wäre von den Homöopathen viel eher zur Zahl der „negativen“ Ergebnisse ihrer Forschung Stellung zu nehmen, die ja in Anbetracht der geschilderten Bedingungen als außergewöhnlich hoch angesehen werden muss.

Ein anderer Aspekt wird aufgeworfen, nämlich der Mangel an öffentlicher Finanzierung von Forschung zur Homöopathie. Hierzu ist anzumerken:

Die DHU gehört mit dem größten Hersteller von Homöopathika in Österreich zur Firmengruppe Dr. Willmar Schwabe. Nach den Angaben auf der Webseite macht Schwabe einen Umsatz von 900 Millionen Euro und gibt davon ganze 32 Millionen für Forschung aus. Branchentypisch wären etwa 14 %, also rund 125 Millionen Euro. Da wäre noch sehr viel Luft für entsprechende Forschungsförderung [4,5]

Quintessenz:

Wir bleiben dabei: Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis für eine über Placebo hinausgehende Wirkung der Homöopathie – und das liegt nicht am Mangel an Geld, das in die Forschung investiert werden könnte.

Quellen und Literatur

[1] Kleijnen J, Knipschild P, ter Riet G: “Clinical trials of homeopathy“, BMJ 1991; 302:316-23, Link

[2] Mathie RT, Ramparsad N, Legg LA et al.: “Randomised, double-blind, placebo-controlled trials of non-individualised homeopathic treatment: Systematic review and meta-analysis“, Systematic Reviews 2017;6:663, Link

[3] National Health and Medical Research Council. 2015. “NHMRC Statement on Homeopathy“, Canberra: NHMRC 2015  Link 

[4] NN: „Statistics 2015 – Die Arzneimittelindustrie in Deutschland“, vfa-Broschüre, Seite 10, Link

[5] Webseite der Fa. Wilmar Schwabe, Facts and Figures per December 31,2016 Link

Bild: Fotolia_130625327

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5 Kommentare zu Kritik der Homöopathen an der Homöopathiekritik I: Wissenschaftliche Nachweise

  1. Pingback: Neue Serie: „Zur Kritik an der Homöopathiekritik“ @ gwup | die skeptiker

  2. Dr. Hartmut Berger sagt:

    Sehr geehrter Herr Dr. Aust,
    zum Vorwurf der Homöopathen, daß keine öffentlichen Gelder für Forschungen zur Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel ausgegeben werden, möchte ich bemerken, daß kaum ein ernsthafter Naturwissenschaftler oder wissenschaftlich orientierter Mediziner seine Zeit verschwenden möchte, um etwas zu untersuchen, wo ein positives Ergebnis von vornherein jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehrt, zumal das System der wissenschaftlichen Selbstverwaltung (z.B. DFG) Geldmittel nur auf der Grundlage plausibler Vorarbeiten locker machen würde. Und doch könnte man vielleicht für eine entsprechende – und entsprechend umfangreiche – klinische Studie versuchen, unabhängige Geldgeber zu finden: Man nehme ein klares und möglichst leicht überschaubares Krankheitsbild (oder auch mehrere) und eine Kommission aus Homöopathen (die natürlich für die Auswahl des homöopathischen Arzneimittels zuständig wären) und Medizinern, die sich über das genaue Studiendesign einigen. Die Behandlung der Patienten und deren Untersuchung könnte man ausgewählten Homöopathen überlassen. Eine solche „gemeinsame“ Studie nach allen Regeln der Kunst (Doppelblind usw.) würde vielleicht ein starkes Signal an alle Homöopathie-„Interessierten“ aussenden. Was halten Sie davon?
    Mit freundlichen Grüßen, H. Berger

    • Norbert Aust Norbert Aust sagt:

      Sehr geehrter Herr Dr. Berger,

      die Idee, eine Art alles entscheidende Studie aufzulegen, die dann die Welt überzeugt, hat auf den ersten Blick einiges für sich – allerdings einen kleinen Schönheitsfehler: Eine solche Studie gibt es bereits, und die Homöopathen sind sehr gut darin, das Ergebnis zu ignorieren:
      Die „Münchner Kopfschmerzstudie“ von Walach et al. [1] weist sehr viele Merkmale auf, die Sie in ihre, Vorschlag ansprechen:

      – Die Diagnose wurde wurde von einem unabhängigen Neurologen gestellt.
      – Es ging um chronische Kopfschmerzen, eine Indikation, die nach dem homöopathischen Selbstverständnis besonders gut zu therapieren ist.
      – Ausgeschlossen wurden Patienten, die Mittel einsetzten, die die Wirkung der Homöopathika möglicherweise beeinflussen könnten, darunter z.B. auch Contraceptiva.
      – Sie mussten auch bereit sein,auf Kaffee, Pfefferminz und andere stark aromatische Speisen und Getränke zu verzichten, die nach homöopathischer Lehre die Heilung beeinflussen.
      – Für jeden Fall wurde eine Fallkonferenz von sechs Homöopathen durchgeführt und nur die Patienten kamen in die Studie, bei denen ein Konsens zum richtigen Mittel hergestellt werden konnte. Man konnte sich also die vermeintlich gut therapierbaren Patienten aussuchen.
      – Lange Vorlauf- und Nachbeobachtungszeit.

      Viel freundlicher kann man es für die Homöopathen eigentlich nicht machen. Auch der Hauptautor, Harald Walach, ist sicher nicht gegen die Homöopathie voreingenommen.

      Ergebnis: die Homöopathie hat versagt, es konnte kein signifikanter Unterschied zwischen Verum und Placebo festgestellt werden, eine glatte Katastrophe.

      Was ist nach der Veröffentlichung passiert?
      Nichts ist passiert. Bei keinem Mittel verschwanden die Kopfschmerzsymptome aus der Materia medica. Nirgends wird diese Studie zitiert, wenn sich Homöopathen auf die angeblich positiven Wirkungsnachweise berufen.

      Nicht nur das: Die letzten großen Reviews, allen voran das umfangreiche Review des NHMRC kam zu einem für die Homöopathen niederschmetternden Ergebnis [2]. Das sich übrigens recht gut auch in den Reviews von Mathie, einem Mitarbeiter des Homeopathic Research Institute wiederfindet [3, 4]

      Dazu haben sich nach der russischen auch die Vereinigung der Europäischen Akademien der Wissenschaften klar gegen die Homöopathie positioniert [5].

      Was passiert?
      Großes Geschrei – aber sonst nichts. Niemand wurde überzeugt.

      In Summe bedeutet das, dass es einigermaßen sinnlos ist, die Homöopathen auf dem Wege der nicht nachweisbaren Wirksamkeit zu überzeugen. Man ist geübt darin, unvorteilhafte Fakten einfach auszublenden. Im Zweifelsfalle findet sich immer eine Stimme, die aufzeigen kann, dass ja aus homöopathischer Sicht völlig falsch behandelt wurde, dass die beteiligten Homöopathen ja offensichtlich nichts von der Homöopathie verstehen, vielleicht von der bösen Pharma gekauft worden sind etc. etc.

      Schön wärs, wenn es anders ginge, aber da ist zu viel Geld involviert und man hat den Erfindungsreichtum sehr vieler Leute gegen sich, die aufzeigen wollen, warum es ausgerechnet so nicht geht.

      Viele Grüße
      NA

      Quellen:
      [1] Walach H, Haeusler W, Lowes T et al.: “Classical homeopathic treatment of chronic headaches“, Cephalagia(1997);17:119-126, (http://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1046/j.1468-2982.1997.1702119.x)

      [2] National Health and Medical Research Council. 2015. “NHMRC Statement on Homeopathy“, Canberra: NHMRC;2015 https://www.nhmrc.gov.au/_files_nhmrc/publications/attachments/cam02_nhmrc_statement_homeopathy.pdf

      [3] Mathie RT, Lloyd SM, Legg LA et al.: “Randomised placebo-controlled trials of individualised homeopathic treatment: systematic review and meta-analysis“, Systematic Reviews 2014;3:142 https://systematicreviewsjournal.biomedcentral.com/articles/10.1186/2046-4053-3-142

      [4] Mathie RT, Ramparsad N, Legg LA et al.: “Randomised, double-blind, placebo-controlled trials of non-individualised homeopathic treatment: Systematic review and meta-analysis“, Systematic Reviews 2017;6:663 https://systematicreviewsjournal.biomedcentral.com/articles/10.1186/s13643-017-0445-3

      [5]European Academies Science Advisory Council: Homeopathic products and practices: assessing the evidence and ensuring consistency in regulating medical claims in the EU“, EASAC:September 2017 http://www.easac.eu/fileadmin/PDF_s/reports_statements/EASAC_Homepathy_statement_web_final.pdf

  3. Katrin Gräfe sagt:

    Sehr geehrter Herr Aust,
    mir, als Patientin, ist in Deutschland kaum eine Methode der Schul- oder Alternativmedizin bekannt, die solch eine große Anzahl Kritiker auf den Plan ruft, wie die Homöopathie.
    Aus welchem Grund sehen Sie sich denn berufen, die Anzahl der, durchaus mündigen Bürger, die auf die Homöopathie zurückgreift, auf die Wirksamkeit (oder wie Sie meinen Nichtwirksamkeit) aufmerksam zu machen?
    Ich kann doch, als erwachsener Mensch, auch ohne Ihr Zutun, entscheiden, ob ich eine Erkrankung mit Homöopathika oder allopathisch behandeln lassen möchte….
    Mit freundlichen Grüßen
    Katrin Gräfe

  4. Norbert Aust Norbert Aust sagt:

    Sehr geehrte Frau Gräfe,
    ich denke, mit dem Impfen kennen Sie eine Methode der Universitätsmedizin, die ebenfalls eine große Anzahl von Kritikern auf den Plan gerufen hat.
    In Ihrer weiteren Argumentation werfen Sie aber zwei Dinge durcheinander: Niemand von uns will sich bei Ihnen oder irgendjemand anderem in die Therapieentscheidung einmischen. Sollte irgendeine Formulierung auf meinem Blog oder in anderen Beiträgen dahingehend verstanden werden können, dann ist das ein Mißverständnis und ich würde dies gerne korrigieren.
    Wir glauben allerdings, dass der mündige Patient zu eben diesem Mündigsein auch Zugang zu zutreffenden Informationen zur Homöopathie und deren Wirksamkeit haben muss, was wir angesichts der sehr einseitigen Darstellungen aus interessierten Kreisen in den Medien nur als eingeschränkt gegeben ansehen.
    Wenn Sie wissen, sehr geehrte Frau Gräfe, dass die Homöopathie auf den längst überholten aber unveränderten Krankheitslehren aus der Zeit Napoleon Bonapartes beruht und Homöopathika nichts anderes sind als die Verdunstungsrückstände von geschütteltem Wasser auf Zucker, und sich dennoch dafür entscheiden: Nur zu, niemand von uns wird Sie dafür kritisieren oder Sie daran hindern wollen.
    Viele Grüße
    Norbert Aust

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