Miasmen und chronische Krankheiten in der Homöopathie

Hahnemanns ‚Chronische Krankheiten‘ gelten als der problematischste Teil seiner Lehre, waren sie doch sogar bei seinen Schülern und Anhängern sehr umstritten. Zu Recht? Eine vertiefte Kenntnis der Grundlagen kann für den Dialog mit den Vertretern der Homöopathie kein Nachteil sein.

In Kürze

Hahnemanns letzte wichtige Veröffentlichung, ‚Die chronischen Krankheiten‘, wirkt auf den ersten Blick wie das Spätwerk eines mittlerweile verbissenen Greises, der die Bodenhaftung inzwischen gänzlich verloren hat. Dieses Bild verflüchtigt sich aber, wenn man sich näher mit dem Text beschäftigt. Man kann darin ein Paradebeispiel dafür sehen, dass man trotz einigermaßen folgerichtiger Induktion zu falschen Schlussfolgerungen gelangen kann und wie wichtig moderne wissenschaftliche Methoden sind. Im Endeffekt steht Hahnemann mit seiner Sichtweise der modernen Medizin und Naturwissenschaft wesentlich näher als seine heutigen Nachfolger, die die Lehre von den chronischen Krankheiten ‚weiterentwickelt‘ haben.

In Länge

In meinem Buch (hier) hatte ich mich ausführlich darüber ausgelassen, dass Hahnemanns Konzeption der Homöopathie auf Irrtümern beruht, die er aber infolge der Beschränkungen seiner Zeit nicht erkennen oder überwinden konnte. Die Fehlinterpretation des Chinarindenversuchs 1790 ist darin der wohl bedeutungsvollste Irrtum.

Aber Hahnemanns Behauptung einer ‚geistartigen‘ Wirkung wird verständlich, wenn man bedenkt, dass der Begriff des Atoms ihm zwar durchaus geläufig war, aber eher als eine philosophische oder hypothetische denn als reale physikalische Größe. Das Atom war die gedachte kleinste Einheit eines Stoffes, dem noch individuelle Eigenschaften zuzuordnen sind. Dass ihre Zahl in einer bestimmten Stoffmenge zwar groß aber durchaus endlich ist, wurde erst einige Jahre nach Hahnemanns Tod (Loschmidt, 1865, Link) entdeckt. Hahnemann ging von einer unbegrenzten Teilbarkeit seiner Wirkstoffmengen aus, ohne dass die Eigenschaften gänzlich verloren gehen. Sie sind lediglich unabhängig von einer noch erkennbaren Wirkstoffmenge – geistartig eben.

Andererseits war Hahnemann auch bekannt, dass viele Krankheiten durch Infektion übertragen werden, also durch den Kontakt oder die Nähe zu einem Erkrankten oder einer anderen Infektionsquelle, einem tollwütigen Hund zum Beispiel. Er konnte also durchaus feststellen, dass eine – mit seinen Mitteln – nicht mehr feststellbare winzige Menge eines unbekannten Giftes zu erheblichen Beeinträchtigungen und Krankheitserscheinungen führen kann. Warum sollen dann nicht winzigste Mengen eines Heilmittels ebenfalls umfassende Wirkung zeigen können? Die Genese einer Infektionskrankheit, die Vermehrung der Erreger im Körper des Betroffenen, blieb ihm ja mangels Mikroskop verborgen. Hahnemanns Forderung, seine Medikamente in möglichst kleinen Gaben zu verabreichen ist daher nicht so abstrus, wie es uns zunächst erscheint.

Er hat übrigens immer von einer kleinstmöglichen Gabe des Mittels gesprochen, er ging also davon aus, dass der Patient auch etwas davon abbekommt ([1], §279). Dass das bei C30, einer seiner bevorzugten Potenzen, nicht mehr der Fall ist, konnte Hahnemann nicht wissen. Es ist eine interessante Fragestellung, was passiert wäre, wenn ihm bekannt geworden wäre, dass ab einer gewissen Potenz keine Wirkstoffe mehr in seinen Arzneien enthalten sind. Wie gesagt, Hahnemann war diese Problematik unbekannt – seinen Nachfolgern allerdings nicht.

Auch dass Hahnemann die Wirkung des Verschüttelns überbewertete, was uns heute als ein Hauptansatzpunkt der Kritik an der Homöopathie dient, ist verständlich ([1], §269). Der Satz von der Erhaltung der Energie wurde ebenfalls erst nach Hahnemanns Tod aufgestellt (Helmholtz, 1847, Link). Dass mechanische Arbeit in einem ganz festen Verhältnis in Wärme umgesetzt werden kann, war Anfang des 19. Jahrhunderts unbekannt. Im damaligen Weltbild, das weitestgehend mechanisch geprägt war, gab es durchaus unerklärliche Erscheinungen, die offenbar durch Bewegung verursacht wurden, eben die Entstehung eines Wärmestoffs, des Magnetismus etc.. Warum also nicht auch eine Verstärkerwirkung für Arzneimittel?

Hahnemann tat jedenfalls immer das, was ein Wissenschaftler zu seiner Zeit machen musste: Er beobachtete ‚die Natur‘ und leitete daraus seine Erkenntnisse ab. In seinem erstmals 1810 veröffentlichten Hauptwerk, dem ‚Organon der rationellen Heilkunde‚ [1] beschreibt er seine Beobachtungen, zitiert andere Autoren und stellt seine Schlussfolgerungen dar. Da werden gegensätzliche Erst- und Zweitwirkungen von therapeutischen Eingriffen beschrieben ([1], §65) und auch Beispiele dafür, dass sich Krankheiten mit ähnlicher Symptomatik gegenseitig auslöschen([1], §46). Damit stellt Hahnemann seine Erkenntnisse und den Weg dazu seinen Fachkollegen zur Diskussion. Dass er auf Kritik recht heftig und unduldsam reagierte, ist eher ein Hinweis auf seinen Charakter als auf seine Arbeitsweise.

So weit so schön.

Hahnemann war in der Sicht seiner Zeit also sicher kein esoterischer Spinner. Er kam zwar zu ungewöhnlichen Ergebnissen, die bei seinen Fachkollegen Befremden auslösten. Aber dieser Effekt trat zu allen Zeiten bei der Veröffentlichung von Ergebnissen auf, die dem aktuellen Weltbild widersprachen. Vor allen Dingen muss man sehen, dass seine Gegner weitestgehend noch der Viersaftlehre anhingen, die aus heutiger Sicht noch weit abstrusere Anschauungen zu Krankheitsursachen beinhaltet.

Aber dann veröffentlicht Hahnemann 1828 im Alter von 73 Jahren ‚Die chronischen Krankheiten, ihre eigenthümliche Natur und homöopathische Heilung‘ [2] und stößt damit selbst bei seinen Schülern und Anhängern auf Befremden. Im Kernpunkt führt er die chronischen Erkrankungen des Menschen, und zwar alle, ohne Ausnahme, auf nur drei ‚Miasmen‘ genannte Urübel zurück. Die Syphilis (Geschlechtskrankheit), die Sykosis (‚Feigwarze‘, ebenfalls sexuell übertragbare Krankheit) und die Psora (‚Krätze‘) – das schlimmste und gefährlichste Miasma überhaupt – sind die Ursachen für das dauerhafte Leiden chronisch erkrankter Menschen.

Das klingt auch in heutigen Ohren abenteuerlich. Haben ihn denn jetzt alle guten Geister verlassen? Sucht er krampfhaft nach Erklärungen für das eigentlich klare Zutagetreten des Versagens seiner Therapien? Phantasiert er sich da etwas zusammen, um nicht einen Fehler eingestehen zu müssen?

Sehen wir uns das doch einmal an. Denn das Verständnis dafür, was eigentlich hinter diesen uns auf den ersten Blick unverständlichen Anschauungen steckt, kann für eine Auseinandersetzung mit den Inhalten der Homöopathie nur nützlich sein. Eine Anmerkung vorweg: auch wenn jetzt aus dieser Betrachtung herauskommt, dass man Hahnemanns Gedankengänge nachvollziehen kann, soll das nicht bedeuten, dass die Homöopathie als eine wirksame Therapieform zu sehen ist. Dies ist nach wie vor nicht der Fall, denn wir werden auch hier Irrtümer Hahnemanns feststellen, die sich bis in den heutigen Tag in der Lehre gehalten haben – und eher verstärken als abnehmen. Aber die Kenntnis, wo diese Irrtümer liegen, ist sicher auch hilfreich.

Darüber hinaus kann man in dieser Betrachtung fast ein Lehrstück dafür sehen, wie und warum sich die wissenschaftliche Methodik weiterentwickelt hat und Irrtümer und Fehlschlüsse heute sicherer vermieden werden als zu Zeiten der französischen Revolution.

Erster Fehlschluss:
Alle Beschwerden sind durch Homöopathie heilbar, es sei denn…

Die folgende Darstellung bezieht sich auf den unter diesem Link im Internet verfügbaren Volltext der ‚Abhandlungen‘ aus dem ersten Band mit dem Titel ‚Natur der Chronischen Krankheiten‘. Leider ist der Text nicht weiter gegliedert, so dass keine genauere Angabe der Textstellen möglich ist.

Nach den im Organon niedergelegten Prinzipien müsste die Homöopathie eigentlich geeignet sein, alle Beschwerden zu heilen. Davon dürfte Hahnemann überzeugt gewesen sein. Wenn das so ist, dann gibt es nur drei Möglichkeiten, warum es in manchen Fällen eben nicht zu einem Heilungserfolg kommt:

  • Der Patient ist schon zu sehr geschädigt, als dass die Lebenskraft noch in ihr Gleichgewicht gebracht werden könnte. Das ist insbesondere der Fall, wenn allopathische Ärzte den Patienten mit ihren Mitteln verdorben haben.
  • Das richtige Mittel wird nicht gefunden oder ist vielleicht noch nicht bekannt. Das konnte Hahnemann ausschließen, schließlich hat er selbst, der Meister, die Fälle behandelt und jetzt, über 20 Jahre nach Einführung der Homöopathie, gibt es auch genügend in ihrer Wirkung bekannte Mittel.
  • Es muss eine tiefere Ursache geben, die verhindert, dass ein nach den erkannten Symptomen bestmöglich ausgewähltes Mittel die Heilung erreicht.

Letztere Möglichkeit ist die, die Hahnemann in Betracht zog. Die vierte Möglichkeit, die aus heutiger Sicht viel naheliegender ist, kann er nicht in Erwägung ziehen, das würden selbst weniger dogmatische und eigensinnige Menschen als Hahnemann nicht hinbekommen: dass nämlich die Homöopathie per se unwirksam ist, seine Erfolge auf ganz anderen Mechanismen beruhen. Allen voran die Tatsache, dass er die Patienten nicht selbst umbrachte, wie es die damaligen Kollegen der konventionellen Medizin durchaus taten, mit ihren Abführmitteln, Brechmitteln, Aderlässen und den verabreichten ‚Arzneien‘. Verstopfung wurde zum Beispiel durchaus dadurch geheilt, dass der Patient mehrere Kilo Quecksilber trank und durch den dadurch aufgebauten Druck der Darm freigespült wurde (Link). Mortalitätsraten sind mir allerdings nicht bekannt.

Hahnemann hat also nicht gleichwertig alle denkbaren Lösungen betrachtet. Wie gesagt, es wäre auch vom menschlichen Standpunkt her zuviel verlangt, wenn man ein jahrzehntelanges Engagement hinter sich gebracht hat, sich mit weiten Kreisen der Kollegenschaft gründlich überworfen hat und dabei im Vergleich zur Konkurrenz durchaus sehenswerte Erfolge zu verzeichnen hatte.

Also, lieber einen neuen Effekt kreieren als einen Irrtum zugeben?

Was sind chronische Krankheiten?

Zunächst ist festzuhalten, dass die Homöopathie den Begriff der Krankheit, so wie wir ihn heute verstehen, eigentlich nicht kennt. Wenn wir heute eine Krankheit als ‚Rheuma‘ oder ‚Asthma‘ bezeichnen, dann umfasst das begrifflich nicht nur die Symptome eines Patienten, sondern beinhaltet auch gleich eine Aussage zur Ursache und zur möglichen Therapie. ‚Rheuma‘ ist etwas anderes als ‚Arthrose‘, was sich wiederum von ‚Arthritis‘ unterscheidet, obwohl die Symptome über weite Strecken doch ähnlich sind (die Mediziner mögen mir verzeihen, wenn ich hier vielleicht etwas arg vereinfache, um meinen Punkt darzulegen). Wir wissen schon aus der Bezeichnung, ob ein künstliches Gelenk eine Abhilfemaßnahme sein könnte oder nicht.

Bei den Homöopathen ist eine Bezeichnung für eine Krankheit nur eine vereinfachende Zusammenfassung gemeinsam auftretender Symptome, aber beileibe kein vollständiges Krankheitsbild. Hierzu gehören noch die weiteren Befunde am Patienten, sein generelles Befinden, Geistes- und Gemütszustand und auch Symptome im restlichen Körper.

Die Folge daraus ist, dass es die heutigen chronischen Krankheiten bei Hahnemann gar nicht gibt. Rheuma, Diabetes, COPD als die betrachteten Krankheitsbilder anzunehmen, wäre grundfalsch. Vielmehr geht es um Symptome, die sich einer erfolgreichen Behandlung entziehen.

Eine zutreffende Beobachtung…

Hahnemann hat als die Hindernisse der homöopathischen Heilung sogenannte Urübel identifiziert, die er ‚Miasmen‘ nannte. Dabei macht Hahnemann hier etwas, was die Homöopathen nach ihm immer wieder tun werden, nämlich sich Begriffe aus der zeitgenössischen akzeptierten Wissenschaft auszuleihen und mit anderen Bedeutungen versehen wieder zu verwenden. Hahnemanns Miasmen haben nichts mit den Miasmen zu tun, die in der klassisch-medizinischen Miasmenlehre behandelt werden. Dort sind es Ausdünstungen und Gerüche, die als Krankheitsverursacher gesehen wurden (Link).

Bei Hahnemanns Miasmen handelt es sich hingegen um auslösende Krankheiten, die Syphilis, die Sykosis und die Krätze. Dies sind Infektionskrankheiten – das wusste Hahnemann auch schon – die mit krankhaften Veränderungen der Haut einhergehen, mit Pusteln, Geschwulsten und dergleichen mehr. Der normale Homöopath und auch der konventionelle Mediziner hat zu Hahnemanns Zeiten nur diese Symptome erkennen und behandeln können. Das ist aber nach Hahnemanns Beobachtung grundfalsch, denn das lässt die innere Krankheit unberührt, die sich dann weiter fortentwickeln kann und immer schlimmere Leiden hervorruft.

Und damit hat Hahnemann völlig Recht!
Prinzipiell zumindest.

In der Wikipedia finden sich für das dritte und vierte Stadium einer unbehandelten Syphilis viele Jahre nach Infektion folgende Angaben (Link):

Es bilden sich Knoten, die oft gummiartig verhärtet sind (Gummen, in der Einzahl Gumma). Auf der Haut bilden sie mitunter große Geschwüre, am Gaumen entsteht unter Umständen eine Perforation zur Nasenhöhle.
…..
Ein Viertel der unbehandelten Patienten erkranken an chronischer Hirnentzündung (Syphilis cerebrospinalis), die zu Demenz führt. Zum Teil wird auch von einer erheblichen kurzzeitigen Steigerung der kognitiven mentalen Fähigkeiten der Infizierten berichtet. Die Progressive Paralyse des Neurolues äußert sich durch den zunehmenden Abbau der intellektuellen Fähigkeiten, eine Ataxie und Sprachstörungen. Weiter werden das Rückenmark und seine austretenden Nerven so geschädigt, dass die Patienten zunächst Schmerzen haben, dann Schmerz und Temperatur nicht mehr wahrnehmen (Tabes dorsalis). Das Gehen und die Kontrolle über Blase und Darm sind gestört. Am Ende sind die Patienten gelähmt. Es kann auch zu einer Beteiligung des Sehnerven mit folgender Sehverschlechterung bis zur Erblindung kommen. Weiterhin treten Kreislauf-, Knochen- und Gelenkschäden (Charcot-Gelenke) auf.

Bei Hahnemann liest sich das so:

Wenn dann die getäuschten Unglücklichen bald oder später mit den unvermeidlich auf eine solche Behandlung folgenden Siechthumen, mit Geschwulst-Krankheiten, hartnäckigen Schmerzen an diesem oder jenem Theile, mit hypochondrischen oder hysterischen Beschwerden, mit Gichtübeln, Abzehrungen, Lungeneiterungen, stetem oder krampfhaftem Asthma, mit Blindheit, Taubheit, Lähmungen, Knochenfraß, Geschwüren (Krebs), Krämpfen, Blutflüssen, Geistes- und Gemüthskrankheiten u.s.w. zurückkehren…

Weiter unten im Text zählt Hahnemann eine Fülle von auftretenden Symptomen auf, die alle in der Wikipedia genannten Symptome enthalten.

Für mich sieht das durchaus vergleichbar aus. Der einzige Fehler ist nur, dass Hahnemann diese Symptome nicht der Syphilis als Ursache zugeordnet hat, sondern der Psora, der Krätze. Dabei muss man allerdings bedenken, dass die Trennschärfe der verschiedenen Krankheitsbilder für Hahnemann nicht sehr hoch war. Er konnte eine Krankheit nur nach ihrem äußeren Erscheinungsbild identifizieren, eine weitergehende Diagnostik, etwa ein Erregernachweis, stand ja nicht zur Verfügung. Erst 1867, ein Viertel Jahrhundert nach Hahnemanns Tod, konnte überhaupt sicher zwischen Gonorrhoe (Tripper) und Syphilis unterschieden werden. Tischner ([3] S. 102) geht zum Beispiel davon aus, dass es sich bei Hahnemanns Sykosis eigentlich um eine Gonorrhoe handelte. Auch ist aus Hahnemanns Text ersichtlich, dass ‚Psora‘ für ihn offenbar ein Sammelbegriff für verschiedene Problematiken auf der Haut darstellt, denn er wirft den Aussatz (Lepra) und die Krätze – und noch einige andere – durchaus in einen Topf.

… und eine falsche Schlussfolgerung

Hahnemann hatte also zutreffend beobachtet, dass die Symptome auf der Hautoberfläche nicht immer das volle Krankheitsbild darstellen – was übrigens im Widerspruch zu seinen Aussagen im Organons steht. Aber es ist völlig normal, dass in der Wissenschaft das Wissen zunimmt und frühere Aussagen revidiert werden müssen. Allerdings ist diese Aussage auch in der letzten Ausgabe des Organon noch enthalten ([1], §6).

Einmal auf die Spur gesetzt, dass Beschwerden, die er mit seiner Methode nicht in den Griff bekam, von früheren Infekten herrühren konnten, erweiterte er bei jedem in Frage kommenden Patienten die Anamnese auf Zeiten lange vor den gerade aktuellen Beschwerden. Ja sogar die Eltern sollten zur Befragung herangezogen werden, um die Geschehnisse aus der Kindheit mit zu berücksichtigen.

Und was findet Hahnemann da, in einer Zeit, in der körperliche Hygiene nicht unbedingt Allgemeingut war?

Eben, er findet mit Sicherheit, dass jeder seiner Patienten in der Vergangenheit schon einmal mit Hautproblemen zu tun hatte. Ob es tatsächlich die Krätze war, so wie wir sie heute verstehen, oder die Schuppenflechte, irgendwelche zufälligen Hautirritationen oder nur die ganz normale unreine Haut während der Pubertät – mit Sicherheit hat jeder seiner Patienten irgendein diesbezügliches Erlebnis irgendwann in seinem früheren Leben durchlitten. Die Infektion mit einer Geschlechtskrankheit dürfte wesentlich weniger häufig vorgekommen sein als die leicht übertragbare Krätze oder andere diffuse Hautirritationen.

Was liegt näher, als die Schlussfolgerung, dass diese früheren Beschwerden die Ursachen für die Hartnäckigkeit der aktuellen Symptome darstellen? Bezeichnenderweise sieht Hahnemann in der Krätze die Ursache für sechs Siebtel der Beschwerden. Allerdings ist die Krätze aus heutiger Sicht hinsichtlich innerer Beschwerden vergleichsweise harmlos und die Lepra – der Aussatz – war auch zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Mitteleuropa nurmehr recht selten. Ich vermute daher, dass der schlechte Ruf, den die Krätze sich bei den Homöopathen eingehandelt hat, stark auf einer fehlerhaften Zuordnung beruht – die Hahnemann mit seinen Mitteln nicht erkennen konnte. Weil er viele Krankheiten nicht einfach heilen konnte und die Psora in den Lebensläufen häufig vorkam, schien die Ursache zweifelsfrei identifiziert.

Aus seinen Beobachtungen leitet Hahnemann das Vorgehen bei der Behandlung dahingehend ab, dass bei der ‚miasmatischen Behandlung‚ zunächst die Natur der inneren verborgenen Krankheit in Erfahrung gebracht werden müsse, also im Anamnesegespräch frühere Infektionen herausgearbeitet werden müssen. Die homöopathische Behandlung muss sich zunächst auf diese innere Krankheit beschränken. Das vorzeitige Beseitigen der äußeren Hautbeschwerden nähme der inneren Krankheit nur das Ventil, woraufhin sich diese noch viel grässlicherer Ausdrucksmittel bedienen würde. Ist die innere Krankheit erfolgreich bekämpft, dann werden die krankhaften Veränderungen auf der Haut praktisch von selbst oder nur mit einfachen Mitteln erfolgreich zu behandeln sein.

Wenn man unter Hahnemanns Miasma eine unbehandelte Infektionskrankheit versteht, dann klingt die obige Behandlungsvorschrift auch aus heutiger Sicht gar nicht so unsinnig. Hätte er anstelle seiner Kügelchen Antibiotika verwendet – die gab es aber erst ein paar Dutzend Jahre später – wäre die Vorgehensweise durchaus erfolgsversprechend.

Hahnemann hat aber nun mal nur seine Kügelchen eingesetzt. Unwahrscheinlich, dass er damit tatsächlich eine Syphilis-Infektion erfolgreich behandelt haben könnte. Das hat ihn aber nicht von seinen Vorstellungen abgebracht, denn er nahm gleichzeitig an, dass eine Krankheit um so schwieriger zu behandeln sei, je länger sie bereits andauerte. Und eine zwanzig oder dreißig Jahre alte Infektion zu beseitigen muss daher fast unmöglich gewesen sein, insbesondere, wenn der Patient durch Fehlbehandlungen seitens der Allopathen ‚verpfuscht‘ worden war. Wenn also eine Heilung einer miasmatischen Erkrankung nicht gelang – dann lag das an der Hartnäckigkeit der Krankheit, nicht an den Mängeln der Therapie.

So weit verfügte Hahnemann aus seiner Sicht über ein durchaus stimmiges Weltbild, das in manchen Aspekten erstaunlich gut mit dem heutigen Kenntnisstand über Infektionen übereinstimmt.

… und wie man das heute zu vermeiden sucht

Hahnemann hat also aus seinen Beobachtungen durchaus eine folgerichtige Induktion aufgebaut – und sich dennoch geirrt. Es ist einfach nicht zutreffend, dass alle Beschwerden, die sich nicht auf Anhieb mit der Homöopathie behandeln lassen, auf drei Haut- und Geschlechtskrankheiten zurückzuführen sind, auch wenn man unterstellt, dass die Abgrenzung zu anderen Krankheitsbildern mit ähnlicher Symptomatik nicht unbedingt klar und deutlich war.

Wie hätte man diesen Irrtum feststellen können?

In der Wissenschaft ist die Induktion, also die Schlussfolgerung von Beobachtungen auf vermutete Gesetzmäßigkeiten, ein wichtiger Schritt. Aber wie man sieht, man kann da auch in die Irre gehen, wenn man die Zusammenhänge falsch einschätzt. Daher ist es wichtig – und heute üblich – die abgeleiteten Gesetzmäßigkeiten in einem zweiten Schritt zu überprüfen – und das Ergebnis später noch der wissenschaftlichen Gemeinschaft zur Diskussion zu stellen. Da kommen dann die verschiedenen Studien ins Spiel.

Die Aussage, dass die chronischen Beschwerden von den drei betrachteten Krankheiten verursacht werden, kann auf zwei Weisen falsifiziert werden:

  • Treten chronische Beschwerden auch bei Menschen auf, die keine entsprechende Krankengeschichte aufweisen? Damit hätte man herausfinden können, dass es auch chronische Krankheiten gibt, die eine andere Ursache haben, und hätte daraufhin die Ursachenforschung erweitern können.
  • Treten in allen Fällen, in denen eine der als Ursache angenommenen Infektionen nur äußerlich behandelt wurde, die chronischen Beschwerden auf? Dies hätte die Behandlungsstrategie verbessern können. Beispielsweise hätte sich gezeigt, dass die Krätze tatsächlich nur eine durch Milben verursachte, auf die Haut beschränkte Erscheinung ist.

Lassen wir dabei einmal außer Acht, dass ein Studiendesign, das dieses untersuchen könnte und dabei gleichzeitig mit ethischen Gesichtspunkten vereinbar wäre, nur schwierig zu realisieren sein dürfte. Hier geht es lediglich darum, aufzuzeigen, wie die Wissenschaft sicherstellt, dass Fehlschlüsse, wie sie hier Hahnemann unterlaufen sind, ausgeschlossen werden.

Wie man sieht, versucht man die gefundene Regel zu widerlegen, indem man untersucht, ob das Gegenteil zutreffend sein könnte. Widersprüche führen zu einer Überprüfung der Regel. Hier hätte sich ein weites Feld aufgetan, aber dieses Vorgehen war nicht üblich.

Die miasmatische Behandlung heute

Es scheint mir gerechtfertigt, die Miasmen Hahnemanns als eine Bezeichnung für das im Inneren des Körpers ablaufende Geschehen bei einer unbehandelten und fortbestehenden Infektion zu verstehen. Dann wäre diese Vokabel mit den zunehmenden Kenntnissen über virale und bakterielle Infektionskrankheiten in der Vergangenheit überflüssig geworden. Auch sind heute viele chronische Krankheiten zumindest so weit bekannt, dass sie ihre Ursache nicht in früheren Infektionen haben (Rheuma, Diabetes, COPD etc.). Dennoch lebt das Miasma und seine Behandlung in der homöopathischen Literatur fort, einen Überblick gibt der Artikel in der Wikipedia (Link).

Inzwischen ist die Zahl der Miasmen sogar auf zehn angestiegen und die Miasmen selbst scheinen vollständig in das Reich der Esoterik abgedriftet zu sein. Da ist von ‚Mustern der Fehlwahrnehmung des Einzelnen und die Auseinandersetzung des Organismus mit sich und seiner Umwelt‚ die Rede oder dass eine ‚Bedingung für eine Erkrankung darin [bestehe], dass die Menschen ihr transzendentes Ziel aus dem Sinn verlieren‚. ‚Überkompensation, Verleugnung oder mit Aggressiv-Schuld zuweisende, zerstörende Haltung‚ beschreiben eine ‚tertiäre Psora‚. Und so weiter und so fort.

Hahnemann war da deutlich näher am heutigen Kenntnisstand.

Quintessenz:

Man kann Hahnemann zugestehen, in der Natur zumindest einiger chronischer Beschwerden gar nicht so falsch gelegen zu haben und nur durch die beschränkten Möglichkeiten seiner Zeit zwangsläufig in seinen Irrtümern gefangen geblieben zu sein. Also in seinem Erkenntnisprozess durchaus einen richtigen Weg eingeschlagen zu haben, dabei allerdings in einem frühen Stadium verblieben zu sein.

Für seine Nachfolger, insbesondere die modernen die Miasmentheorie bearbeitenden Homöopathen wie Masi-Elizalde (1933-2003), Sankaran (* 1960) oder Gienow (*1960), gilt diese wohlwollende Betrachtung ausdrücklich nicht.

Nachtrag (21.11.2014):

Eine lesenswerte Auseinandersetzung mit der heutigen Bedeutung der Miasmenlehre findet sich neben anderen nicht minder lesensswerten Betrachtungen hier (Link).

Literatur

[1] Hahnemann S: ‚Organon der Heilkunst‘, nach der handschriftlichen Neubearbeitung Hahnemanns für die 6. Auflage, Ulm 1958,, Link zum Volltext

[2] Hahnemann S: ‚Die chronischen Krankheiten‘, Band 1, Dresden, Leipzig 1835, Link um Volltext

[3] Tischner R: ‚Das Werden der Homöopathie‘, Nachdruck der Ausgabe von 1950, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005

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39 Kommentare zu Miasmen und chronische Krankheiten in der Homöopathie

  1. Sehr interessanter Artikel sowie spannende Disskusionspalte!

    Ich betreibe selbst einen Heilpraxis und behandle dort chronische Erkrankungen mit homöopathischen Mitteln. Ich habe über Jahre hinweg die Erfahrung gemacht, dass sich die Beschwerden meiner Patienten deutlich verbessert haben. Dazu sei natürlich gesagt, dass ich die homöopathische Therapie auch begleitend zur Schulmedizin einsetzte.

    • Ute Parsch sagt:

      Naja, so lange Sie selbst wissen, dass Sie mit Placebos arbeiten und den Patienten wirksame Verfahren nicht aus- oder pseudowissenschaftliche Inhalte einreden, ist dagegen grundsätzlich nichts zu sagen.

      Man sollte halt gerade als Therapeut den Trugschluss vermeiden, die im Laufe von Monaten oder Jahren beobachtbaren Veränderungen im Beschwerdebild würden eben doch eine Wirksamkeit der Kügelchen belegen.

      Grüße

  2. Hartiphone sagt:

    „nämlich nicht, um die Diskussion über Homöopathie wirklich anzuregen und zu bereichern, sondern um sie lahmzulegen und zu verteufeln.“
    Das Problem der Homöopathie liegt genau darin, dass wenn die Diskussion angeregt wird ziemlich viel an die Oberfläche kommt, was nicht gewünscht ist.
    Mir stellen sich viele Fragen über das Wassergedächtnis, wie weiß dieses Teufelszeug denn, dass nur der gewollte Wirkstoff sich potenziert? Und nicht der Rest, der eh schon drin? Macht das wirklich das verschütteln? Oder heißt es verdünnen? Ist beides potenzieren? Wenn man sich die Vorschriften hierzu anschaut glaubt man nicht, dass dies ein rationaler Mensch glauben würde. Diese Fragen werden doch hier aufgeworfen, und nichts wird lahmgelegt. Vieles weitere wird offen dargestellt mit der Bitte um konstruktive Diskussion.
    Alte Sichtweisen, neue Diskussionen, das ist doch ehrlich gesagt ein Hilferuf.

  3. Kathrin S. sagt:

    Es ist auch wenig hilfreich, in einer Diskussion, in der es um die Wirksamkeit von Substanzen geht, mit Weltbildern zu argumentieren – zumal die Frage ist, was ein“rationales“ Weltbild sein soll. Man kann rational denken, und bei Nachweisen von Wirksamkeit kann es nicht anders als rational zu gehen. Verordner von Arzneimitteln brauchen Nachweise von Evidenz, kein Arzt kann auf ein „Es könnte heilen“ etwas zur Anwendung bringen, dessen Nutzen nicht nachgewiesen ist (Was nicht ausschließt, dass ein Mittel auch mal nicht anschlägt). Das wäre nicht verantwortlich. Anerkannt ist, was wirkt. Die Bezeichnung Schulmedizin, da wird ja immer darauf hingewiesen ist nicht evident: Sie soll eigentlich eine Grenze markieren zu einem vermeintlich besseren, da auf mystischen basierenden wundersamen in der „Natur“ als Gegenwelt schlummernden Möglichkeiten des Heilens. Das ist leider Wunschdenken.
    Wissenschaft hat nichts mit Mystik zu tun. Das beides zu vermischen (‚echte‘ Mystiker stünden wahrscheinlich die Haare zu Berge) ist Quark und soll aus Wunschdenken entstandenes aufwerten und diskussionswürdig erscheinen lassen. Was würden Sie sagen, wenn sie nach einem Unfall schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert werden würden und es würden erst mal, statt Sie zu operieren erst mal Moxahütchen angezündet werden und gependelt, was der Arzt am Besten unternimmt. Das lässt er dann, weil die Karten sagen, dass es sowieso mit Ihnen vorbei ist und sie in eine bessere Welt übegehen würden, so ganz spirituell 😉

  4. Silvan Buess sagt:

    Auch wenn ich weder ein „studierter“ Arzt oder Homöopath bin, möchte ich nun doch auch noch etwas dazu loswerden.

    Fakt ist doch einfach, dass die Wissenschaft oder herkömmliche Medizin sich nicht mit dem „unerklärlichen“ auseinandersetzen will. Man muss doch einsehen, dass es auf dieser Welt einfach Dinge gibt, die wir wissenschaftlich (noch) nicht erklären können.
    Man nehme nur schon der Placebo und No-cebo Effekt. Bei diesen Studien muss man doch irgendwann davon ausgehen, dass da noch mehr im Busch ist, als nur „Aspirin für Alle!“. Ich übertreibe nun.

    Aber es gibt scheinbar doch halt immer wieder Menschen, die diesen „unerklärlichen Dingen“ sehr nahe kommen und dazu gehört für mich die Homöopathie.
    Gewisse Dinge KANN man warscheinlich in einem gewohnten „wissenschaftlichen“ Rahmen auch gar nicht belegen. Weil diese Rahmen schlicht keine anderen, fremden Daten zulassen.
    Es würde, wortwörtlich, den Rahmen sprengen!

    Aber Fakt ist doch auch, dass jedes „Genie“ erst einmal eine „verrückte“ Idee haben musste, um dieser dann auf den Grund zu gehen und sie dann möglicherweise beweisen oder zumindest erklären zu können.
    Man nehme die Relativitätstheorie von Einstein.
    Albert EinsteinSchlagworte: Wissenschaft, Mathematik

    „Seit die Mathematiker über die Relativitätstheorie hergefallen sind, verstehe ich sie selbst nicht mehr.“

    Aber man macht doch in der Forschung auch keinen Fortschritt, wenn man ständig nur auf dem gleichen Stück Holz rumkaut.
    Viel mehr Sinn gäbe es doch im Erforschen des Unbekannten. Aber darin ist einerseits kaum Geld zu holen und andererseits wird man dann sowieso als Spinner abgetan, wenn man dann etwas entdeckt hat.
    Also was wählt man lieber als Mensch mit Sicherheitsbedürfnis?

    Aber eben für mich fehlt in der Medizin(-wissenschaft) ein ganz grosser Teil:

    Woher zum Teufel kommen denn diese ganzen Reaktionen auf „gewisse Umstände“?
    Kommen die wirklich nur alle vom Gehirn oder vom Immunsystem oder was auch immer? Für mich ist diese Frage nur teils geklärt.
    Da man ja z.B. auch weiss, dass wenn man mit dem Auto auf eine Gefahrensituation trifft, als aller erstes die Bauchregion reagiert auf diesen Impuls, dann die Herzregion und dann kommt es erst im Hirn an.
    Warum ist das so? Wenn man davon ausgeht, dass „alles“ vom Gehirn gesteuert wird?
    (Eine Person mit viel medizinschem Wissen mag mich nun darauf aufhängen)
    Wenn man tief genug gräbt, kommt man einfach an einen Punkt, wo Physik, Chemie und Biologie einfach aufhören. Man hat keine Begriffe mehr dafür.

    Und da fangen dann Dinge an wie Quantenphysik/-mechanik oder eben halt auch Homöopathie, Placebo oder Geistheilung.

    Warum kann diesen Forschungen keinen Platz geben? Warum verbeisst man sich so sehr darin, diese Wissenschaften zu eliminieren?

    Schlussendlich gibt es ja Erfahrungen und Ergebnisse von Erfolg, sonst würde doch keine einziger Mensch auf der Welt noch zu einem Homöopathen gehen!

    Warum gibt es keinen Mittelweg?
    Warum DARF nur die Schulmedizin „anerkannt“ sein und bestehen dürfen?

    Ich finde jegliche Praxis hat seine Berechtigung, die Frage ist nur wie lange und wie bewährt sie sich dann. Man kann nur daraus lehren und im besten Falle zusammenarbeitend auf einen Konsens kommen und sich unterstützen.

    Für mich gehört das Spirituelle und das „Mystische“ genauso in die Wissenschaft wie das Materielle. Was wir früher noch eher verstanden haben als heutzutage, scheint es.
    Aber man muss sich bei gewissen Themen halt damit abfinden können müssen, dass man vielleicht NIE eine Erklärung finden wird, aber trotzdem von der Wirkungsweise profitieren darf.
    Für mich ist das ein klassisches EGO-Problem.
    Wenn wir nicht mehr die Kontrolle darüber haben, was wir vor uns haben, dann verzweifeln wir, weil wir uns nicht mehr „sicher“ fühlen, wir können damit nicht umgehen, etwas nicht zu „dominieren“, nicht zu verstehen, nicht zu kontrollieren.

    Aber die Welt lässt sich im Ganzen sowieso nicht kontrollieren!
    Weder der Fluss des Meeres, noch der Wandel der Zeiten.
    Was bilden wir uns also ein…?

    So nun schliesse ich hier mal ab, sonst wird das noch abendfüllend :).

    • Norbert Aust Norbert Aust sagt:

      Herr Buess,
      erlauben Sie mir die Frage: Was glauben Sie eigentlich, was Wissenschaftler so tun? Und wofür, denken Sie, werden Nobelpreise und andere Forschungspreise vergeben? Für das immer neue Hinschreiben längst bekannter Gegebenheiten?

      Was Sie „Fakten“ nennen, sind keine, sondern sind eher das Bild, das Sie von der Wissenschaft haben – das sich anhand der obigen Fragen recht schnell als unzutreffend erkennen lässt.

      Auch Ihr Bild vom Wissenschaftler als dem ‚Genie‘ das ‚verrückte Ideen‘ hat, hat nicht viel mit der Realität zu tun. Der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn basiert auf harter Arbeit – übrigens auch bei Einstein. Dass neue Erkenntnisse und Theorien erst einmal im harten Disput zeigen müssen, dass sie die Natur besser beschreiben als die bestehenden, liegt im Wesen wissenschaftlicher Arbeit – und wird von Leuten, denen wissenschaftliche Vorgehensweisen fremd sind, üblicherweise völlig falsch interpretiert.

      Sie fragen, warum es keinen Mittelweg gibt? Können Sie sich einen Mittelweg zwischen einem Flugzeugkonstrukteur und einem Knüpfer für fliegende Teppiche vorstellen? Ich nicht. Und nein, das Mystische ist kein Bestandteil der (Natur-)Wissenschaft, denn dies ist der wissenschaftlichen Logik nicht zugänglich. Womit die Frage auftaucht, was das eigentlich ist und ob es überhaupt als ein irgendwie geartetes Gebilde existiert.

      • Silvan Buess sagt:

        Herr Aust,

        Eine andere Antwort habe ich auch kaum erwartet.

        Meiner Ansicht nach vertreten Sie das typische rationale Weltbild der sogenannten Wissenschaft, was durchaus seine Berechtigung hat. Ich frage mich aber immer wieder, warum man in diesen Kreisen immer wieder denkt das Monopol für Berechtigung zu besitzen.

        Die „Mystik“ (auch wenn ich den Begriff selbst überhaupt nicht trefflich finde, aber Zwecks Verständnis verwende) hatte schon seit Menschengedenken ihren festen Platz in der Welt.

        Wie erklären Sie sich dies? Und vorallem wie erklären Sie sich alle Dinge, die eben wissenschaftlich nicht erklärbar sind?
        Sind die einfach schlicht NOCH nicht erklärbar oder was ist Ihre Meinung dazu?

        Warum lässt sich ein Atom und seine Bestandteile immer weiter spalten, wenn wir immer grössere Teilchenbeschleuniger bauen?
        Ein Baum lässt sich auch in Tausende Teile spalten bis man nur noch ein Spahn davon hat und dann sogar noch weiter und noch weiter und noch weiter, es nimmt scheinbar kein Ende.
        Warum ist das so?
        Vielleicht weil man gar nie etwas „unteilbares“ erhält?
        Sagt Ihnen der Begriff Fraktale etwas?
        Wenn nein, dann lohnt es sich, das mal anzuschauen.
        Ist übrigens rein „wissenschaftlich“.

        Und wenn Sie nun fragen, was das mit dem Thema zu tun hat;
        schlussendlich, einfach Alles!
        Denn nur durch diese Art von „Denkweise“ wird man Homöopathie und alle anderen Alternativen zur Allopathie auch nur ansatzweise verstehen.

        Ansonsten lohnen sich auch die Vorträge des Physikers Nassim Haramein, wenn Sie wirklich(!) offen sind für neue Erkenntnisse.

        Herzliche Grüsse

        • Norbert Aust Norbert Aust sagt:

          Natürlich hat es die Mystik seit Menschengedenken gegeben. Dem steht seit der Aufklärung allerdings eine rationale Weltsicht gegenüber. Genau genommen arbeiten Forscher und Wissenschaftler seit dieser Zeit daran, die Deutungen der Mystik durch Wissen und Verstehen der tatsächlichen Zusammenhänge zu ersetzen. Erst dadurch konnten wir die Möglichkeiten nutzen, die uns die Welt bietet. Was sich zum Beispiel heute in einer vorher nie gekannten Lebenserwartung und Lebensqualität äußert.

          Grundsätzlich sind verschiedene Dinge zu unterscheiden. Es gibt Phänomene, die kann man in der Tat derzeit nicht erklären, aber viele Forscher arbeiten daran, dass sich dies ändert. Denken Sie an die Dunkle Materie, deren Natur als solche derzeit völlig unbekannt ist, deren Existenz aber eine Erklärung für verschiedene kosmologische Effekte darstellen würde. Hier kann man sicher davon sprechen, dass man dies NOCH nicht erkannt hat.

          Es gibt aber Effekte, deren blanke Existenz sich einem Nachweis entzieht und vieles bewährtes Wissen glatt über den Haufen werfen würde. Bedenken Sie: Die Dunkle Materie äußert sich in Erscheinungen weit draußen im Weltall. Die Existenz des Phänomens Homöopathie (als medikamentöse Therapie) würde aber den Gesetzmäßigkeiten widersprechen, die sich in allen anderen Situationen unserer Lebensumwelt bisher bewährt haben. Wieso bleibt steriles Wasser steriles Wasser, egal wie oft Sie es schütteln, Homöopathika aber ändern bei der gleichen Prozedur ihre Wirkung? Und zwar bei allen denkbaren Mitteln mit der gleichen Prozedur immer im Sinne auf eine Steigerung einer positiven Wirkung auf den Menschen? Hier hat eine Annahme, dies werde womöglich in der Zukunft erklärbar sein, keine reale Grundlage, sondern ist blankes Wunschdenken.

          Dass die Homöopathie nur mittels einer anderen als einer rationalen Denkweise zugänglich ist, entspricht genau diesem Sachverhalt: ohne eine irgendwie geartete Verankerung in der rationalen Welt bleibt es Mystik – um das Wort Hirngespinst zu vermeiden.

          Wohlgemerkt, dies alles bezieht sich auf die von den Homöopathen immer wieder angeführten Eigenschaft als Therapie, bei der der Wahl des richtigen Arzneimittels entscheidende Bedeutung zukommt.

          Was verstehen Sie unter „wirklich(!) offen“? Mit dem Ausrufezeichen? Dass man die Äußerungen dieses Herrn nicht kritisch hinterfragt, ob denn das, was er da von sich gibt, auf irgendwelchen prüfbaren Fakten beruht? Ist „wirklich(!) offen“ etwa das Gleiche wie zu akzeptieren, dass 2 + 2 auch 3 sein könnte? Oder 5? Oder jede andere Zahl?

          Ich weise nur darauf hin, dass es von Nassim Haramein ganz offenbar keine einzige Veröffentlichung in einem wissenschaftlichen Journal gibt (Geben Sie einmal den Namen in Google Scholar ein, der Suchmaschine für wissenschaftliche Literatur). Es gibt einige Buchkapitel und Konferenzbeiträge. Dies sind nicht die Medien, derer man sich in der Wissenschaft zur Diskussion neuer Erkenntnisse bedient. Der einzige Artikel, der offenbar in einem Journal erscheinen soll, hängt anscheinend seit 2013 im Peer Review – und das bei einem Open Access Journal, das sich, wie es scheint, derzeit mit einem Rabatt auf die Druckkosten von fast 90 % bei Autoren anbiedert.

          Sorry, der Mann ist kein ernstzunehmender Wissenschaftler, sondern nur einer von vielen Schwurblern, der seine geistigen Blähungen vor einem Publikum abfackelt, das sich von ein paar wissenschaftlich und schwierig anmutenden Vokabeln einlullen lässt.

          • Silvan Buess sagt:

            Ich verstehe, warum Sie so denken.

            Was halten Sie denn von der „Alles ist Energie“-Sachlage?

            Wirklich offen ist man meiner Ansicht nach, wenn man gewillt ist für einen Augenblick des Forschungswillens seine alten Sichtweisen zu vergessen, um sich auf voll auf ein neues Weltbild einzulassen, worauf die ganze Thematik beruht.
            Ich denke, anders ist es kaum wirklich fassbar.

            Was denken Sie warum das so sein könnte?
            Seine ganzen Studien wurden bisher schlicht abgewiesen, dann ist auch klar, dass man keinerlei solcher Studien in diesem System findet, welches nur einer „Art“ Studie Beachtung schenkt. Dann ist doch klar, dass dieser enge Kreis sich kaum grossartig verändert und gedehnt wird.

            Aber was weiss ich schon, ich bin auch eher Philosophe als Wissenschaftler, obwohl mich die Thematik ebenfalls sehr vereinnahmt.

            Aber nur schon Ihre innere Haltung gegenüber „andersdenkenden“ Menschen zeigt mir, warum Sie meiner Meinung nach diesen Blog veröffentlichten; nämlich nicht, um die Diskussion über Homöopathie wirklich anzuregen und zu bereichern, sondern um sie lahmzulegen und zu verteufeln.
            Das sind für mich inquisitorische Verhältnisse und keinerlei „aufgeklärtes“ Verhalten.

          • Norbert Aust Norbert Aust sagt:

            Was ich von der Aussage, alles sei Energie, halte, wenn Sie damit das esoterische Geschwurbel meinen, das einige Leute verzapfen: Nichts. Ich wüsste auch nicht, was das mit dem Thema meines Blogs zu tun hat.

            Ich verstehe also, dass „wirklich offen“ ein Synonym ist für „vergessen, was wir nach vielen Jahrzehnten Forschung und Wissenschaft als zutreffend erkannt haben“. Unsere Sichtweise, wie mit den Dingen umzugehen ist, die „nur so wirklich fassbar“ sind, ist sicher höchst verschieden.

            Woher Sie auf meine innere Haltung gegenüber andersdenkenden Menschen schließen, ist mir nicht ganz klar. Und Ihre Meinung, warum ich diesen Blog betreibe ist – verzeihen Sie – belanglos. Allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass es ein ziemlich ungeeignetes Verfahren wäre, die Diskussion zur Homöopathie lahmzulegen, indem man lange recherchiert und umfangreiche Blogartikel schreibt und seine Quellen benennt.

  5. Pingback: Weil sie es sich so sehr wünschen… | gnaddrig ad libitum

  6. excanwahn sagt:

    Homöopath Hümmer,

    wenn wir etwas zu diskutieren hätten, und wenn ich auch nur ein Funken Hoffnung hätte, dass ein Homöopath, der den überwiegenden Teil seines Arbeitslebens – Wie viele Berufsjahre waren es noch bei Ihnen? Dreissig oder so ? – damit zugebracht hat, ein Wahndenksystem zu mit allen zur Verfügung stehenden Methoden der Selbsttäuschung zu zementieren, tatsächlich noch fähig und bereit dazu ist, sich einer dialektischer Auseinandersetzung zu stellen – und dabei sein Wahndenksystem als solches zu identifizieren, dann, überzeugter Homöopath Hümmer, könnten wir wie zwei zivilisierte lebensältere Herren miteinander reden.

    Aber allein das Maß an geistiger Resilienz, dass Sie hier, trotz der vernichtenden Ergebnisse der mittlerweile zahleichen Untersuchungen zur Homöopathie, von denen sich jede einzelne als Vergeudung von Zeit und Geld herausgestellt hat, in Sachen Homöopathie demonstrieren, macht Sie nicht zum Diskussionspartner, sondern zum Propheten einer Irrlehre, die zerlegt gehört.

    Apropos Prophet: Wer vom „Wunder Homöopathie“ redet – und als „ächter Heilkünstler“ diese Wunder andauernd, geplant und auf Bestellung repliziert (was sich mit der Natur des Wunder im Grunde nicht vereinbaren lässt, weil Wunder auf Bestellung, naja, halt so recht keine Wunder mehr sind), der zeigt damit ein pathologisches Maß an Autapotheose, gegen das die Arroganz der früheren Götter in Weiß allenfalls eine milde Verhaltensauffälligkeit war.

    Sie können mir nicht weismachen, dass Ihnen als „kritischer“ Homöopath und als Arzt die Mechanismen der Selbsttäuschung nicht bekannt sind. Trotzdem ändert sich an Ihren grundsätzlichen Überzeugungen – Frau Parsch hat Sie ja an anderen Stelle schon darauf hingewiesen – nicht das geringste.

    Sie kommen mir deshalb wie jemand vor, der daran glaubt, dass der Mond aus Käse ist, und sich darin gefällt, in gefälliger Tonart darüber zu streiten, ob es denn nun Allgäuer Bergkäse oder doch eher alter Gouda ist.
    Dieses Denken macht Sie zum echten Homöopathen, kritischer Homöopath Hümmer, als ernstzunehmender Gesprächspartner scheiden Sie aus.

  7. Hümmer sagt:

    Lieber anonymer excan-wahn:
    ….merken Sie eigentlich nicht, wie Sie sich ständig selbst diskreditieren in der Art wie Sie diskutieren, auch wenn Sie Argumente anführen, über die ich mich mit Ihnen gern- allerdings nur in gegenseitigem Respekt- auseinandersetzen würde und wo wir vielleicht sogar etwas voneinander lernen könnten?
    Sie könnten sich ein Beispiel am Leiter des Blogs, Herrn Dr. Aust, nehmen, der durch die höfliche und trotzdem bestimmte Art zu argumentieren, innere Stärke zeigt und mit dem zu diskutieren Sinn und Freude macht!

  8. excanwahn sagt:

    Häretiker Hümmer, „excanwahn“ ist eine Protestnote gegen eine Geschmacklosigkeit aus dem preisgekrönten Hause „Eberle und Ritzer“. Wenn Sie mal schauen wollen:
    https://brightsblog.wordpress.com/2008/12/01/dodo-des-monats-november-2008/

    Was ihr Restschreiben angeht:

    Sie haben die Schlußfolgerungen aus Klinkenbergs Bankrotterklärung nicht verstanden, was Homöopath Hümmer? Aber das sind Sie nicht allein. Dem eitlen Klinkenberg ist offenbar auch noch nicht so richtig klar, was er gesagt hat.

    Ich versuch´s noch einmal:

    Wenn ein neues Verfahren zur Anamnese und Mittelverordnung, trotz offensichtlicher Fehler des Verfahrens, keine anderen Ergebnisse liefert, als die, die schon früher – also ohne Anwendung das Verfahren – erzielt wurden, deutet das ohne Zweifel darauf hin, dass die bisher angenommene Kausalität zwischen Anamnese, Mittelverordnung und vermeintlichem „Heilerfolg“, wohl nichts mit dem verordneten Mittel zu tun haben muss.

    Jetzt verstanden? Nicht?

    Gut, nächster Versuch:

    Wenn – als Folge des untauglichen Verfahrens – eine erhebliche Anzahl der Arzneiverordnungen fehlerhaft war, dann müssten nicht nur deutlich gestiegen Fallzahlen von nicht erfolgten Heilungen zu verzeichnen sein (was bei jedem seriösen Arzt die Warnlampen anschmeissen sollte), vor allem müssten, nach homöopathischer Lehre, deutlich mehr Patienten unfreiwillige Arzneimittelprüfungen absolvieren. Auf das Letztere hat schon der Hering hingewiesen. Davon ist aber nun überhaupt nichts zu hören.

    Kriegen Sie´s nun mit der Schlußfolgerung hin? Immer noch nicht?
    Mann, Mann, Mann, Sie machen es einem aber schwer!

    Letzter Versuch, wollen Sie sich nicht lieber ein paar Notizen machen?

    “ Wenn sich massenweise fehlerhafte Verordnungen eines Arzneimittels nicht mindernd auf die Rate der Heilerfolge auswirkt, dann hat die Mittelverordnung offenbar nichts mit dem vermeintlichen Heilerfolg zu tun!“

    Und zur Festigung der Lektion schreiben Sie eintausend Mal auf:

    „Ich soll als Arzt weder mich selbst, noch meinen Patienten bescheißen!“

  9. Hümmer sagt:

    für den anonymen excan-wahn ( ist nomen etwa omen?)
    der „Vollständigkeit“ halber ein weiterer Auszug aus obiger Quelle (Stiftungsbrief 2014):
    Klinkenberg: Ich liebe Homöopathie und erlebe tagtäglich die Erfolge mit dieser großartigen Heilmethode. Ich sehe aber auch jeden Tag, mit welchen zum Teil absurden Lücken und Fehlern in unseren Nachschlagewerken wir uns „herumschlagen“. Kein Tag, an dem ich nicht auf Symptome stoße, die im Repertorium fehlen oder wo Rubriken ungenügend sind. Gerade aus der Behandlung chronischer Krankheiten ist die Homöopathie nicht mehr wegzudenken. Es ist DIE Medizin der Zukunft. Es kann doch nicht sein, dass diese exzellente, ja geniale Heilmethode mit so mangelhaften Werkzeugen arbeitet! Wir werden hier endlich die angemessene Grundlage schaffen und in einer gemeinsamen Aktion ein gesichertes vollständiges Nachschlagewerk schaffen. “

    Dem ist nichts hinzuzufügen!
    Nur wer über innere Größe verfügt, wagt es auch, Fehler einzugestehen!

    • Jochen Machatschke sagt:

      Ich kann das nur begrüßen. Bitte einmal *alle* Mittel einer erneuten, methodisch sauberen Prüfung unterziehen. Die gefundenen Symptome bitte mit denen der Vergleichsgruppen tatsächlich abgleichen und in beiden Gruppen auftretenden Symptome entfernen. Dazu noch Tages- und Jahreszeiten- abhängige Einflüsse entfernen. Da diese Tests ja belastbar und nachvollziehbar sein müssen, bitte jeweils mehrfach unabhängig wiederholen. Nicht bestätigte Symptome dann wieder entfernen.

      Das so entstandene saubere Werk beschreibt dann nur die tatsächlich von diesen Mitteln hervorgerufenen Symptome. Ob diese dann geeignet sind, ein Leiden zu mildern, lass ich mal offen stehen.

      Wenn das Verfahren der Homöopathie so genial ist, warum wird das nicht endlich gemacht? Es sollte ein massives Interesse bestehen, die Werkzeuge auf einen zuverlässigen und vollständigen Stand zu bringen!

  10. excanwahn sagt:

    Überzeugter Homöopath Hümmer,

    zum einen bin ich nicht ihr „Lieber“, und wenn Sie wüssten, was ich – so ganz allgemein – von homöopathisierenden Ärzten halte, aber aus Gründen der Höflichkeit (zu der ich mich in diesem Fall zwingen muss) nicht ausspreche, würden Sie Ihre Anrede ganz sicher anders formulieren.

    Wobei, das erlaube ich mir anzumerken, die Auswahl der Verbalinjurika im Wesentlichen abhängig von der Frage ist, ob es sich, frei nach Collin Goldner, bei den Proponenten der Therapie mit wohlinformierter Saccharose um Fälle für den Staatsanwalt oder um Fälle für den Psychiater handelt.

    Im Zweifelsfall entscheide ich mich für Fälle für den Psychiater. Diese Entscheidung sorgt dann dafür, dass sich das Maß der Empörung darüber, dass ein studierter Mediziner sich ungestraft und ohne irgendwelche Konsequenzen beruflicher Natur befürchten zu müssen, dem Hahnemannschen Unsinn (oder vergleichbarer Abwegigkeiten) zuwendet, in kardiovaskulär vertretbaren Grenzen hält.

    Denken Sie bei Gelegenheit mal darüber nach, wie es einem Staatsanwalt gehen würde, der sich für Visionen und Halluzinationen als Beweismittel stark macht, oder einem Richter, der mit diesen seinen Urteilsspruch begründet.

    Aber das nur am Rande.

    Was nun Hahnemanns Fähigkeiten angeht, mit dem Simile-Prinzip seine persönliche Mischung aus obsoleten Fragmenten archaischer, magisch-animistischen Heilkonzepte und der Fehlinterpretation eines Selbstversuchs, der romantischen Welt als Dernier Cri zu verkaufen, so denke ich, dass der Begriff Genialität hier fehl am Platze ist. Völlig fehl. Es ist eher ein klassischer Beleg für die These, dass auch mehr oder weniger durchgeknallte Irre, gewaltige Spaßvögel oder furchtbare Dilettanten durch die konsequent betriebene Umsetzung ihrer dümmsten Ideen zu einer gewissen Berühmtheit gelangen können, wenn sie zur rechten Zeit am rechten Platz sind.

    Was das Simile-Prinzip als solches angeht, wissen wir beide (d.h. ich weiß es, ob Sie es auch wissen, daran habe ich Zweifel), dass ohne die Konstruktion der Kunstkrankheit, die auch noch durch Testdosierungen jenseits der Avogadro-Grenze angeblich hervorgerufen werden, das Simile-Prinzip ohnehin nicht zu halten ist. Weiterhin weiß wenigstens ich, dass ein nicht unerheblicher Teil von homöopathischen Arzneien niemals seine Eigenschaft als Simile in den originellen homöopathischen „Arzneimittelprüfungen“ nachgewiesen hat, sondern diese Eigenschaft nur mittels der völlig absurden Signaturenlehre , also mit Stoff-, Farb-, Kraft- und Gestaltanalogien behauptet wurden.

    Und wie das Simile-Prinzip im Zusammenhang mit den Imponderabilien wohl funktionieren soll: Ach, Herr Hümmer, soviel Phantasie haben nicht mal Sie, um sich dafür eine Erklärung einfallen zu lassen.

    Um zu erfahren, wie schlecht es um das Simile-Prinzip wirklich steht, dafür braucht aber nicht einmal einen Blick in die normalweltliche Pharmakologie zu werfen, um dort die völlige Abwesenheit dieses wunderbaren Prinzips festzustellen, es reicht, bei Homöopathens einen Blick in die Bücher zuwerfen:

    Da formuliert nämlich ein Herr Dr. Klinkenberg im Newsletter der Homöopathie-Stiftung des DZVHÄ/ Ausgabe November 2014, folgenden Skandal:

    „Schauen Sie, die meisten von uns arbeiten mit Programmen wie Radar, Complete, Isis und anderen. Und die haben das Kent‘sche Repertorium als Basis. Ich habe den Kent genau untersucht und mir wurde klar: Der Kent wurde vor über 100 Jahren aus lückenhaften und schlecht übersetzten Sekundärquellen zusammengestellt.
    Ich könnte Ihnen Beispiele bringen, ich glaube Sie wären entsetzt.
    Ungefähr 40 Prozent aller Symptome und Symptomdetails aus den originalen Prüfun¬gen wie z.B. Modalitäten, Orte und Empfindungen fehlen oder wurden unvollständig eingearbeitet. Im Kent finden Sie Fehler und Verdrehungen, dass einem buchstäblich die Haare zu Berge stehen, wenn man das mal genau untersucht.“

    Und jetzt hat es der excanwahn mal mit Logik versucht: Wenn nun seit der Einführung und flächendeckenden Verbreitung diverser Praxis-Software eine Menge Murks die elektronischen Repertorien durchzieht, dann müsste das doch nicht erst durch ein ausgiebiges Quellenstudium aufgefallen sein – sondern beispielweise durch deutlich gestiegen Zahlen von Fehlverordnungen bzw. durch die daraus resultierenden, ausbleibenden Heilerfolge – es sei denn, das Simile-Prinzip, und die auf diesem basierende Materia medica besteht ohnehin aus nicht mehr, als Placebo-Symptomen und puren Erfindungen.

    Das aber würde sich dann nicht nur mit den Ansichten der Skeptiker, sondern auch mit der Ansicht von Hanns Rabe decken, der sich, als ihm der Arsch im Grundeis ging und das Wasser Oberkante Unterlippe stand, weil die Nazis seine Versprechungen viel ernster nahmen, als er selbst, zu dem Offenbarungseid genötigt sah, dass wohlmöglich 90-95 % aller von Kent genannten Symptome eines Arzneimittels “Placebo-Symptome” seien.

    (Gut, die letzten 5 – 10 % hätte er auch noch drauflegen können, dann hätten wir es ausnahmsweise mal mit einem ehrlichen Homöopathen zu tun gehabt. Aber man muss ja überall Abstriche machen…)

    Deshalb, häretischer Homöopath Hümmer, denken Sie mal drüber nach, warum es nicht auffällt, dass die homöopathische Verordnungspraxis so wasserfest ist, wie ein Sieb, es aber keiner merkt – und welche Auswirkungen das Ganze auf die Validität (den Begriff kennen Sie hoffentlich) des Simile-Prinzips hat.

    Und vergessen Sie die Imponderabilien nicht. Und den Staatsanwalt.

  11. Hümmer sagt:

    Lieber excanwahn,
    schön geschrieben, schön zu lesen-man kann die psychologisch-schriftstellerische Attitüde gut wahrnehmen!
    Aber über das Darstellerische hinaus mal ganz banal gefragt: Haben Sie obiges einfach überlesen oder schlichtweg nicht rezeptiert?
    Hahnemann gebührt für das geniale erkennen und Umsetzen des Simile-Prinzips absolute Hochachtung! Allerdings bin ich mir sicher, dass er mit seinem innovativen Forscherdrang , wäre er heutzutage mit seinen, über das Simile-Prinzip hinausgehenden Dogmen konfrontiert, sämtliche überdenken und sie angepasst an neueste wissenschaftliche Erkenntnisse neu formulieren würde….

  12. excanwahn sagt:

    Überzeugter Homöopath Hümmer,

    ohne jetzt weitere sophistische Auseinandersetzung provozieren zu wollen:

    Spätesten an der Stelle, an der die Autoren der Gelsemium-Studie feststellen: „The effect decreases with increasing dilutions…“ ist die Homöopathie aus dem Spiel gewürfelt, und muss die Bearbeitung des Phänomens – sofern denn eine Wiederholung der Studie feststellen sollte, dass hier tatsächlichen ein Effekt vorliegt – beispieweise Toxikologen überlassen. Insgesamt erinnert mich die Angelegenheit ein wenig an den von Homöopathen gefeierten Leipziger Belladonna/Rattendarm-Unsinn aus 2005, dem dann ein Reproduktionsversuch durch Veterinäre der FU Berlin den endgültigen Garaus bereitete.
    Der Gelsemium-Studie sage ich das gleiche Schicksal voraus.

    Aber lassen Sie mich noch einen anderen Punkt ansprechen, sie äußern sich auf diesem Blog ja nicht zum ersten Mal: Es erstaunt mich – aus psychologischer Sicht – immer wieder, mit welchen Kunstgriffen Sie sich jedesmal aufs Neue den Konsequenzen widersetzen, die sich aus Ihrer angeblich kritischen Distanz zur Homöopathie ergeben müssten, würden Sie ihre kritische Distanz tatsächlich ernst nehmen.

    Nur nehmen Sie die nicht ernst, im Grunde ist Ihre „Häresie“ ist nur Attitüde.

    Tatsächlich hängen Sie fest im Spannungsfeld zwischen rational Begründbarem und einer liebgewonnenen überwertigen Idee – und versuchen krampfhaft, dieses Spannungsfeld zugunsten dieser aufzulösen.

    Ihnen als Arzt brauche ich nicht zu sagen, dass dieses Verhalten seine Würdigung im ICD findet, und Ihr ständige Rechtfertigung durch das Berufen auf Ihren Vater, der offenbar mit dem gleichen Problem zu kämpfen hatte, lässt zumindest annehmen, dass Ihnen – wenn Sie mal ganz bei sich sind – die Problematik wohl bewußt ist, die Angst vor der Einsicht, einem Trugschluss erlegen zu sein, aber deutlich größer.

    Und weil wir schon gerade bei Ihrem Vater sind: Die Mechanismen des Mutens sind doch umfänglich bekannt. Die einfachste Erklärung für das Phänomen, Wasserläufe zu finden, ist doch die, dass Wasser unterirdisch nur in den seltesten Fällen in separaten Strömen, sondern üblicherweise großflächig fließt. Wird nun gegraben, wo der Wünschelrutengeher es bestimmt, wird Wasser gefunden. Allerdings wäre Wasser auch 10 oder 100 Meter weiter gefunden worden. In einer benachbarten, etwa 200 Hektar großen Kleingartenanlage hat jeder Parzellenbesitzer einen Brunnen.
    Es wurde gebohrt und gebaggert wo es gerade passte, und man fand Wasser – ohne jemals einen Wünscherutengänger zu konsultieren. Hätte man es getan, hätte der natürlich auch Wasser gefunden, aber wäre das ein Nachweis seiner besonderen Fähigkeit gewesen?

    Simple Erklärung, leider nicht die gewünschte, aber trotzdem richtig. Man muss sie nur akzeptieren – und die damit verbundene narzisstische Kränkung…

    Apropos narzisstische Kränkung: Um deren Vermeidung geht es Ihnen auch. Ihre Häresie (und die Konstruktion einer neuen Homöopathie) ist deshalb nichts anderes, als der mit Verlaub ziemlich einfach zu durchschauende Versuch, mit geänderten Rahmenbedingungen eine Idee zu retten, die niemals zu retten war.

    Die Geschichte der Homöopathie ist voll von Häretikern, die die Insuffizienz der Hahnemannschen Therapie mit ihren eitlen Ideen bereichtert haben. Allein die sich um die Jahrtausendwende herum ereignete Auseinandersetzung zwischen Julian Winston und den Vasallen um 10-Miasmen-König Sankaran spricht Bände.

    Was Ihnen aber, überzeugter häretischer Homöopath Hümmer, zu denken geben sollte, ist, dass praktisch jede Häresie zu einer neuen Schule führte, die die gleichen Erfolgsquoten in die Gegend posaunt, die man von den Homöopathen seit Begründung der Heilslehre gewohnt ist.

    Welchen Sinn – außer der vermeintlichen Auflösung kognitiver Dissonanzen – hat also ein Bruch mit den Traditionen, wenn sowohl die Orthodoxie als auch die Innovation die Wahrheit für sich in Anspruch nehmen darf?

    Darauf sollten Sie zuerst eine Antwort finden. Auch wenn sie weh tut.

  13. Hümmer sagt:

    Liebe Frau Parsch,
    jetzt belesen Sie sich erst mal zum Unterschied zwischen Veränderung von Genen(!) und epigenetischem Layer mit Einfluß auf die Gen-Expression(!)- dann diskutieren wir weiter!
    Meine kritische Meinung auch (!) zu den Arzeimittelprüfungen werden Sie in kürze in einem ausführlichen Artikel einer homöopathischen Zeitschrift lesen können.
    Was bleibt dann noch von der Homöopathie, höre ich Sie schon ausrufen?
    Das Simileprinzip und seit über 200 Jahren viele, viele klinische (bisher noch: subjektive) empirische Erfahrungen und Verifikationen!
    Was fehlt?
    Die Objektivierung durch einwandtfreie , saubere Studien!
    Das Wirkprinzip (im lebenden Organismus)?
    Ist auch in der Schulmedizin oft noch ungeklärt!
    Gruß
    Der Häretiker

  14. Hümmer sagt:

    „nicht zu dem threat passen..“:
    Wie Sie vielleicht erkennen konnten, habe ich Ihnen bezüglich der Kritik am homöopathischen Miasmen-Modell voll zugestimmt und Ihnen sogoar noch einen Link auf eine kritische Abhandlung hinzugefügt (hätten Sie ja auch mal würdigen können!)
    Ja, ich habe Ihnen als „Ersatz“ einen realistischeren Köder aus der neueren homöopathischen Forschung hingeworfen, den wir dann mal zusammen durchkauen können und schauen können, wie er schmeckt.
    Und zu diesem „fassbaren“ Köder:
    Haben Sie die Höhe (!) derVerdünnungen richtig verdaut???
    Und auch auf die Gefahr hin, Ihnen neues Futter zu bieten:
    Auch das Dogma, dass höhere Potenzierungen stärkere Wirkungen hervorrufen, opfere ich hiermit auf dem Altar der Realität!!!
    P.S.
    Bei der einen Studie wird die Veränderung der Epigenetik>Genexpression auf homöopathisch verdünnte Gelsemium-Tinktur nachgewiesen, in der anderen die Bedeutung der epigenetischen Layer auf die Ausprägung von Autoimmunerkrankungen. Scheint doch irgenwie zusammenzugehören, oder????
    Mit freundlichem Gruß
    Der Häretiker

    • Ute Parsch sagt:

      Herr Hümmer,

      ohne jetzt diese Arbeit kurzfristig genau betrachtet zu haben:

      Besonders amüsiert mich immer, wie sich Homöopathen auf angebliche „Belege“ stürzen, ohne die Konsequenzen der aufgestellten Behauptung für die Homöopathie genau zu bedenken.

      In Ihren Posts ist das gleich mehrfach der Fall:

      Sie behaupten also epigenetische Wirkweise der Homöopathika.

      Da ist natürlich die klaffende Erklärungslücke, dass bei weitem nicht alle Erkrankungen über genetische Veränderungen geheilt werden können. Darunter auch zahlreiche Erkrankungen, bei denen Homöopathika eingesetzt werden.

      Darüber hinaus: Nehmen wir einmal an – nur zum Spaß, ja? – es bestünde ein berechtigter Anlass zu denken, Homöopathika könnten unsere genetischen Schalter beeinflussen … dann müssten die Dinger sofort vom Markt; denn die komplizierten Auswirkungen jedes einzelnen Genes sind bei weitem noch nicht verstanden. Keinesfalls dürften solche Mittel rezeptfrei oder gar an Kinder ausgegeben werden.

      Zum Glück besteht aber kein ernst zu nehmenender Grund. Epigenetik ist einfach nur das neue Modewort der Homöopathie, der neueste am liebsten missbrauchte naturwissenschaftliche Fachausdruck, nachdem die Quantenmechanik sich langsam abnutzt und die Strings nicht richtig zünden.

      Und wenn Sie hier einfach so schreiben
      „Auch das Dogma, dass höhere Potenzierungen stärkere Wirkungen hervorrufen, opfere ich hiermit auf dem Altar der Realität!“

      dann vergessen Sie offenbar, dass die meisten Arzneimittelprüfungen mit C30 Potenzen durchgeführt wurden. Geben Sie also zu, dass C30-Potenzen nicht gezielt wirken, müssen Sie in der Konsequenz nahezu alle Arzneimittelbilder als Zufallsprodukte verwerfen und der gesamten homöopathischen Praxis die Basis entziehen. Endlich einmal ein sinnvolles Opfer auf dem Altar der Realität.

      Grüße

  15. Hümmer sagt:

    ….Ihnen scheint es ja noch größeren „Spass“ zu machen, aus allen Rohren gegen die Homöopathie zu feuern, sonst hätten Sie nicht diesen Blog gegründet.
    Ich versuche nur, eine (selbst)-kritische Homöopathie jenseits von Dogmen und alten Meistern zu leben und zu präsentieren, und da sind nun mal alle neueren Studien und Ergebnisse genau zu beobachten und zu beurteilen statt altes Gerümpel zu durchforsten!

    • Norbert Aust Norbert Aust sagt:

      Bingo. Vorhersage eingetroffen. („Sie gehen ja wahrscheinlich ohnehin nicht auf die Argumente ein“)

    • ajki sagt:

      „… eine (selbst)-kritische Homöopathie jenseits von Dogmen und alten Meistern [..] zu präsentieren …“

      Ich denke, da liegt ein oder liegen gar mehrere Mißverständnisse vor.

      Aus „Konsumentensicht“ sieht es im Jahr 2014 doch so aus, dass die Werbeaussagen rund um Homöopathie *explizit* abstellen auf die möglichst weitgehende Konformität zur Lehre – je mehr Original-Hahnemann „drin“ ist und je näher Verfahren und Anwendung am Lehrgebäude Hahnemanns, desto besser. Jemand der einen Arzt danach aussucht, ob auf dem Praxisschild „Homöopath“ steht, wird eine ganz bestimmte Erwartungshaltung mitbringen. Ebenso gehen eine große Anzahl von Studien, auf die durch Carstens-Stiftung oder DZVhÄ immer wieder verwiesen wird, ausdrücklich von der Lehre nach Hahnemann aus. Ihr jeweiliges Ziel ist der Nachweis der Wirksamkeit dieses Lehrkonstrukts.

      Seit rund 200 Jahren wird nun diese Lehre kritisiert und verteidigt. Das von Herrn Dr. Aust hier verfolgte Projekt bezieht sich direkt und unmittelbar auf Studien, die die Lehre „nach Hahnemann“ zu stützen versuchen. Die hier dargestellten Studien können nur anhand ihrer Voraussetzungen überhaupt sinnvoll dargestellt und untersucht werden. Wenn die Voraussetzungen einer Studie im Beliebigen verschwinden oder ihre Methodik und Schlüsse nach Belieben interpretierbar wären, fehlt der komplette Rahmen, innerhalb dessen eine Beschäftigung mit einer Studie einen Sinn ergeben könnte. Deshalb bringt es nicht nur eine thread drift mit sich, wenn auf einmal gänzlich andere Parameter angelegt werden als im Untersuchungsgegenstand vorhanden, sondern es verläßt gänzlich den Raum des Gegenstands.

      Darüber hinaus und unabhängig vom Blog-Gegenstand:

      Seit langer Zeit vermuten Kritiker der „Homöopathie“ oder generell der „modernen“ „CAM“, dass die Anwender und auf dem Gebiet forschende Wissenschaftler sich mindestens verdeckt und verborgen weit jenseits der Lehre bewegen. Sowohl im theoretischen Grundsatz als auch in allen möglichen Details. Öffentlich und lehrtechnisch überprüfbar wird aber diese *strukturelle* Abweichung nicht nur nicht gemacht, sondern im Gegenteil scharf bestritten. Es ist hier im Rahmen dieses Blogs und seiner Zwecke nicht der geeignete Platz, um derartige Diskussionen zu führen – aber das heißt nicht, dass es nicht von großem Interesse wäre zu erfahren, was „moderne CAM“-Forscher vom Schlage Walach, Witt oder vergleichbar *tatsächlich* im Großen und im Kleinen am Lehrgebäude „Homöopathie“ änderten/ändern und ob überhaupt noch irgendetwas von der Lehre übrigbleibt, die andererseits durch ebendiese so verteidigt wird. Wüßte man, was tatsächlich als „neue Homöopathie“ zu gelten hätte, dann würde diese selber wieder Gegenstand von kritischer Begleitung sein können. Aber nach meiner (bescheidenen) Kenntnis ist eben genau so ein Sachstand einer „neuen H.“ nicht nur nicht erreicht, sondern im Gegenteil immer wieder verworfen und abgelehnt worden.

      Nötig wäre also zunächst einmal die grundlegende Neuaufstellung einer Theorie und dann kann ihre Anwendung und Nützlichkeit auch auf Grundlage dieser Theorie überprüft werden. (Was dieses Blog und seine Einzelbeiträge sicher nicht wird leisten wollen)

  16. Hümmer sagt:

    ..gern auch nochmal was aus der neueren homöopathischen Forschung zum daran Verbeißen:
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24642002
    Statt auf einem- tatsächlich fragwürdigen Begriff- wie Miasmen herumzukauen, bieten sich eher die Begriffe Epignetik und Genexpression zum beißen an.
    Und damit klar wird, dass hier nicht nur einfach mit irgendwelchen schönen Begriffen jongliert wird:
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25363779

    • Norbert Aust Norbert Aust sagt:

      Macht das Spiel eigentlich Spass? Sie nennen Studien, die nicht zu diesem Thread passen. Wenn dann dargelegt worden ist, dass diese nicht so recht belastbar sind, nebbich, dann wirft man halt einen neuen Köder in die Runde.

      Daher nur ganz schnell, Sie gehen ja wahrscheinlich ohnehin nicht auf die Argumente ein:

      In der ersten Studie fällt schon auf den ersten Blick auf, dass die Ergebnisse mit steigender Potenz schwächer werden, nicht stärker, wie es eigentlich sein müsste, wenn die Lehren der Homöopathie zutreffend wären.

      Und bei der zweiten Studie haben Sie jetzt nachgewiesen, was niemand bezweifelt hat, nämlich dass es das Fachwort Epigenetik tatsächlich gibt und dass es irgendetwas bedeutet. Schön. Aber was hat diese Arbeit mit Homöopathie zu tun? Nichts, wie man auf den ersten Blick im Abstract sehen kann.

      Bitte, setzen Sie sich erst einmal damit auseinander, bevor Sie mit neuen ‚Herausforderungen‘ aufwarten.

    • B.T. sagt:

      Ich habe mir das verlinkte paper mal überblicksweise zu Gemüte geführt und kann darin nichts finden, was in den Bereich der Epigenetik fallen würde — ja nicht einmal das Wort taucht darin auf.

      Die „schönen“ qPCR-Ergebnisse sind ziemlich uninteressant – die effect size ist klein (teilweise nicht mal 2-fold changes) und die Behandlungsdauer mit 24h eher kurz. Error bars für die (nur technischen!) Triplikate fehlen. usw.

      Aber Hauptsache, man kann mit „Epigenetik“ so einen schönen Modebegriff schwingen. Auch, wenn man vermutlich von 5meC, CpGs, DNMTs & co. nicht den Hauch einer Ahnung hat… 🙂

  17. AlteWeser sagt:

    Aber vielleicht ist hier der Platz, um den Text als Gastbeitrag zu übernehmen? Ich fände es ideal, denn Ihr Blog ist eine hervorragende Sammlung von Informationen.

  18. ajki sagt:

    Noch ein Hinweis bezüglich der oben erwähnten Studien, von denen eine von Dr. Aust bislang noch nicht betrachtet wurde – nämlich Frenkel et.al., „Cytotoxic effects…“, 2010.

    Als die Studie 2010 erschien, wurde sie wie im homöopathischen Propagandasystem üblich, sofort „viral“ als „erneuter Beweis“. Das hatte wiederum wie üblich zur Folge, dass sich Leute damit beschäftigten. Die vielleicht meiste Mühe machten sich zwei Blogger, die im Fachgebiet Kompetenzen haben und deren Betrachtungen sind in einem Blogbeitrag beim ehemaligen Esowatch, heute psiram, nachveröffentlicht worden (inklusive Links auf die Originalbeiträge). Weiteres unter:
    http://blog.psiram.com/2010/03/ein-bisschen-homoopathische-brustkrebsforschung-oder-wer-hatte-gedacht-dass-alkohol-so-giftig-ist/#more-1045

    Sieht so aus, als könne Dr. Aust mit ein bißchen weiteren Ergänzungen den nächsten Beweisaufnahme-Artikel zu einer Studie einstellen. Mit üblichem Ergebnis.

    • Norbert Aust Norbert Aust sagt:

      Danke für den Link. Ich habe mir sowohl die Studie als auch die Kritiken dazu inzwischen angesehen. Ich denke, da kann ich nicht viel mehr beitragen, zumal ich für in vitro Untersuchungen an Zellen einen ganz erheblichen Aufwand zur Einarbeitung benötigen würde. Ich werde mich daher darauf beschränken, den Link in meinen Artikel zu den Banerji-Protokollen einzubauen.

  19. Norbert Aust Norbert Aust sagt:

    Hallo Herr Hümmer,
    danke für die Links. Allerdings vermag ich nicht zu erkennen, was Sie mit diesen Arbeiten in Bezug auf das Thema dieses Threads – Miasmen und chronische Krankheiten – aussagen wollen. Die letzten beiden Arbeiten kannte ich doch schon, ich habe sie bereits in meinem Artikel über die Banerji-Protokolle besprochen. Excanwahn hat ja den Link bereits genannt.

    > dass die Forschungsergebnisse “Homöopathie bei Hirntumoren” in Housten so überzeugend waren, dass die Homöopathie dort gleichrangig mit der Chemotherapie den Betroffenen als Therapieoption angeboten wird.

    Tatsächlich? Ich hatte die Ergebnisse dahingehend verstanden, dass Herr Banerji aufgefordert wurde, weitere Daten zu liefern, dies aber in den bisher zurückliegenden rund 15 Jahren nicht zuwege gebracht hat. Das hat die Texaner überzeugt? Klingt ja nicht gerade Vertrauen erweckend. Hat man da zufällig per Telekinese auch Gabeln verbogen und verwendet dieses Verfahren jetzt zur Anpassung von Hüftgelenksprothesen?

    > Statt Miasmen kann man ganz einfach von genetischer Disposition sprechen

    Klar, statt von Fensterscheiben kann man einfach von Autoreifen sprechen….

    Sorry, es bewährt sich, die Begriffe so zu verwenden, zumindest es zu versuchen, wie der Verfasser sie gemeint haben könnte. Das ist gerade ein Kritikpunkt an den verschiedenen Veröffentlichungen von Homöopathen, die sich an den Laien richten: Man verwendet irgendwelche eindrucksvoll klingenden Begriffe, heutzutage möglichst welche, die von woanders her irgendwie bekannt klingen, und vertraut darauf, dass der Leser schon irgendeine Bedeutung hineinlegt, die das ganze Geschwurbel für ihn scheinbar verständlich macht. ‚Epigenetik‘ und ‚Autoimmunprozess‘ sind dafür sicher hervorragend geeignete Kandidaten.

  20. excanwahn sagt:

    Ach so, the „Banerji-Protocols“!

    Gab´s da nicht schon mal etwas, überzeugter Homöopath Hümmer?

    Genau: http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/?p=630

  21. Hümmer sagt:

    Cytotoxic effects of ultra-diluted remedies on breast cancer cells
    INTERNATIONAL JOURNAL OF ONCOLOGY 36: 395-403, 2010

    Int J Oncol, 2003; 23: 975–82 Ruta 6 selectively induces cell death in brain cancer cells but proliferation in normal peripheral blood lymphocytes: A novel treatment for human brain cancer. Pathak S, Multani AS, Banerji P, Banerji P.

    Oncol Rep, 2008; 20: 69–74 Cancer patients treated with the Banerji protocols utilising homoeopathic medicine: a Best Case Series Program of the National Cancer Institute USA.
    Gruß
    Der Häretiker

  22. Pingback: Hahnemanns „Chronische Krankheiten“ und Homöopathie im Fernsehen @ gwup | die skeptiker

  23. Hümmer sagt:

    Lieber Herr Aust,
    endlich mal wieder ein Artikel, auf den zu antworten sich lohnt und der zu einer Rückkehr in das verminte Gelände verführt!
    Natürlich liegen Sie mit Ihrer Analyse der Hahnemannschen Miasmenlehre wieder mal (fast) ganz richtig und legen die Finger in die Wunde. Zum Glück gibt es aber noch viel „gesunde Haut“ zu bestaunen*!
    Es gibt eine kritische Homöopathie jenseits der Hahnemannschen Theorien und Schlußfolgerungen sowie der fragwürdigen Fortentwicklungen der Miasmenlehre durch Masi-Elizade, Sankaran und Gienow!
    http://www.rolandmethner.ch/pdf/Miasmen-Artikel-Konkret,2-2011.pdf
    Statt Miasmen kann man ganz einfach von genetischer Disposition sprechen, wobei die neuesten Ergebnisse zum Einfluss der Epigenetik(!) auf die Ausprägung von Autoimmunprozesse sehr plausibel deren Variabilität auf „äußere Reize“ erklären.

    *Als perfekter „Saulus der Homöopathie“ kennen Sie ja sicherlich die Studien aus dem Anderson Cancer Center in Dallas, Universität Texas- übrigens nach der Majo-Klinik und Stanford die dritte medizinische Kaderschmiede der USA- nach der Ruta bis zur Potenzierung C 200 genauso wie unpotenziertes Ruta maligne Zellen in die Apoptose gezwungen hat.
    Sie sind sicherlich auch im Bilde, dass die Forschungsergebnisse „Homöopathie bei Hirntumoren“ in Housten so überzeugend waren, dass die Homöopathie dort gleichrangig mit der Chemotherapie den Betroffenen als Therapieoption angeboten wird. Sechs von sieben Gliompatienten erlebten dort durch alleinige homöopathische Therapie eine Vollremission ihres Hirntumors (veröffentlicht im angesehenen, PUBMED-gelisteten und Peer-Reviewed „International Journal ofOncology“ 2003).
    Liebe Grüsse vom überzeugten Homöopathen und (!) Häretiker

    • Norbert Aust Norbert Aust sagt:

      Nein, diese Studien kenne ich samt und sonders noch nicht. Daher bitte ich Sie um eine genauere Quellenangabe. Auch die Angabe zum Journal of Oncology nur mit dem Jahrgang wird eine beschwerliche Suche. Auch hier wäre der Name des Autors und des Titels der Veröffentlichung – im vermutlich englischen originalen Wortlaut – sinnvoll.

  24. excanwahn sagt:

    Das, was Hahnemanns Erben, besonders auch Angesprochene wie beispielweise Sankaran aus der Theorie der Miasmen gemacht haben, ist Feld-, Wald-, Wiesen- und Gossenpsychologie übelster Art.
    Die von diesen Gestalten mittlerweile „entdeckten“ Arzneien sind im Regelfall Ergebnisse ungezügelter Assoziationen und absurdem Analogiedenken, das keinen Vergleich mit dem vorwissenschaftlichem Fabulieren scheuen muss, welches wir bei Anthroposophens noch zu Genüge finden.

    Allerdings ist genau diese Banal-Psychologie wohl das Faszinierende an der Neo-Miasmatik. Am Schlimmsten sind dabei die Vertreter der Mumbai-Schule; offenbar erzeugt in Indien der Konkurrenzdruck mit anderen obskuren Heilverfahren einen enormen Innovationsdruck.
    Deren Unsinn treibt so seltsame Blüten, dass man hinsichtlich des Geisteszustand der „ächten Heiler“ ernsthafte Bedenken haben müsste, wüsste man nicht, dass es in erster Linie um´s Geschäft geht.
    Ob das allerdings in jedem Fall gilt, darf angesichts solcher Narreteien, wie sie beispielweise die „Joshis“, das „Dynamische Duo“, mit seinen Imponderabilien abliefert, durchaus bezweifelt werden. Da findet dann auch ein „Schwarze Loch“ seinen Platz in der miasmatischen Therapie…

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