Leben Krebspatienten mit homöopathischer Zusatzbehandlung länger?

Vor ein paar Tagen besuchten zwei Mitglieder der GWUP-Ortsgruppe Freiburg eine Informationsveranstaltung eines Freiburger Homöopathen, der über die Behandlung von Krebs mittels klassischer Homöopathie informierte (Link). Dort wurde natürlich auch erwähnt, dass es Studien gäbe, in denen die Wirksamkeit wissenschaftlich nachgewiesen sei.

Insgesamt wurden an diesem Abend zwei Arbeiten als Beleg für die Wirksamkeit homöopathischer Behandlungen zitiert. Als Erste die Studie von Rostock et al. aus dem Jahre 2011, die auf diesem Blog bereits hier untersucht worden ist. Bei der anderen, die Gegenstand dieses Blogbeitrags ist, handelt es sich um eine ziemlich neue Arbeit von Gaertner et al. [1], die an der Medizinischen Universität Wien durchgeführt und im Januar 2014 veröffentlicht wurde. Eigentlich hätte die Studie das Zeug zu einer Sensation – und es ist daher zu befürchten, dass man in Zukunft des Öfteren auf sie verweisen wird. Letztendlich will man herausgefunden haben, dass Krebspatienten mit ungünstiger Prognose mit einer homöopathischen Begleittherapie je nach Befund doppelt so lange oder noch länger leben können als zu erwarten wäre. Die Autoren geben zwar selbst an, dass aus den Studienergebnissen nicht auf die Wirksamkeit der homöopathischen Behandlung geschlossen werden kann – aber welchen Homöopathen haben solche Lappalien je gestört, zumal dies im im Internet frei verfügbaren Abstract nicht so ohne Weiteres ersichtlich ist.

Edit (25.11.2014): Wie einer der Koautoren, der den Lesern dieses Blogs sicherlich nicht unbekannte Professor Frass, diese Arbeit in einem Vortrag darstellt, kann man auf Feuerwächters Blog nachlesen, hier der Link. Danke, Dottore, für den Hinweis.

In Kürze

In dieser Studie sollte untersucht werden, ob eine zusätzliche homöopathische Behandlung bei Krebspatienten die Überlebenszeit verlängert. Dazu werden vorhandene Krankendaten mit aus der Literatur bezogenen statistischen Angaben verglichen. Neben der Fragwürdigkeit solcher Vergleiche selbst könnte ein positives Ergebnis in verschiedene Richtungen gedeutet werden.

Mittels ihrer Ein- und Ausschlusskriterien entfernen die Autoren jedoch diejenigen Patienten aus dem betrachteten Kollektiv, die nur eine kurze Überlebenszeit erreicht hatten, und schließen solche Patienten mit ein, die die Zusatzbehandlung erst aufgenommen hatten, nachdem sie ihre prognostizierte Überlebenszeit überschritten hatten. Dies ist eine Methode, um sehr sicher ein positives Ergebnis zu erreichen. Korrigiert man dies anhand der in der Arbeit gegebenen Daten, zeigt sich, dass die homöopathische Zusatzbehandlung bei den Überlebensraten keinen Vorteil erbracht hat.

In Länge

Zu untersuchende Hypothese

Viele Krebspatienten entscheiden sich unter anderem dafür, sich zusätzlich zur konventionellen Therapie einer homöopathischen Behandlung zu unterziehen. Führt eine solche Behandlung zu einer Verlängerung der Überlebenszeit? Diese Frage ist sicher genauso relevant, wenn nicht sogar bedeutsamer, als die Verbesserung der Lebensqualität, die (angeblich) in der schon angesprochenen Rostock-Studie nachgewiesen worden sein soll.

Testkriterium

Zur Beurteilung der Frage wird die Überlebensdauer von Patienten betrachtet, die sich zusätzlich zur konventionellen Therapie einer homöopathischen Behandlung unterzogen hatten, also Patienten, die inzwischen verstorben sind. Soweit ist das ja sicher sinnvoll, aber womit wären die ermittelten Daten zu vergleichen? Letztendlich benötigt man ja auch Daten darüber, was ohne diese Zusatztherapie passiert wäre. Naheliegend wäre natürlich, dass man hierzu Patienten heranzieht, die sich im gleichen Krankenhaus zur gleichen Zeit alleine der konventionellen Therapie unterzogen hatten. Man hätte dann wenigstens gewusst, dass diese Vergleichsgruppe in etwa nach den gleichen Therapiegrundsätzen und Vorgehensweisen behandelt wurde. Diesen naheliegenden Weg der Bildung einer Vergleichsgruppe ist man aber aus nicht genannten Gründen nicht gegangen.

Die Autoren ermittelten sich ihre Vergleichsdaten aus Literaturangaben, aus Studien der konventionellen Onkologie also, in denen verschiedene Behandlungsmethoden miteinander verglichen wurden. Somit stammen die Vergleichsdaten, je nach Krebsart, aus Lausanne (Schweiz), New York (USA), Wien (Österreich), Hannover (Deutschland), Galveston (USA), Montreal (Kanada) und Tampa (USA). Ich vermag nicht zu beurteilen, wie stark heutzutage die Krebsbehandlungen international vereinheitlicht sind, oder ob sich in den verschiedenen Ländern unterschiedliche Lehrmeinungen und Verfahren herausgebildet haben, die auch die für diese Studie relevanten Ergebnisse beeinflusst haben könnten. Quintessenz: Es ist nicht nachvollziehbar, warum die Autoren nicht auf die viel näherliegenden Daten der Uniklinik in Wien zurückgegriffen haben, was sicher nicht unmöglich gewesen sein dürfte, waren sie doch in der Mehrzahl genau dort angestellt.

Die Vergleichszahlen werden für die verschiedenen in der Studie vorkommenden Krebsarten also aus statistischen Angaben erzeugt, die an Untersuchungen mit jeweils mehreren Hundert Patienten ermittelt wurden. In der Arbeit hier sind die Gruppen dagegen recht klein. Insgesamt nur 54 Patienten sind in die Auswertung eingeflossen, aufgeteilt auf sechs Gruppen (in manchen Darstellungen sieben), die sich durch die diagnostizierte Art der Krebserkrankung unterscheiden. Eine Gruppe lag bei 16 Teilnehmern, die anderen hatten zwischen 3 und 10 Mitglieder. Bei so kleinen Patientenzahlen kann angesichts der möglichen großen Bandbreite der individuellen Gegebenheiten der Patienten das ‚Gesetz der großen Zahl‘ nicht greifen, wonach der Mittelwert der Stichprobe sich dem Mittelwert der Gesamtheit immer weiter annähert. Der Vergleich mit den auf größeren Kollektiven beruhenden statistischen Daten ist daher sehr fragwürdig, denn zufällige individuelle starke Abweichungen beeinflussen das Ergebnis in kleinen Gruppen wesentlich stärker als in großen.

Wenn man Daten von Patienten mit theoretisch ermittelten Prognosewerten vergleicht, dann gibt es schlussendlich noch ganz verschiedene Möglichkeiten, was die Ursache für ein besseres Abschneiden sein könnte:

  • Die Patienten waren im Mittel in besserer Verfassung als es dem statistischen Durchschnittswert entspricht.

  • Die Qualität der Prognose war schlecht, das heißt, das Stadium des Patienten war nicht richtig zugeordnet und vielleicht zu ungünstig bewertet.

  • Die konventionelle Behandlung, die die Patienten erfahren hatten, war besser als normal, schließlich erfolgte die Behandlung an einer renommierten Universitätsklinik und nicht in einem Kreiskrankenhaus.

  • Ach ja, fast hätte ich es vergessen, es könnte auch die zusätzliche Behandlung eine Rolle gespielt haben, wobei immer noch offen wäre, ob es sich dabei um einen unspezifischen Effekt (‚Placeboeffekt‘) oder eine spezifische Wirkung der verabreichten Mittel handelte.

Ein Teil dieser Vorbehalte hätte sich ausräumen lassen, wenn man Vergleichsdaten aus der gleichen Umgebung und der gleichen Zeit herangezogen hätte.

Studiendesign

Die Autoren untersuchten die vorliegenden Krankenakten von Krebspatienten, die sich zwischen März 2004 und März 2008 erstmals einer zusätzlich zur konventionellen Krebstherapie durchgeführten homöopathischen Behandlung unterzogen, entweder parallel oder im Nachgang zur akuten Therapie. Damit entsteht eine retrospektive Beobachtungsstudie ohne eine Kontrollgruppe.

Beobachtungsstudien sind wichtige Instrumente, um in der medizinischen Forschung mit vergleichsweise geringem Aufwand herauszufinden, ob es bestimmte Effekte gibt, die eine aufwändigere Untersuchung gerechtfertigt erscheinen lassen. Man beobachtet einfach eine Gruppe von Versuchspersonen und bewertet den Verlauf bestimmter Merkmale, um dies herauszufinden. Genau das scheint auch die Motivation der Autoren zu sein, die diese Studie durchführten. Man kam aufgrund von einzelnen Fällen zu der Vermutung, dass es den Effekt der Verlängerung der Überlebenszeit durch die homöopathische Behandlung geben könnte. Man entschloss sich, dies anhand bereits vorliegender Patientendaten zu überprüfen. Bei einem positiven Ausgang müsste dann die Untersuchung mit einem Verfahren fortgesetzt werden, das einen Rückschluss darauf zulässt, ob die homöopathische Behandlung auch die Ursache für die Verbesserung sein könnte. Eine Beobachtungsstudie, insbesondere ohne eine Vergleichsgruppe wie hier, kann letzteres nicht leisten, da nicht sicher festgestellt werden kann, dass der beobachtete Effekt nicht doch von anderen nicht betrachteten Ursachen herrührt.

Insofern handeln die Studienautoren völlig logisch und folgerichtig und weisen auch in ihrer Schlussfolgerung darauf hin, dass aus den erzielten Ergebnissen nicht abgeleitet werden kann, die homöopathische Behandlung sei auch die Ursache des erzielten Erfolges gewesen. Leider steht dies nicht so klar und deutlich in der Zusammenfassung (‚Abstract‘) der Arbeit, die im Internet frei verfügbar ist. Dies findet sich nur im Volltext, der etwas schwieriger zu beschaffen ist. (Ich danke demjenigen, der weiß, dass er gemeint ist, für die Unterstützung bei der Beschaffung.) Wer den Abstract nicht mit hinreichend kritischer Aufmerksamkeit liest, dem erschließen sich die berechtigten Vorbehalte der Autoren nicht unbedingt.

Damit ist die positive Einschätzung der Autoren und ihrer Arbeit aber auch schon zu Ende. Die Arbeit vermag in keiner Hinsicht irgendwie zu befriedigen.

Zunächst ist anzumerken, dass die zahlenmäßigen Angaben in der Arbeit nicht konsistent sind, es ergeben sich Widersprüche zwischen den Angaben im Text, in den verschiedenen Tabellen und den grafischen Darstellungen. Glücklicherweise haben die Autoren in sehr vielen Tabellen die Zahlenwerte bis herunter auf den einzelnen Patienten angegeben, so dass ein Nachvollziehen der Auswertung möglich ist. Ich habe mich daher konsequent an die in den Einzeltabellen angegebenen Daten gehalten und im Widerspruch stehende Textangaben ignoriert. Die folgenden Zahlenangaben entstammen daher den Tabellen beziehungsweise beruhen auf meiner eigenen Auswertung, die den Angaben der Autoren folgt.

Wie bereits angedeutet, werden in der Arbeit Zeitangaben miteinander verglichen, nämlich die Überlebenszeit der Patienten mit einer Prognose. Was leider fehlt, ist eine genaue Definition der Zeitpunkte: Ab welchem Zeitpunkt zählt die Überlebenszeit in der Prognose und der tatsächlichen Messung und zu welchem Zeitpunkt erfolgte die Prognose? Das klingt zunächst trivial, führt aber schon in die Irre. Ich vermute aus anderen Quellen, dass es übliche Praxis ist, die Überlebenszeiten ab Erstdiagnose (ED) zu betrachten, also ab dem Zeitpunkt zu dem der Befund des Patienten feststand. Das kann aber hier nicht in vollem Umfang der Fall sein, denn es gibt drei Patienten (Nrn. 18, 19 und 24), deren Überlebenszeit kürzer angegeben ist als die Zeit zwischen Erstdiagnose und Beginn der homöopathischen Behandlung. Wenn die Angaben stimmten und die Zeiträume sich wie vermutet auf die Erstdiagnose beziehen, dann waren diese drei Patienten bei Beginn der homöopathischen Behandlung bereits seit 14, 45 oder 10 Monaten tot.

Oder ist der Anfangspunkt für die Überlebenszeit der Beginn der Therapie? Dann macht die Angabe der Zeit zwischen Beginn der homöopathischen Therapie und der Erstdiagnose keinen Sinn, es sei denn, man setzt voraus, dass die homöopathische Behandlung gleichzeitig mit der konventionellen Akutbehandlung zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt nach der Erstdiagnose eingesetzt hätte. Aber auch dies trifft nicht zu, denn nach den Tabellenangaben haben viele Patienten erst einige Zeit nach Abschluss der konventionellen Behandlung mit der Homöopathie begonnen.

Mit etwas Bauchweh gehe ich bei meinen Betrachtungen davon aus, dass die Überlebenszeit sowohl in der Prognose als auch in der Messung auf den Zeitpunkt der Erstdiagnose bezieht – und hoffe, dass die drei erwähnten Patienten nicht allzu störend ins Gewicht fallen. Für diese Annahme spricht auch, dass Überlebenszeiten von bis zu 144 Monaten angegeben werden, was sich nur auf die Erstdiagnose und nicht auf den Beginn der homöopathischen Therapie beziehen kann. Dieser Patient hat die homöopathische Behandlung erst 81 Monate nach der Erstdiagnose begonnen, aber parallel zur konventionellen Behandlung durchgeführt. Da zwischen Beginn der Studie im März 2004 (= erste homöopathische Konsultation) und der Veröffentlichung im Januar 2014 weniger als 144 Monate liegen, gibt es keine andere Art, die Zahlenangaben unter einen Hut zu bekommen, als die Angaben auf die Erstdiagnose zu beziehen.

Ein Kriterium dafür, dass die Daten eines Patienten in die Studie aufgenommen wurden, ist natürlich, dass sich dieser Patient einer homöopathischen Therapie unterzogen hatte. Das ist unvermeidlich. Problematisch ist aber, dass die homöopathische Behandlung im Mittel bei einer prognostizierten Überlebenszeit von 12 Monaten erst 6,5 Monate nach der Erstdiagnose begonnen wurde. Damit sind im Vergleich zu den Statistiken aus der Literatur die Patienten unterrepräsentiert, die nur eine kurze Überlebenszeit erreichten. Schon von daher ist eine Verschiebung der Ergebnisse in die positive Richtung zu erwarten.

Wofür man jedoch in der Arbeit keine rechte Begründung findet, ist der Punkt, dass nur solche Patienten in der Auswertung berücksichtigt wurden, die mindestens drei homöopathische Konsultationen absolviert hatten. Die Autoren geben an, dass die homöopathische Therapie mit der Erstanamnese begonnen wurde und die Nachfolgetreffen im Abstand von jeweils zwei bis drei Monaten stattfanden. Somit sind nur die Patientendaten in die Auswertung eingeflossen, bei denen der Beginn der Zusatztherapie um vier bis sechs Monate überlebt wurde. Dies schneidet ganz glatt die in den ersten Monaten nach dem Beginn der homöopathischen Behandlung aufgetretenen Todesfälle aus dem betrachteten Kollektiv heraus. Da bleibt man einfach sprachlos zurück! Dies läuft ganz klar darauf hinaus, dass man im Gegensatz zu den statistischen Vergleichswerten die ersten fünf Monate des Geschehens einfach nicht betrachtet. Kann die Studie dann überhaupt noch negative Ergebnisse zeigen?

Quintessenz:

Die Einschlusskriterien, um in die Endauswertung zu gelangen, führen dazu, dass überproportional viele Patienten mit kurzer Überlebenszeit nicht ausgewertet werden. Selbst wenn die Zusatzbehandlung überhaupt keinen Effekt hat, ergeben sich aus dieser Konstellation gegebenenfalls deutliche Verfälschungen zur positiven Seite hin.

Ergebnisse

Über irgendwelche Abweichungen vom Versuchsplan wird nicht berichtet, was angesichts des Patientenkollektivs auch nicht zu erwarten wäre. Die Datenerfassung selbst ist auch nicht sonderlich problematisch, weswegen wir uns gleich dem Ergebnis zuwenden können.

In der Studie werden die in die Auswertung eingeflossenen Patientendaten auf sechs Krebsarten aufgeteilt, die zum Teil in den einzelnen Zahlenwerten erheblich Unterschiede aufweisen. Mir geht es hier jedoch um die Problematik der statistischen Auswertung in der Arbeit, nicht so sehr um aussagekräftige Werte für eine einzelne Indikation. Ich habe daher der Einfachheit halber, um nicht in eine Diskussion über die Besonderheiten bestimmter Krankheitsbilder zu geraten, die Daten aller Patienten zusammengefasst. Die gemittelten Zahlenwerte treffen somit für keinen Befund wirklich exakt zu. Es geht mir darum, die Problematik der Auswertung aufzuzeigen – nicht um Perspektiven für Krebspatienten darzulegen.

In dem betrachteten Zeitraum von März 2004 bis März 2008 konsultierten insgesamt 538 Krebspatienten die Spezialambulanz für Homöopathie bei malignen Erkrankungen. Diese Patienten erhielten entweder parallel oder vor der Homöopathie eine nach dem jeweils neuesten Stand des Wissens ausgeführte konventionelle Therapie. Unter diesen 538 Patienten befanden sich 113 Patienten, bei denen ein Krebs nach Art und Stadium diagnostiziert worden war, wie sie bei den Patienten in der Endauswertung auch vorlagen,nämlich:

  • Glioblastom (Hirntumor)
  • Metastasierter Nierenkrebs
  • Metastasiertes Sarcom
  • Gallengangskarzinom
  • Bauchspeicheldrüsenkrebs
  • Lungenkrebs

Von diesen 113 Patienten hatten nur 76 die für den Einschluss in die Auswertung benötigten drei Sitzungen beim Homöopathen absolviert, 37 Patienten sind offenbar abhanden gekommen. Was ist mit ihnen geschehen? Die Studie gibt darüber keinen Aufschluss. Natürlich kann es sein, dass sich diese Menschen dazu entschlossen hatten, die Zusatzbehandlung aufzugeben. Aber ist das plausibel? Patienten, die in einem sehr prekären Zustand waren und sich entschlossen hatten, die Ambulanz aufzusuchen, die Erstanamnese über sich ergehen zu lassen, hören dann einfach mit der wenig beschwerlichen Therapie auf? Oder ist es plausibler anzunehmen, dass, wenn nicht alle, so doch ein sehr großer Teil in den vier bis sechs Monaten Behandlungszeit verstorben waren? Immerhin hatten sie nach den statistischen Vergleichsdaten im Mittel nur eine Überlebenszeit von 12 Monaten zu erwarten und begannen erst im Mittel nach 6,5 Monaten mit der Zusatzbehandlung. Mithin war die prognostizierte Überlebensdauer zur dritten homöopathischen Konsultation bei vielen Patienten bereits abgelaufen. Ich denke, die Annahme, dass die allermeisten dieser 37 Patienten verstorben sind, ist gerechtfertigt.

Welche Gründe kann es dafür geben, dass die Daten dieser Patienten in der Auswertung nicht berücksichtigt werden, denn letztendlich sind sie ja unter der homöopathischen Behandlung gestorben. Die Risiken einer homöopathischen Behandlung sind, selbst wenn man von einer spezifischen Wirkung ausgeht, eben die langen damit verbundenen Zeiträume, bis das richtige Mittel gefunden ist. Warum soll dies von der Betrachtung ausgeschlossen werden?

Von den 76 Patienten, die mindestens drei homöopathische Konsultationen überlebt hatten, wurden weitere 22 ausgeschlossen. Als Grund kann man einer Grafik entnehmen, dass in diesem Schritt die Patienten ausgeschlossen wurden, deren Diagnose eine Krebsart ergeben hätte, die gute Überlebenschancen bietet. Das kann hier nicht zutreffend sein, denn alle 76 Patienten verzeichneten einen der sechs verschiedenen Befunde, die am Ende weiter betrachtet wurden. Fehlende Daten spielten im gesamten Kollektiv keine große Rolle. Insgesamt, für alle 287 Krebspatienten, die die dritte Konsultation erreicht hatten, gab es nur 15 unvollständige Datensätze, weniger als alleine in der Endgruppe ausgeschieden wurden. Ich befürchte, wir werden nie erfahren, was mit den 22 Patienten geschehen ist.

Bleiben also zum Schluss Datensätze von 54 Patienten übrig, von denen die Einzeldaten in umfangreichen Tabellen angegeben werden. Daraus ließen sich dann sechs Untergruppen mit verschiedenen Krebsarten mit tödlicher Prognose bilden. In allen sechs Gruppen ergaben sich – oh Wunder – mehr oder minder deutliche Überschreitungen der prognostizierten Lebenserwartungen – was für die Patienten sicherlich eine sehr erfreuliche Tatsache wäre. Und so kann man erfreut verkünden:

‚Die Analyse aller Fälle von Krebspatienten mit einer negativen Prognose, die sich zusätzlich zu ihrer konventionellen Krebsbehandlung noch mindestens dreimal homöopathischen Behandlungen unterzogen, ergab im Vergleich zu den Prognosen von Krebsspezialisten und Literaturangaben eine längere Überlebensrate.‘ (Übersetzung von mir)

Als Beispiel für die vielen verschiedenen Angaben seien die Überlebensraten genannt, die ich hier mit den Zahlen der Patienten gewichtet arithmetisch gemittelt habe. Demnach betrug der Anteil der noch lebenden Patienten:

Ein Jahr nach ED: Erwartete Überlebensrate: 46,8 % – mit Homöopathie: 88,9 %
Zwei Jahre nach ED: Erwartete Überlebensrate: 28,6 % – mit Homöopathie: 59,2 %
Drei Jahre nach ED: Erwartete Überlebensrate: 11,9 % – mit Homöopathie: 40,7 %

Da kann man in der Zusammenfassung noch so oft schreiben, dass es nicht möglich ist, aus dem Studienergebnis zu schließen, ob die homöopathische Behandlung mehr oder weniger hilfreich war. Die Fakten der doppelt so hohen Überlebenswahrscheinlichkeit stehen erst einmal da. Da kann die Anzahl der Probanden noch so klein gewesen sein, dies vermittelt Hoffnung auf ein etwas längeres Leben.

Wenn Sie jetzt glauben, dass mittels einer Zusatzbehandlung, die auf Zucker mit etwas Verdunstungsrückständen von Lösungsmitteln basiert, solche Ergebnisse doch gar nicht möglich sein können – dann haben Sie vollkommen Recht. Das geht auch nicht mit rechten Dingen zu.

Zunächst kann es nicht richtig sein, die oben erwähnten 37 Patienten aus der Betrachtung auszuschließen, die wahrscheinlich zum großen Teil an den Folgen ihrer Krankheit verstorben sein dürften, ohne das dritte Homöopathiegespräch erreicht zu haben.

Des weiteren ist zu berücksichtigen, dass 16 der 54 Patienten mit ihrer Homöopathie-Behandlung überhaupt erst nach Ende ihrer prognostizierten Überlebenszeit begonnen hatten. Mithin kann die Homöopathie hier nicht die Ursache für die positive Entwicklung gewesen sein. Darüber hinaus gab es zwei Patienten, die erst länger als ein Jahr nach ihrer Erstdiagnose mit der Zusatzbehandlung begannen, also für den Erfolg der Homöopathie im ersten Jahr irrelevant waren. Beide Kategorien, mithin 18 Patienten, haben in dem betrachteten Kollektiv nichts zu suchen.

Somit beträgt die Anzahl der Patienten, die in meine Auswertung eingeflossen sind, nicht 54, sondern 54 + 37 – 18 = 73. Davon verstarben im ersten Jahr 43 Patienten, einschließlich der genannten 37. Nach zwei Jahren waren 59 Patienten verstorben, nach drei Jahren 65.

Daraus ergibt sich dann das folgende Ergebnis:

Ein Jahr nach ED: Erwartete Überlebensrate: 46,8 % – mit Homöopathie: 41,1 %
Zwei Jahre nach ED: Erwartete Überlebensrate: 28,6 % – mit Homöopathie: 19,2 %
Drei Jahre nach ED: Erwartete Überlebensrate: 11,9 % – mit Homöopathie: 10,9%

Wie man sieht, ergibt sich unter einer zutreffenderen Sichweise, dass die Patienten mit der homöopathischen Zusatztherapie tendenziell eher schlechter fuhren als aufgrund von Vergleichsstatistiken zu erwarten war. Darin ist jetzt noch nicht berücksichtigt, dass die Patienten mit einer erreichten kurzen Überlebenszeit unterrepräsentiert waren, weil die homöopathische Behandlung im Mittel erst einige Zeit nach der Erstdiagnose aufgenommen wurde. Auch die 22 aus unerfindlichen Gründen nicht aufgenommenen Patienten sind nicht berücksichtigt. Dafür ist die Annahme, die 37 Personen seien alle innerhalb des ersten Jahres verstorben, vielleicht etwas zu radikal – aber in der Größenordnung dürfte das schon passen.

Mithin ist der Vorteil der homöopathischen Zusatzbehandlung bei Korrektur der Zahlentricksereien nicht mehr existent, was sich in den Ergebnisse aller hier betrachteten Krebsarten sehr deutlich zeigt.

Edit (25.11.2014): Diagramm mit Erläuterung angefügt.

In den Einzelbefunden sieht das Ergebnis dann so aus:

Gaertner

Erläuterung:

In diesem Diagramm sind die Angaben aus der Studie meinen Rechenwerten gegenübergestellt. Die blauen Säulen sind die in der finalen Ergebnisdarstellung genannten statistisch erwarteten Überlebenszeiten (die sich von den Angaben in den Patiententabellen unterscheiden). Die roten Säulen zeigen die ermittelten Überlebenszeiten, wenn man das Patientenkollektiv wie beschrieben erweitert und die grauen zeigen das in der Studie berichtete Ergebnis.

Die einzelnen Gruppen sind folgender Aufstellung zu entnehmen (mit Korrekturrechnung der Teilnehmerzahl, s. Text):

GBM – Glioblastom Stadium IV (7 – 0 + 9 =16)
MRCC – Metastasierter Nierenkrebs (8 – 6 + 4 = 6)
MSARC – Metastsiertes Sarcom (16 – 8 + 6 = 14)
CCC – Gallengangskarzinom (5 – 1 + 2 = 6)
PC – Bauchspeicheldrüsenkrebs (8 – 3 + 5 = 10)
NSCLC, SCLC – Lungenkrebs, klein-und großzellig (10 – 0 + 11 = 21)
Summe Teilnehmer (54 – 18 + 37 = 73)

Bei den Zahlenwerten handelt es sich um Medianwerte, das ist das Ergebnis des jeweils mittleren Patienten. Für die 37 Frühverstorbenen wurde eine Überlebenszeit von im Mittel drei Monaten angenommen zuzüglich der mittleren Zeit bis zum Beginn der homöopathischen Therapie von 6,5 Monaten.

Man erkennt den sehr starken Einfluss der Ein- und Ausschlusskriterien – und dass die erwartete Überlebensdauer für keine Indikation erreicht wurde.

Quintessenz:

Der im Ergebnis berichtete positive Ausgang für die Patienten beruht auf einem Rechentrick, genauer, aus einer passenden Wahl von Ein- und Ausschlusskriterien. Nichts weiter. Wenn man eine große Anzahl von früh Verstorbenen per Ausschlusskriterium einfach nicht mitbetrachtet, dafür aber Patienten einschließt, die die Zusatztherapie erst aufgenommen haben, nachdem die prognostizierte Überlebenszeit vorbei war – dann kann man sich natürlich ein Ergebnis hinrechnen, wie immer man es haben will.

Ein Witz am Rande ist die statistische Auswertung bzw. die Ermittlung der statistischen Signifikanz, also die Bewertung, ob es sich bei dem Ergebnis um Zufall handeln könnte. Während alle Einzeldaten, die angegeben werden, sich auf einen Vergleich mit Literaturdaten beziehen, die gleichmäßig auf alle Patienten des gleichen Befundes angewandt wurden, ist dies bei der Signifikanzprüfung nicht der Fall. Dort steht nämlich plötzlich, die Überlebensraten seien mit ‚individuell geschätzten Überlebensraten entsprechend Erhebungen von Experten‚ ermittelt worden. Die Grundlagen dieser Ermittlung (wer, wann, was, auf welcher Grundlage?) oder gar die Zahlen selbst sucht man vergebens.

Auch dass die Häufigkeit der homöopathischen Behandlung mit der Überlebensdauer zusammenhängt, ist den Autoren eine Bemerkung wert. Was aber ist Ursache, was ist Wirkung? Haben die Patienten länger gelebt, weil sie öfter beim Homöopathen waren? Wird ein Mensch älter, WEIL er mehr Geburtstage hat als andere? Oder kann es einfach sein, dass länger überlebende Patienten einfach länger und damit öfter Gelegenheit hatten, den Homöopathen aufzusuchen?

Sei es wie es sei. Man wundert sich einmal mehr, dass eine solche Arbeit das Peer review der Fachzeitschrift überstanden hat, aber bei den ‚Complementary Therapies in Medicine‚ ist die Hemmschwelle offensichtlich recht niedrig, irgendwelche Jubelpapers zu veröffentlichen.

Lassen wir es dabei bewenden. Das Paper ist so schwach, dass eine weitergehende Betrachtung der Schlussfolgerungen und der Diskussion müßig ist. Diese, bereits oben zitiert, könnten ja in ein paar Punkten ergänzt werden:

‚Die Analyse aller Fälle von Krebspatienten mit einer negativen Prognose, die lange genug lebten, um sich zusätzlich zu ihrer konventionellen Krebsbehandlung noch mindestens dreimal homöopathischen Behandlungen zu unterziehen, ergab zusammen mit den Patienten, die auch ohne diese Behandlung länger lebten, im Vergleich zu den Prognosen von nicht näher genannten Krebsspezialisten, von denen wir aber nicht angeben, wie sie zustande gekommen sind, und Literaturangaben eine längere Überlebensrate.‘
(Übersetzung und Einfügungen in Fettschrift von mir).

Klingt nicht nur unsinnig, ist es auch.

Literatur:

[1] Gaertner K, Müllner M, Friehs H, Schuster E, Marosi C, Muchitsch I, Frass M, Kaye AD: Additive homeopathy in cancer patients: Retrospective survival data from a homeopathic outpatient unit at the Medical University of Vienna, Complementary Therapies in Medicine (2014) 22, 320-332 Link zum Abstract

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18 Antworten auf Leben Krebspatienten mit homöopathischer Zusatzbehandlung länger?

  1. Pingback: „Ebola-Mission“ von Homöopathen in Liberia vorerst gescheitert @ gwup | die skeptiker

  2. Dottore sagt:

    Originalzitat: „… and findings show a continuously positive correlation between the number of homeopathic consultation and reached survival time.“

    You made my day, Dr. Aust!

    Wen’s interessiert: Zum kompletten Artikel gelangt man über den ersten Google-Treffer, wenn man den Namen der Erstautorin und researchgate eingibt.

    Auch Feuerwächter hat sich mit ‚Lebenszeitverlängerung durch Homöopathie – Teil 2′ damit beschäftigt und kommt, was nicht verwunderlich ist, zu dem gleichen vernichtenden Ergebnis. (In Teil 1 bezeichnet er Dr. Frass‘ Darstellungen sogar als „perfide Manipulation“!)
    http://www.feuerwaechter.org/2014/05/lebenszeitverlaengerung-durch-homoeopathie-teil-2

    • Norbert Aust Norbert Aust sagt:

      Researchgate: Leider muss man sich dort registrieren, um die Artikel im Volltext zu lesen. Eine Registrierung ist (legal) nach meiner Erfahrung aber nur für Angehörige von Forschungsinstituten möglich. Wenn es da andere Wege gibt, wäre ich für einen Hinweis dankbar.

      Danke für den Link auf Feuerwächters Blog. Ich habe ihn im Artikel ergänzt.

      Norbert

  3. Josef Mattes sagt:

    Sehr schöne Besprechung, an zwei Punkten muss ich aber doch herumnörgeln:

    1.) „Zwei Jahre nach ED: Erwartete Überlebensrate: 28,6 % – mit Homöopathie: 19,2 %“ Wie schafft es „Zucker mit etwas Verdunstungsrückständen“, die Überlebensrate um ein Drittel zu senken? (mindestens 1/3, denn s.o.: „Darin ist jetzt noch nicht berücksichtigt …“)

    2.) „wobei immer noch offen wäre, ob es sich dabei um einen unspezifischen Effekt (‘Placeboeffekt’) oder eine spezifische Wirkung der verabreichten Mittel handelte“
    Wann werden die Leute endlich ihre Placebophobie in den Griff bekommen? Sollte ich einmal Krebs haben und mir eine Pille das Leben verlängern/erleichtern (zusätzlich zu „normaler“ Behandlung!), dann ist es mir doch vollkommen egal ob diese Pille „nur“ ein Placebo ist oder „richtige“ Medizin, nur das Ergebnis zählt in diesem Fall.

    • Norbert Aust Norbert Aust sagt:

      > Wie schafft es “Zucker mit etwas Verdunstungsrückständen”, die Überlebensrate um ein Drittel zu senken?

      Woraus schließen Sie, dass der Zucker die Ursache für die kleinere Überlebenszeit war? Die Ergebnisse sind angesichts der äußerst wackligen Vergleichsbasis durchaus im Rahmen dessen, was man erwarten kann, wenn die ganze Behandlung völlig unwirksam war.

      > Sollte ich einmal Krebs haben und mir eine Pille das Leben verlängern/erleichtern … dann ist es mir doch vollkommen egal ob diese Pille “nur” ein Placebo ist …

      Zunächst: Woher würden Sie in diesem hypothetischen Fall wissen, dass es die Pille war, die Ihre Situation verbessert hat? Dazu führt die nach Rückwärts gerichtete Betrachtung zu falschen Schlussfolgerungen. Wenn Sie beispielsweise im Nachhinein nur die Überlebenden einer Epidemie oder eines Krieges betrachten, dann sieht das Alles gar nicht so schlimm aus.

      Es geht um die Frage, ob die Entscheidung oder Empfehlung, mit einer sehr, sehr wahrscheinlich unwirksamen Therapie zu beginnen, richtig ist. Ihnen kann egal sein, ob die Pille Ihnen geholfen hat oder was sonst – aber diejenigen, die mit der gleichen Methode erfolglos behandelt wurden, sehen das bestimmt anders.

      • Josef Mattes sagt:

        Antwort leider mit etwas Verspätung:
        1.) Sie selbst schrieben „Die Fakten der doppelt so hohen Überlebenswahrscheinlichkeit stehen erst einmal da“ und kritisierten das; umgekehrt haben Sie selbst die deutlich niedrigere Überlebenswahrscheinlichkeit unkommentiert hingeschrieben. Das verträgt sich in meinen Augen nicht (wenn Kritik, dann so gut man kann die gleichen Maßstäbe für sich selbst anlegen).

        2.) „Woher würden Sie in diesem hypothetischen Fall wissen, dass es die Pille war, die Ihre Situation verbessert hat?“
        Wieso? Wirken Placebos plötzlich nicht mehr besser als z.B. Wartelisten-Kontrollgruppen?
        Oder ist Ihre Behauptung, dass Placebos nur alleine wirken, aber unmöglich eine Zusatznutzen neben einer Standardbehandlung bringen können?
        – „Es geht um die Frage, ob die Entscheidung oder Empfehlung, mit einer sehr, sehr wahrscheinlich unwirksamen Therapie zu beginnen, richtig ist. “
        Es geht um die Frage, wo das Problem sein soll, wenn jemand *zusätzlich* zu normaler Behandlung ein paar Zuckerkugeln schluckt und sich dann besser fühlt.

        • Norbert Aust Norbert Aust sagt:

          > umgekehrt haben Sie selbst die deutlich niedrigere Überlebenswahrscheinlichkeit unkommentiert hingeschrieben.

          … dann lesen Sie bitte weiter. Dann finden Sie eine Beschreibung meiner Vorgehensweise mit Begründung mit ein paar Hinweisen, welche Annahmen einen Einfluss auf mein Ergebnis haben könnten. Das ist mehr, als die Autoren der Originalarbeit ihren Lesern bieten.

          > Wirken Placebos plötzlich nicht mehr besser als z.B. Wartelisten-Kontrollgruppen?

          Placebos wohnt per Definition keine spezifische, das heißt, auf einen Wirkstoff zurückzuführende Wirksamkeit inne. Dass es eine unspezifische Wirkung aus dem Kontext der Behandlung bzw. der Einnahme heraus geben kann (!) ist unbestritten.

          > Es geht um die Frage, wo das Problem sein soll, wenn jemand *zusätzlich* zu normaler Behandlung ein paar Zuckerkugeln schluckt und sich dann besser fühlt.

          Nein, um diese Frage geht es nicht. Es geht darum, ob einer Therapie, die aus naturwissenschaftlicher Sicht keinen spezifischen Effekt erzielen kann, eben dies zugebilligt wird oder nicht. Diese Arbeit wurde ja bereits benutzt, um Krebspatienten davon zu überzeugen, dass eine homöopathische Therapie eine erprobtes und wirksames Konzept sei. Dies führt nach Lage der Dinge diese Menschen in die Irre.

          • Josef Mattes sagt:

            ad 1.) Sie schrieben „Patienten mit der homöopathischen Zusatztherapie tendenziell eher schlechter fuhren [!] als aufgrund von Vergleichsstatistiken zu erwarten war. Darin ist jetzt noch nicht berücksichtigt […]“

            ad 2.) „Viele Krebspatienten entscheiden sich unter anderem dafür, sich zusätzlich zur konventionellen Therapie einer homöopathischen Behandlung zu unterziehen. Führt eine solche Behandlung zu einer Verlängerung der Überlebenszeit?“

            Wo steht da etwas von einem *spezifischen* Effekt? Wenn jemand aufgrund eines unspezifischen Effektes länger leben sollte, muss er sich vielleicht dafür gar noch genieren?

          • Norbert Aust Norbert Aust sagt:

            > Wo steht da etwas von einem *spezifischen* Effekt?

            Genau: Homöopathie hat keinen spezifischen Effekt ist also Placebomedizin.
            Dann sind wir uns ja völlig einig.

    • ajki sagt:

      zu 1) Das erklärt sich aus der Zufälligkeit der Ereignisse in dieser speziellen Gruppe. Bei vollständigen Datenpfaden einzelner Verläufe und genügend vielen davon wäre die fortführende Behauptung wohl eher: alle Verhältnisse bleiben gleich bei beiden Gruppen (all other things except homoeopathic treatment being equal).

      zu 2) Menschen in diesen Stadien einer schweren Erkrankung dürfen ganz grundsätzlich und prinzipiell *alles* tun, was sie freut oder was ihnen Wohlgefühl verschafft (und ihre Krankheiten nicht verschlimmert). Sie können beten, Zuckerkügelchen einwerfen, feine Schweizer Schokolade genüsslich einsaugen, 24/7 Tom&Jerry schauen, Rosenbeete wässern… egal. Was nicht passieren sollte ist, dass irgendwann mal später irgendwer hergeht, ausgiebiges cherry picking und mathturbation betreibt und öffentlich aussagt, er habe bewiesen, dass das intensive Anschauen von Tom&Jerry-Zeichentrickfilmen das Leben trotz schwerer Krankheit verlängert. Genauer gesagt darf er das natürlich behaupten, aber entweder darf man seinem cherry picking und seiner mathturbation dann nicht (so leicht) auf die Schliche kommen oder aber er macht solche schlimmen Dinge nicht und hat dann mit seiner Findung vielleicht sogar reproduzierbar recht. Was die Rechtehalter an Tom&Jerry-Zeichentrickfilmen *sehr* freuen würde und den Rest der Welt auch.

  4. Jo sagt:

    Ihre akribische Analyse der genannten Veröffentlichung beeindruckt und zeigt wieder einmal, wie notwendig eine Medizin ist, die echten wissenschaftlichen Standards genügt. Ich gestehe, dass ich schon nach der Auflistung der Patientenzahlen und -gruppen keine große Lust mehr verspürte, noch weiterzulesen. Da fallen die weiteren geschilderten handwerklichen Mängel kaum noch ins Gewicht. Akademische Diskussionen sind hier einfach absurd.

    • Norbert Aust Norbert Aust sagt:

      Ihr erster Link bezieht sich auf die homöopathische Krebsbehandlung entsprechend der Banerji-Protokolle. Dies war hier auf dem Blog schon einmal Thema: http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/?page_id=630.
      Quinteessenz:
      Die von den Herren Banerji behaupteten Wirkungen sind bisher nicht wissenschaftlich nachgewiesen worden und stehen daher als unbewiesene Behauptung im Raum. Ob Ihr Link neue Erkenntnisse und Ergebnisse umfasst, ist schwer auszumachen, da der volle Artikel, inklusive der Diagramme und Literaturangaben, nur gegen Bezahlung von € 3,50 zugänglich ist. Dies bin ich nicht bereit für einen Artikel zu bezahlen, der nicht in einem Fachjournal publiziert wurde.

      Dem zweiten Link kann man diese Textstelle entnehmen:

      „Da offensichtlich die Massenmedien sehr gut wie beschrieben funktionieren und ihre WIrkung auf die Masse nicht verfehlen, muss auch die Homöopathie sehr gut funktionieren und Wirkung zeigen, denn beide funktionieren nach gleichen Prinzipien.

      Verstärkt werden diese Zusammenhänge noch durch ganz andere Schläge, nämlich körperliche Schläge. Je länger jemand den Schlägen von gleicher Hand ausgeliefert ist, desto mehr wird das eigentliche Problem verdünnt und das energetische Potenzial im Geschlagenen erhöht. Die Problematisierung dergestalt ist der chronisch gewordene Prozess, der letztendlich Bewusstwerdung erfährt, wenn das angesammelte Potenzial letztendlich auszubrechen vermag …“

      Entschuldigen Sie, wer soll diesen gequirlten Unsinn denn ernst nehmen? Was hat denn der Autor geraucht, als er das schrieb?

      Es wäre vielleicht interessant zu erfahren, was Sie unter ‚Energie‘ verstehen, was ‚energetisch‘ bedeutet und was ‚energetische Potenziale‘ sein sollen.

  5. C.W. sagt:

    @Herrn Hümmer:
    Wieso sind mir beim Lesen dieses Artikels sofort SIE eingefallen?http://www.fromquarkstoquasars.com/deniers-not-skeptics-difference/

    MfG

    • Norbert Aust Norbert Aust sagt:

      Ich möchte ein Zitat aus dem Link ergänzen, das mir wichtig erscheint:

      „Skeptics want evidence; they seek it; they find it; then they accept it. Deniers do not want real evidence and they won’t accept any if it is brought before them. A person who rejects an idea that is backed by scientific evidence is a denier, and they are anti-science.“

  6. C.W. sagt:

    Ooooops, ich hab grad gemerkt, dass ich mit meinem post an Herrn Hümmer in den falschen thread gerutscht bin. Könnte man das verschieben? Ich bin grad in Mexico und hab auf dem iPad nicht so den überblick. Danke!

  7. Pingback: Krebsforscher: Finger weg von „komplementären“ Verfahren @ gwup | die skeptiker

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