Homöopathie bei Zahnungsproblemen – oder was?

Man kommt gar nicht mehr nach mit dem Stellungnehmen, so schnell wächst der Unsinn an Studien nach – oder was für eine solche gehalten wird. Der neueste Erguss: Eine angebliche Studie angeblich zur Homöopathie bei Zahnungsproblemen bei Kindern [1]:

Bild: Pixabay

Zunächst handelt es sich bei dieser Arbeit nicht um eine klinische Studie. Vielmehr werden hier Daten aus einer Maßnahme des Indischen Gesundheitswesens betrachtet, mit der man versucht, die Gesundheit von Bevölkerungsschichten zu heben, die nur begrenzten Zugang zu medizinischen Einrichtungen haben. Zu diesem Zweck hat man sogenannte ASHAs ausgebildet (ASHA = Accredited Social Health Activist, etwa anerkannte soziale Gesundheitshelferin) und mit elementarem medizinischen Wissen ausgestattet. Jeweils etwa 1000 Einwohner werden von einer solchen Frau in Gesundheitsfragen unterstützt und beraten. Einfache, häufig auftretende Beschwerden kann sie direkt behandeln, wobei sie eine kleine Notfallapotheke mit sechs verschiedenen homöopathischen Mitteln zur Verfügung hat. Allerdings sind die ASHAs auch in anderen Methoden als der Homöopathie unterwiesen, etwa Durchfallerkrankungen mittels Rehydration zu therapieren oder Erkältungskrankheiten zu behandeln.

Ernstere Erkrankungen und alle, die länger als drei Tage anhalten, vermitteln die ASHAs an weiterbehandelnde Ärzte. Unter den Beschwerden, für deren direkte Behandlung die Frauen ausgebildet sind, finden sich auch häufig bei Kindern auftretende Probleme: Durchfallerkrankungen, Erkältungen, Koliken und Infektionen. Eine wichtige Funktion ist die Beratung und Aufklärung zu einer gesunden Lebensweise, etwa über Hygiene und gesunde Ernährung.

In diese Betrachtung wurden über 11.000 Kinder aufgenommen, die von mehr als 750 ASHAs behandelt wurden. In dem Artikel wird nicht dargestellt, ob alle Kinder aus dem Umfeld in die Betrachtung eingeschlossen wurden oder nur solche, bei denen gesundheitliche Probleme vorgelegen haben. Sie waren jeweils zwischen sechs und zwölf Monaten alt und ihre Entwicklung wurde jeweils zwölf Monate lang verfolgt. Grundsätzlich erhielten alle Kinder vom Beginn an bis zum Alter von 12 Monaten täglich Calcarea phosphoricum D6. Die anderen fünf Mittel wurden nach Indikation angewendet.

Erstaunlich: Entgegen dem Titel der Arbeit war das Zahnen der Kinder nicht das Ziel und Einsatzgebiet der ASHAs: Offenbar wurde nur der Stand der Zahnbildung, also die Anzahl der durchgebrochenen Zähne erfasst, ohne dass die ASHAs hier direkt tätig wurden. Behandelt wurden nur Beschwerden, die – obwohl die Autoren anderslautende Arbeiten zitieren – als mit Zahnungsbeschwerden verbunden angesehen werden: Durchfall, Fieber etc. Im Artikel werden die Daten zu Durchfallerkrankungen, Erkältungskrankheiten und zur Zahnentwicklung präsentiert.

Für Erkältungs- und Durchfallbeschwerden werden keine Vergleichsdaten angegeben, allerdings lässt sich aus den Daten erkennen, dass die Episoden dieser Erkrankungen in der Folgezeit drastisch abnahmen. Die weit überwiegende Mehrzahl der ASHAs fand die Homöopathie hilfreich und für die Kinder nützlich. Das ist alles, was es an Ergebnis gibt, mit dem die Folge der homöopathischen Behandlungen bewertet wurden. Woraus die ASHAs das schließen, wird nicht berichtet. Die Autoren der Arbeit führen selbst an, dass die Verbesserungen das Ergebnis der Arbeit der ASHAs sind und nicht zwangsläufig auf den Einsatz der Homöopathika zurückgeführt werden können. Gerade die Einflüsse verbesserter Hygiene und Ernährung auf Durchfallerkrankungen dürften einleuchtend sein.

Und was hat es jetzt mit den Zahnungsbeschwerden auf sich, auf die der Titel der Arbeit hindeutet?

In der Zusammenfassung der Arbeit wird berichtet, dass Kinder, die mit sechs Monaten in die Betrachtung aufgenommen wurden, schneller der zu erwartenden Zahnentwicklung entsprachen als Kinder, die mit 12 Monaten aufgenommen wurden. Konkret heißt das, dass 25,5 % der erstmalig im Alter von sechs Monaten erfassten Kinder mit 12 Monaten sechs Zähne hatten, jedoch nur 13,3 % der Kinder, die erst mit 11 Monaten aufgenommen wurden.

Ein weiterer Punkt: Bei 52 % der Kinder, die mit 11 Monaten noch keine Zähne hatten, und bei 84 % der Kinder, die mit 12 Monaten noch keine Zähne hatten, ist innerhalb eines Monats nach der Erfassung ein Zahn durchgebrochen.

Hat das alles etwas mit der Gabe der Homöopathie zu tun, die alle Kinder bis zum Alter von 12 Monaten in Form von täglich zwei Tabletten Calcarea phosphoricum D6 erhielten, oder sind das normal zu erwartende Spontanverläufe? Da es keine Vergleichsgruppen gibt, kann dies nicht mit letzter Gültigkeit beantwortet werden, aber es ist sicher kein erstaunlicher Befund, dass mit zunehmendem Alter der Kinder der Durchbruch des ersten Zahns innerhalb der nächsten Wochen immer wahrscheinlicher wird.

Die Autoren der Arbeit weisen auch hier korrekterweise darauf hin, dass man diese Befunde nicht als positive Wirkung der Homöopathie zuordnen könne, dazu sei, wie sie richtigerweise schreiben, eine klinische Studie mit Kontrollgruppe erforderlich.

Aber ob dies bei den Lesern auch so ankommt? Die Reaktion von Herrn Behnke von der Carstens-Stiftung lässt Zweifel aufkommen. Er behauptet auf Twitter, diese Arbeit belege den erfolgreichen Einsatz der Homöopathie (Link). Nun ja, man sollte schon mehr lesen als nur den Titel der Arbeit und die bunten Bildchen.

Literatur

[1] Taneja D, Khurana A, Vichitra A et al.: An Assessment of a Public Health Initiative of Homeopathy for Primary Teething; Homeopathy (2019);108:2-11, (Link)

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6 Responses to Homöopathie bei Zahnungsproblemen – oder was?

  1. Norbert Aust Norbert Aust sagt:

    Hallo Herr Hümmer,

    seit ich Ihren Artikel gelesen hatte, habe ich auf Ihren Kommentar auf meinem Blog gewartet. Ich war ziemlich sicher, dass Sie sich melden.

    Zunächst ist die Heilung der Patientin ja sehr erfreulich und man kann allen Beteiligte nur zu dem glücklichen Ausgang herzlich gratulieren.

    Erwarten Sie auch keine inhaltliche Auseinandersetzung zu den Befunden, Therapien und Bewertungen. Da fehlt mir das nötige medizinische Fachwissen. Ich kann mich nur auf die wissenschaftliche Logik beziehen, ob der – von mir nicht angezweifelte – Ablauf auch die Schlussfolgerung rechtfertigt. Oder Kleinigkeiten, wie Ihre Aussage, es läge kein Interessenkonflikt vor. Nanu? Arbeiten Sie nicht mehr als Homöopath? Wenn doch, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass Sie kein wirtschaftliches Interesse an positiven Darstellungen zur Homöopathie haben, gerade wenn sie auch noch aus Ihrer Praxis stammen.

    Aber lassen wir das.

    Zunächst ist das ein Einzelfall bei einem Krankheitsbild bei dem, wie sie selbst schreiben, Spontanremissionen vorkommen, wenn auch selten. Wie scheiden Sie aus, dass es sich um eine solche handelt? Dass die zeitliche Abfolge – etwas anderes haben Sie nicht – kein Zufall war? Nur dadurch, dass dies nicht dem Bild von beschriebenen Spontanremissionen entspricht. Wo liegt denn der Unterschied – außer in der zeitlichen Abfolge natürlich, indem zu einem passenden glücklichen Zeitpunkt ein Homöopathikum verabreicht wurde?

    Damit ist und bleibt das erst einmal ein post-hoc-ergo-propter-hoc Fehlschluss. Etwas anderes wäre es, wenn man halbwegs plausibel darlegen könnte, wie die Wirksamkeit zustande kam, oder wenn solche Entwicklungen statistisch auffällig gehäuft auftreten. Dann wäre es naheliegend einen Wirkzusammenhang zu vermuten, den man mit einer geeigneten Studie überprüfen müsste. Ersteres gibt es nicht, schon gar nicht bei C30-Potenzen. Für letzteres müssten Sie eine Statistik Ihrer Patienten vorlegen, die Sie mit ähnlichem Befund ähnlich behandelt haben und bei denen eine Erfolgsrate aufgetreten ist, die das Übliche übertrifft. Das geht an einem Einzelfall nicht, so glücklich dieser auch immer gewesen sein mag.

    Was diese Mercurius-Studie anbelangt: Wie wollen Sie die denn angemeldet kriegen? Haben Sie eine Vorstellung von den damit verbundenen Auflagen und Kosten? Tragen Sie die? Aber wenn Sie tatsächlich daran interessiert sind, dann kann ich Ihnen den Kontakt zu Frau Professor Jutta Hübner von der Uni Jena vermitteln, die für ein solches Vorhaben sicher besser qualifiziert ist als ich.

  2. Heinrich Hümmer sagt:

    Lieber Herr Aust,
    ich hatte Ihnen einen nachwachsendenden Drachenkopf versprochen: Hier ist er!

    https://www.karger.com/Article/FullText/500122

    Und Sie darauf:“Und auf den besonders zähen Drachenkopf freue ich mich schon.“
    Also: Guten Appetit! Langsam essen, nicht verschlucken!
    Und falls Sie umgekehrt wie Frau Grams konvertieren wollen: Unsere gemeinsame Merc-c-Studie (Sie erinnern sich?) wartet darauf, von Ihnen geleitet zu werden!
    Oder wie @Vitulus sagt:“Nun aber muss auch mal Schluss sein, Forscher haben wichtigeres zu tun als einen 250 Jahre alten Schildbürgerstreich zu entlarven.“
    Ja, nämlich im exzellenten statistischen Stil von Herrn Aust eine hieb-und stichfeste RCT-Studie FÜR die Homöopathie zu erstellen!

  3. Norbert Aust Norbert Aust sagt:

    Sie hätten auch die Kommentare auf Ernsts Blog lesen sollen, z.B. diesen hier: https://edzardernst.com/2019/02/a-new-study-of-homeopathy-suggests-that-highly-diluted-remedies-are-better-than-placebos-and-i-cannot-fault-it/#comment-109937

    Ausführlicher werden Sie das in ein paar Tagen auch hier lesen können.

    Und auf den besonders zähen Drachenkopf freue ich mich schon.

    Viele Grüße
    N.A.

  4. Dr. Heinrich Hümmer sagt:

    „Man kommt gar nicht mehr nach mit dem Stellungnehmen, so schnell wächst der Unsinn an Studien nach – oder was für eine solche gehalten wird.“

    https://edzardernst.com/2019/02/a-new-study-of-homeopathy-suggests-that-highly-diluted-remedies-are-better-than-placebos-AND-I-CANNOT-FAULT-IT/
    „I WOULD BE MOST GRATEFUL, IF SOMEONE COULD HELP SOLVING THIS PUZZLE FOR ME“
    …die PUZZLE wachsen nach wie die Drachenköpfe……
    ……und bald kommt noch ein ganz besonders zäher Drachenkopf…..hoffentlich verschlucken Sie sich daran nicht mit der Stellungnahme (so wie Ernst an obigem).

  5. Pingback: „Homeopathy – where is the science?“ von Natalie Grams jetzt im Volltext online | gwup | die skeptiker

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