Weilheimer Apotheke ohne Homöopathie erregt die Gemüter – warum nur?

Mein Leserbrief an Merkur.de zu:

„Apothekerin schmeißt Homöopathie aus Sortiment: Jetzt reagieren ihre Kollegen – und die Homöopathen“, vom 25.08.2018 (Link)

Sehr geehrte Damen und Herren,

im obigen Artikel berichten Sie über die Reaktionen verschiedener Personen auf die Aktion einer Weilheimer Apothekerin, homöopathische Präparate aus dem Sichtbereich ihrer Apotheke zu entfernen. Es befremdet jedoch, in welchem Ausmaß die berichtete Kritik von einer beträchtlichen Unkenntnis der Materie getragen wird. Weder Herr Dr. Kirchner noch die Autoren der zitierten Leserbriefe scheinen die grundlegenden Fakten zu kennen. Es ist nicht hinnehmbar, wie Personen, die quasi per Gesetz zur objektiven Information ihrer Kunden/Patienten verpflichtet sind („Zu Risiken und Nebenwirkungen … fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“), unzutreffende Aussagen treffen, die geeignet sind, Patienten zu für sie nachteiligen Entscheidungen zu verleiten. Im Einzelnen:

  • Es gibt sehr wohl zugelassene Homöopathika, deren Zulassung stammt allerdings aus einer Zeit, bevor die Ergebnisse klinischer Überprüfungen als Grundlage dafür im Arzneimittelrecht festgeschrieben wurden. (Edit 25.08.2019: Diese Aussage muss korrigiert werden: Die Kommission D des BfArM erteilt tatsächlich Zulassungen für Homöopathika, aber dies erfolgt nicht auf Grundlage klinischer Studien. Siehe hier)
  • Gandhi ist als Jurist kein guter Gewährsmann für die Wirksamkeit der Homöopathie.
  • Homöopathika sind keine höchsten Verdünnungen hoch wirksamer Medikamente. Es sind Verdünnungen, die soweit gehen können, dass keine Spur des Ausgangsmaterials in der Lösung mehr enthalten ist. Allerdings von allen möglichen Stoffen. Zugegeben, es mögen auch tatsächlich gelegentlich Wirkstoffe als Ausgangssubstanzen dienen, allerdings auch in der Umgebung allgegenwärtige Stoffe wie Schwefel, Speisesalz oder Kalk, und sogar völlig immaterielle Dinge wie Licht, Vakuum oder Elektrizität.
  • Die Studie an der Charité hatte keine Vergleichsgruppe und kann von daher schon gar keinen Nachweis für eine Wirksamkeit erbringen. Dies hat auch Frau Witt, die Hauptautorin dieser Arbeit, anlässlich ihres Wechsels nach Zürich bekräftigt: „Seit über fünf Jahren finden Sie von mir eine offizielle Stellungnahme zur Homöopathie im Internet. Meine Aussage – dass nicht belegt ist, dass homöopathische Arzneimittel mehr als ein Placebo sind – gilt auch heute noch.“ (Link)
  • Alle bisher vorliegenden systematischen Reviews kommen ziemlich übereinstimmend zu dem gleichen Ergebnis: Wenn man alle Studien zusammenwirft, sieht es zunächst so aus, als läge eine gewisse Wirksamkeit über Placebo hinaus vor. Wenn man allerdings die Qualität mit in Betracht zieht, verschwindet dieser Vorteil. Bisher konnte noch in keiner dieser acht Arbeiten ein einziges Krankheitsbild identifiziert werden, in dem der Einsatz der Homöopathie vorteilhaft wäre. Das ist auch in den Arbeiten von Mathie aus 2014 und 2017 so, der immerhin Mitarbeiter des Homeopathy Research Institute ist, also nicht gegen die Homöopathie voreingenommen ist.
  • Bei der Homöopathie kommen zwei Dinge zusammen. Erstens gibt es keine auch nur halbwegs plausible Erklärung dafür, wie Homöopathika wirken könnten, die nicht mit den Naturwissenschaften heftig kollidiert. Zweitens fehlt jedweder Wirkungsnachweis. Damit unterscheidet sich die Homöopathie fundamental von den konventionellen Medikamenten, bei denen wenigstens außer Zweifel steht, dass ein Wirkstoff beim Patienten ankommt und eine Wirkung immerhin möglich ist.
  • Die wissenschaftliche Beweisbarkeit der Homöopathie ist überhaupt nicht umstritten, jedenfalls nicht in den Kreisen, die nicht wie homöopathisch arbeitende Heilpraktiker, Ärzte oder Hersteller entsprechender Präparate an der Homöopathie verdienen. Es gibt eine ganze Menge entsprechender Aussagen (Link).
  • Es gibt über 30 Studien, bei denen Homöopathika, wie von Homöopathen gerne gefordert, individuell verordnet wurden. Auch diese haben, wie Mathie in seinem systematischen Review von 2014 ermittelt hat, kein Ergebnis erbracht, das die angebliche hohe Wirksamkeit der Homöopathika bestätigen würde.
  • Naturwissenschaft verändert sich. Ist das etwas Gutes oder etwas Schlechtes, wenn ständig neue Erkenntnisse einfließen und das Wissen so laufend aktualisiert wird? Ist es etwas Gutes oder Schlechtes, wenn die von einem Zeitgenossen der französischen Revolution postulierten Lehrsätze ungeprüft übernommen werden, in die folglich das zunehmende Wissen der Welt nicht eingeflossen ist und in denen die zeitgenössischen Irrtümer konserviert bleiben?
  • Wie zwei Therapiekonzepte, deren Grundannahmen sich gegenseitig ausschließen, sich ergänzen können, ist nicht erkennbar. Als Analogie zur Krankheitslehre der evidenzbasierten Medizin und der Homöopathie könnte man sagen: Entweder braucht ein Passagierflugzeug Tragflügel und leistungsstarke Antriebsmaschinen, dann kann man mit einem Teppich nicht fliegen, der darüber nicht verfügt. Oder man ist davon überzeugt, dass ein Teppich fliegt, dann ist das Konzept des Flugzeugs falsch. Es bleibt unklar, wie Vertreter der beiden Denkrichtungen kooperieren könnten.
  • Wer heilt hat Recht – aber woher weiß man, wer oder was geheilt hat? Oder ob überhaupt geheilt wurde? Das übliche Verfahren, dies möglichst gut herauszuarbeiten, ist die unabhängige Replikation von kontrollierten, doppelt verblindeten und randomisierten Vergleichsstudien. Aber dabei versagt die Homöopathie ja ziemlich regelmäßig ziemlich kläglich.

Anmerkung: Wer glaubt, durch Potenzieren, also durch Verdünnen und Schütteln, könne man die Wirksamkeit von gegebenenfalls nicht mehr vorhandenen Inhaltsstoffen steigern, sollte in Zukunft seine Getränke oder andere Flüssigkeiten nur sehr vorsichtig nach Hause tragen. Es könnte sonst passieren, dass irgendein nicht mehr vorhandener Inhaltsstoff in der Wirkung verstärkt wird, was vielleicht zu ganz überraschenden Effekten führen könnte.

Zusammengefasst:

Mir wird regelrecht unwohl ob der hier dargebotenen Ansichten der Therapeuten zur Scheinmedizin Homöopathie. Leider liegt kein Anlass für die Annahme vor, dies wäre auf Oberbayern beschränkt.

Dr.-Ing. Norbert Aust
Informationsnetzwerk Homöopathie
25.08.2018

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4 Antworten zu Weilheimer Apotheke ohne Homöopathie erregt die Gemüter – warum nur?

  1. Pingback: Homöopathie: VHS-Vortrag in Dinslaken mit Dr. Norbert Aust und Dr. Wolfgang Vahle | gwup | die skeptiker

  2. Norbert Aust sagt:

    Der Brief ist, wie zu erwarten zu lang, um ungekürzt abgedruckt zu werden. Aber was der Merkur daraus gemacht hat, ärgert mich doch ein wenig. Dies klingt nun wie reine Provokation und nicht nach einer ausführlichen Darstellung der Fakten.

    https://www.merkur.de/lokales/weilheim/weilheim-ort29677/weilheim-homoeopathie-debatte-informationsnetzwerk-meldet-sich-zu-wort-10176294.html#idAnchComments

  3. Joseph Kuhn sagt:

    Das alternativmedizinische Milieu im Landkreis Weilheim-Schongau trägt mit dazu bei, dass die Impfraten der Kinder dort deutlich unter dem Landesdurchschnitt liegen. In der Hinsicht ist Homöopathie durchaus wirksam.

  4. Pingback: Unfassbar: Wie homöopathische Ärzte auf die homöopathiefreie Apotheke in Weilheim reagieren | gwup | die skeptiker

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