Auch der Homöopath der englischen Königin schreibt Falsches!

Brief an Peter Fisher, Homöopath der englischen Königin: Was Sie zur Evidenz in der Homöopathie schreiben, stimmt nicht.

Die Webseite der englischen Faculty of Homeopathy wird offenbar überarbeitet. Niemand geringerer als Peter Fisher, Homöopath der Königin von England, hat dort einen neuen Text zur Evidenz in der Homöopathie veröffentlicht (Link).

Dieser Text ist voll von irreführenden Aussagen über die gegenwärtige Forschungs- und Studiensituation. Der wesentliche Punkt ist aus meiner Sicht die unrichtige Darstellung der Ergebnisse der großen Reviews und Meta-Analysen, worauf ich den Autor mit dem folgenden Mail (natürlich auf Englisch) hingewiesen habe:

— Text

Sehr geehrter Herr Dr. Peter Fisher,

als einer der bekannteren Homöopathiekritiker in Deutschland möchte ich mich zu der neu gestalteten Seite „Scientific Evidence and Homeopathy“ („Wissenschaftliche Nachweise und Homöopathie“) äußern, zu der Sie als Autor genannt werden.

Die Informationen, die Sie dort verbreiten, sind an mehr als einer Stelle irreführend, aber ich möchte mich hier auf einen bedeutenden Punkt beschränken. Sie behaupten, dass es insgesamt vier systematische Reviews zur Homöopathie gäbe, von denen alle mit einer Ausnahme zu einem positiven Ergebnis gekommen wären. Es tut mir leid, Herr Dr. Fisher, aber dies ist falsch und irreführend: Es gibt nicht nur vier, sondern acht solcher Reviews und es kommen alle mehr oder weniger zur gleichen, nicht so vorteilhaften Schlussfolgerung. Im Einzelnen:

(1) Kleijnen (1991):
„Derzeit sind die Nachweise aus klinischen Studien positiv, aber sie sind nicht ausreichend, endgültige Schlussfolgerungen zu ziehen, weil die Methodik in den meisten Studien von geringer Qualität ist und der Einfluss des „Publication bias“ unbekannt ist.“ [1]

[Anmerkung d. Übers.: Publication bias ist die Verzerrung der Evidenz, die sich dadurch ergibt, dass positive Ergebnisse viel eher veröffentlicht werden als negative]

(2) Linde (1997)
„Wir fanden in diesen Studien jedoch nur unzureichende Nachweise dafür, dass die Homöopathie auch nur bei einem einzigen Krankheitsbild wirksam wäre.“ [2]

(3) Linde (1998)
„Die Ergebnisse der vorliegenden randomisierten kontrollierten Studien deuten darauf hin, dass die Homöopathie eine über Placebo hinausgehende Wirkung aufweist. Die Nachweise sind jedoch wegen methodischer Schwächen und Widersprüchlichkeit nicht überzeugend.“ [3]

(4) Cucherat (2000)
„Es gibt ein paar wenige Nachweise dafür, dass homöopathische Therapien wirksamer sind als Placebos; die Aussagekraft dieser Nachweise ist wegen der nur mangelnden methodischen Qualität der Studien gering. Studien von höherer methodischer Qualität waren eher ungünstiger als solche mit geringer Qualität.“ [4]

(5) Shang (2005)
„… es zeigten sich schwache Nachweise für einen spezifischen Effekt der homöopathischen Arzneien. (…) Die Ergebnisse bestätigen den Eindruck, dass es sich bei den klinischen Effekten der Homöopathie um Placeboeffekte handelt.“ [5]

(6) Mathie (2014)
„Arzneien, die als Homöopathika individuell verordnet wurden, haben vielleicht einen kleinen spezifischen Effekt. (…) Die generell niedrige und unklare Qualität der Nachweise gebietet aber, diese Ergebnisse nur vorsichtig zu interpretieren.“ [6]

(7) NHMRC (2015)
„Es gibt keine zuverlässigen Nachweise dafür, dass die Homöopathie bei der Behandlung von Gesundheitsproblemen wirkungsvoll wäre.“ [7]

(8) Mathie (2017)
„Die Qualität der Nachweise als Ganzes ist gering. Eine Meta-Analyse aller ermittelbaren Daten führt zu einer Ablehnung unserer Nullhypothese [dass das Ergebnis einer Behandlung mit nicht-individuell verordneten Homöopathika nicht von Placebo unterscheidbar ist], aber eine Analyse der kleinen Gruppe der zuverlässigen Nachweise stützt diese Ablehnung nicht. Meta-Analysen für einzelne Krankheitsbilder ergeben keine zuverlässigen Nachweise, was deutliche Schlussfolgerungen verhindert.“ [8]

Alles dies verdichtet sich sehr zu immer wieder der gleichen Aussage: Betrachtet man die Nachweislage als Ganzes, erhält man den Eindruck, dass es einen gewissen Nutzen gäbe. Aber bei näherem Hinsehen, wenn man die Qualität in die Betrachtung mit einbezieht oder versucht festzustellen, für wen sich unter welchen Bedingungen ein Nutzen ergibt, verschwindet der positive Eindruck und zeigt sich als Trugschluss. Zusammengefasst: Es gibt keinen zuverlässigen Nachweis dafür, dass Homöopathie stärker wirkt als Placebo.

Bitte beachten Sie, dass alle diese Arbeiten etwa zu dem gleichen Schluss kommen, sowohl die heftig kritisierten Arbeiten von Shang und dem NHMRC als auch die Arbeiten Mathies, der soweit ersichtlich für das Homeopathy Research Institute arbeitet und sicher nicht gegen die Homöopathie voreingenommen ist.

Ich möchte vorschlagen, dass Sie die erwähnten Passagen Ihrer Seite überarbeiten, bevor jemand davon in eine verkehrte Richtung gelenkt wird und aufgrund Ihrer Informationen zu falschen Schlussfolgerungen gelangt, die sich für ihn negativ auswirken könnten.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Norbert Aust

— Textende

Weitere Anmerkungen zu der neuen Seite und Kommentare finden sich auf dem Blog von Edzard Ernst (Link)

Literaturangaben:

[1] Kleijnen J, Knipschild P, ter Riet G: Clinical trials of homeopathy, BMJ 1991; 302:316-23

[2] Linde K, Clausius N, Ramirez G et al.: Are the clinical effects of homeopathy placebo effects? A meta-analysis of placebo-controlled trials, The Lancet 1997;350:834-43

[3] Linde K, Melchart D: Randomized controlled trials of individualized homeopathy: A state-of-the-art review, Journal of Alternative and Complementary Medicine 1998; 4(4):371-388

[4] Cucherat M, Haugh MC, Gooch M et al.: Evidence of clinical efficacy of homeopathy, Eur. J Clin Pharmacol 2000;56:27-33

[5] Shang A, Huwiler-Müntener K, Nartey L et al.L Are the clinical effects of homeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of homeopathy and allopathy, Lancet 2005;366:726-32

[6] Mathie RT, Lloyd SM, Legg LA et al.: Randomised placebo-controlled trials of individualised homeopathic treatment: systematic review and meta-analysis, Systematic Reviews 2014;3:142

[7] National Health and Medical Research Council. 2015. NHMRC Information Paper: Evidence on the effectiveness of homeopathy for treating health conditions. Canberra: NHMRC;2015

[8] Mathie RT, Rampersad N, Legg LA et al.: Randomised, double blind, placebo-controlled trials of non-individualised homeopathic treatment: Systematic review and meta-analysis, Systematic Reviews 2017;6:663

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2 Kommentare zu Auch der Homöopath der englischen Königin schreibt Falsches!

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