Heilpraktikerwesen – abschaffen oder reformieren!

Hier auf meinem Blog habe ich schon mehrfach über das Heilpraktiker-Unwesen geschrieben, dessen Existenz im deutschen Gesundheitswesen nicht nachvollziehbar ist. Jetzt hat sich eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe aus Medizinern, Wissenschaftlern, Juristen und Vertreter anderer Fachrichtungen dazu geäußert.

Auf der einen Seite haben wir ein Gesundheitssystem, in dem der Staat durch entsprechende Vorgaben sicherstellt, dass nur Ärzte nach einer mindestens zehn- bis elfjährigen akademischen Ausbildung Diagnosen stellen und Therapien verordnen bzw. durchführen dürfen. Dazu müssen sie nachweisen, dass sie durch angemessene Fortbildung ihr Wissen auf dem neuesten Stand halten.

Noch nicht einmal ausgebildete Heilberufler, etwa Physiotherapeuten oder Krankenpfleger, dürfen Diagnosen stellen. Sie dürfen die Heilkunde nicht ausüben, obwohl sie nach einer mehrjährigen Ausbildung in einer umfangreichen Abschlussprüfung ihre beruflichen Fähigkeiten nachweisen mussten.

Auf der anderen Seite gibt es eine Parallelwelt, in der eine läppische Überprüfung beim Amtsarzt genügt, mit nur wenigen Einschränkungen die Heilkunde auszuüben. Nachdem man zeigen konnte, dass man bestenfalls keine Gefahr für die Volksgesundheit darstellt, darf man als Heilpraktiker nach Herzenslust diagnostizieren und therapieren, was immer man auch beliebt. Die Prüfung selbst kann man durchaus erfolgreich abgelegen, ohne jemals vorher einen leibhaftigen Patienten zu Gesicht bekommen zu haben.

Das ärztlich (und heilberuflich) geprägte Gesundheitssystem ist relativ transparent. Es gibt darin ein Berichtswesen, in dem viele Schwachstellen erkennbar werden – die von den nach Negativschlagzeilen gierenden Medien gerne verbreitet werden, seien es Behandlungsfehler, unnötige Therapien, Finanztricksereien oder was auch immer.

Im Heilpraktikerwesen gibt es nicht das mindeste Berichtswesen oder die mindeste Qualitätssicherung. Folglich gibt es kaum Negativschlagzeilen, von extremen Fällen, wenn Patienten zu Tode kommen, einmal abgesehen.

Somit gibt es hier einen Gruppe, die sich trotz eines extremen Qualifikationsgefälles nicht nur als „Arzt-light“ geriert, sondern von Teilen der Bevölkerung durchaus als bessere Therapeuten gesehen wird und den ganzen Mumpitz der esoterischen Alternativ- und Komplementärmedizin ungehemmt verbreiten darf.

Schon lange überfällig hat jetzt eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe aus Medizinern, Naturwissenschaftlern, Juristen und Personen anderer Fachrichtungen ein Positionspapier herausgebracht, in dem Konzepte zur Umgestaltung des Heilpraktikerwesens in Deutschland dargestellt werden: Entweder ist der Heilpraktiker komplett abzuschaffen oder es ist mit einer angemessenen staatlich festgeschriebenen Ausbildung und entsprechender Fähigkeitsprüfung dafür zu sorgen, dass der Heilpraktiker auch für das befähigt ist, was er anwenden darf.

Die Webseite der Arbeitsgruppe an der Universität Münster: Link

Wer diese Aktion unterstützen möchte, kann sich hier in die Liste eintragen: Link

Berichte darüber finden sich im Ärzteblatt, in der Ärzte Zeitung, in der Apotheker Zeitung, andere werden sicher noch folgen.

Es freut mich sehr, an diesem Vorhaben beteiligt zu sein.

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6 Kommentare zu Heilpraktikerwesen – abschaffen oder reformieren!

  1. Pingback: Abschaffen oder reformieren: GWUP unterstützt Appell zur umfassenden Neuregelung des Heilpraktikerwesens @ gwup | die skeptiker

  2. Peter sagt:

    Naja, angenommen, es gäbe so ein amtliches „Heilpraktiker-Zertifikat“:
    Was würde so ein Heilpraktiker können, was andere, bereits bekannte Titel nicht beinhalten?

    • Lutz Homann sagt:

      Wir Physiotherapeuten können dann nicht mehr, dürfen aber mehr. Z.B. wäre der sogenannte Direktzugang erlaubt: physiotherapeutische Behandlung ohne ärztliche Verordnung.

  3. borstel sagt:

    Ich denke, daß das schon recht gut in den Memorandum dargelegt wird. Ob eine solche Erweiterung des Fachwissens der angesprochenen Medizinalberufe wirklich sinnvoll ist, ist ja eine andere Frage. Persönlich würde ich eher eine generelle Professionalisierung inkl. Akademisierung der Mittleren medizinischen Berufe als innvoller ansehen. Nichtsdestoweniger halte ich den Vorschlag für einen guten Kompromiß angesichts der Tatsache, daß es nun eben einen so großen HP-Markt in Deutschland gibt (lieber einen Fachheilpraktiker, als weiter Wildwuchs, ganz pragmatisch…).

    Nebenbei:
    Auch wenn das Schweizer Modell (das vom Münsteraner Vorschlag deutlich abweicht) gelegentlich doch etwas sehr alternativ und esoterisch daherkommt, und ich es so nicht nach Deutschland importieren würde, muß ich doch feststellen, daß dort wenigstens Ansätze zur qualitativen Hebung des dort als „Naturheilpraktiker“ bezeichneten Berufes vorhanden sind. Da sind die Eidgenossen uns voraus…

  4. Joseph Kuhn sagt:

    Gute Initiative!

    Es werden aber noch viele stete Tropfen folgen müssen, bis der politische Stein gehöhlt ist. Für die Politik sind die Wählerstimmen wichtiger als die wissenschaftliche Evidenz, deswegen führt z.B. auch der Zentralverein der Homöopathen immer so demonstrativ Bevölkerungsumfragen zur Beliebtheit der Homöopathie an. Abgesehen davon, dass manche die Nachfrage nach einer Behandlung als Wirksamkeitsnachweis verstehen, ist das ein klares Signal an die Politik: lasst uns in Ruhe. Bisher funktioniert das. Aber steter Tropfen …

  5. Lutz Homann sagt:

    „Noch nicht einmal ausgebildete Heilberufler, etwa Physiotherapeuten oder Krankenpfleger, dürfen Diagnosen stellen. Sie dürfen die Heilkunde nicht ausüben, obwohl sie nach einer mehrjährigen Ausbildung in einer umfangreichen Abschlussprüfung ihre beruflichen Fähigkeiten nachweisen mussten.“
    Derzeit geht es etwas unter, dass schon jetzt bzw. seit 2006 Physiotherapeuten die Erlaubniserteilung als „sektoraler Heilpraktiker“ erhalten können. Diese Erlaubniserteilung ist bundesweit allerdings nicht einheitlich geregelt: das reicht von „Entscheidung nach Aktenlage“ über Schulung bis Überprüfung beim Gesundheitsamt.

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