Antwort an Prof. Walach zu seiner Kritik am Informationsnetzwerk Homöopathie

Obwohl unser Informationsnetzwerk Homöopathie nach außen noch gar nicht richtig aktiv ist, erfahren wir eine sehr starke Beachtung von allen Seiten.

Vor Kurzem hat auch sich einer der prominentesten Vertreter der Homöopathie in Deutschland, Professor Harald Walach,  in einem längeren Artikel auf seiner Webseite zur Gründung unseres Informationsnetzwerks geäußert: hier

Natalie Grams und ich nehmen hierzu Stellung (Email ging heute raus):

Sehr geehrter Herr Professor Walach,

es freut uns vom Informationsnetzwerk Homöopathie sehr, dass Sie sich die Zeit genommen haben, sich mit unserem Anliegen auseinanderzusetzen. Dies bestätigt uns darin, dass wir ernstgenommen werden, was für uns wiederum ein Zeichen dafür ist, dass unsere Arbeit wichtig ist.

Nur damit wir uns nicht falsch verstehen: Wir gehen nicht davon aus, dass unsere Kritik neu und endgültig wäre. Ganz im Gegenteil, vieles wird darauf hinauslaufen, schon lange bestehende Vorbehalte gegenüber der Homöopathie zusammenzutragen und in einer allgemeinverständlichen und ansprechenden Form zu präsentieren. Dass diese Vorbehalte schon lange von den Vertretern der Homöopathie ignoriert werden und ein geschicktes Marketing und wirksame Lobbyarbeit dagegen gesetzt wurden, ist dabei nur von untergeordneter Bedeutung.

Das Thema des historischen Bewusstseins bietet keinen großen Anlass zum Dissens. Wir sehen die Ursachen des historischen Erfolges der Homöopathie genau so wie Sie als Kontrastprogramm zu ungeeigneten Therapien zu Hahnemanns Zeiten und danach.

Ihrer Lektion Nummer 1 ist aber zu widersprechen.

Sie übertragen darin den für die Homöopathie vorteilhaften Vergleich zu gänzlich unpassenden Therapien auf die heutige Zeit. Sie sprechen der heutigen Medizin und ihren Medikamenten weitgehend den Nutzen ab, womit naturgemäß der Eindruck entsteht, dies seien weitgehend Präparate, die zwar Schaden bringen, aber keinen Nutzen haben. Sie stellen heutige Medikamente damit auf eine Stufe mit Aderlass, Quecksilberanwendungen und Haarseil, deren therapeutischer Wert sicher generell angezweifelt werden muss. Dass die Brownschen Ansätze, die sich auf Stimulierung und Sedierung beschränkten, sich hinsichtlich ihrer Wirksamkeit davon positiv abheben, ist kaum anzunehmen. Dieser doch sehr pauschalen Abwertung der Errungenschaften unseres Gesundheitswesens ist entschieden zu widersprechen, siehe unten.

Herr Prof. Walach, ich will einfach nicht glauben, dass Sie aus Ihrer Warte den Fortschritt der Medizin und der Pharmazie seit den 1850er Jahren nicht registriert haben oder gering schätzen. Es mag sein, dass es einzelne Medikamente gibt, deren Nutzen vielleicht in keinem vernünftigen Verhältnis zum Schadenspotenzial steht, besonders wenn sie bei falschen Indikationen – Stichwort Antibiotika bei Erkältungskrankheiten – angewendet werden. Wollen Sie das aber wirklich auf alle 676.000.000 Verordnungen pro Jahr von 43.000 rezeptpflichtigen Medikamenten übertragen (Zahlen von 2012) [1]?

Sie werfen die Frage auf, warum die Homöopathie gerade dann wieder populär wurde, als die Auswüchse einer verfehlten Struktur des Gesundheitswesens als Selbstbedienungsladen korrigiert wurden und man sich über Kostendämpfung Gedanken machte. Interessanter Aspekt, dass dies zeitlich zusammenfällt. Wobei ich dies eher auf die späten 70er schieben würde: Ein Anfang der 1970er Jahre erschienenes Lexikon nennt die Homöopathie als bedeutungslos [2].

Interessant ist auch Ihr Hinweis, dass die Homöopathie in Indien die Medizin der armen Leute sei. Dann fragt man sich doch, wie es kommt, dass die wohlhabenderen Teile der indischen Bevölkerung diesem Beispiel offenbar nicht folgen. Diese Leute müssen doch recht dumm sein, dass sie ihren wirtschaftlichen Vorteil dafür einsetzen, schwere Krankheiten mit offenbar wesentlich ungeeigneteren und vor allen Dingen unangenehmeren Methoden zu therapieren.

Dass der Homöopathie etwas Spezielles anhaftet, wollen wir ja gar nicht in Abrede stellen – wir sehen es nur als ausgeschlossen an, dass dies die Wirksamkeit als medikamentöse Behandlung ist.

Im Weiteren sind wir uns durchaus einig, dass es bislang noch nicht gelungen ist, einen robusten Unterschied zwischen Placebo und Homöopathie zu finden, ich möchte ergänzen, weder in der Wirkung noch in den physikalisch-chemischen Eigenschaften des Präparats.

Die Meta-Analyse von Mathie [3] ist also heute das Maß der Dinge, sagen Sie, nachdem – da muss ich Ihnen zustimmen – die Analyse von Shang et al. [4] durchaus mit einigen methodische Schwachstellen aufwartet. Ich behaupte aber, dass die Arbeit von Mathie, also von einem Homöopathen, eher die Aussagen der Kritiker der Homöopathie stützt als die ihrer Vertreter. Hierzu betrachten wir die von uns Skeptikern vertretenen Thesen zur Homöopathie:

These 1: Es gibt keine qualitativ hochwertige klinische Studie, in der das untersuchte Homöopathikum wirksamer war als das Placebo.

Mathie führt eine Qualitätsbewertung der Studien anhand der Kriterien durch, die von der Cochrane Collaboration veröffentlicht wurden [5]. Keine der eingeschlossenen Studien konnte dabei mit A (‚Low risk of bias) bewertet werden. Dass er doch drei Studien als ‚reliable evidence‘ einstufte, also im Widerspruch zu den Kriterien von Cochrane, war in seinem Protokoll [6] nicht vorgesehen und erfolgte somit post hoc. Dass er dabei auch noch daneben gegriffen hat und zwei Pilotstudien als belastbare Evidenz eingestuft hat, die das per definitionem nicht sein können, entbehrt nicht einer gewissen Komik.

These 1 belegt.

These 2: Qualitativ bessere Studien kommen zu schlechteren Ergebnissen für die Homöopathie.

Mathie hat zwei Studien mit relativ unlauteren Mitteln aus der Betrachtung ausgeschlossen. Die eine, von White et al. [7], dadurch, dass man nicht das von den Autoren definierte Hauptergebnis betrachtete, sondern ein anderes, dessen Daten nicht vollständig berichtet wurden. Da man bei den Autoren nicht nach weiteren Angaben fragte, waren die Daten unvollständig, und die Studie wurde ausgeschlossen.

Die zweite war Ihre eigene Kopfschmerzstudie [8], deren Qualitätsbewertung mir nicht nachvollziehbar ist. Sie können dies auf dem Blog von Edzard Ernst [9] nachlesen, dort habe ich Ihre Arbeit gegen die ungerechtfertigte Kritik von Mathie verteidigt. Es wunderte mich eigentlich schon sehr, dass Sie die Kritik in Ihrer Analyse der Arbeit [10] einfach so hingenommen hatten. Beide Arbeiten, die von White und die Ihre, hätten wesentlich bessere Bewertungen verdient – was dann die Signifikanz von Mathies Ergebnis zum Kippen gebracht hätte – und gezeigt hätte, dass die besseren Studien eben kein positives Ergebnis zeigen.

These 2 belegt.

These 3: Homöopathika wirken nicht besser als Placebo.

Die Signifikanz eines Ergebnisses sagt nichts zur Stärke des Effekts aus. Betrachten wir das Ergebnis daher etwas genauer: Was sagt eine Odds Ratio von 1,53 eigentlich aus? Dazu müssen wir etwas in die Zahlen einsteigen: Odds Ratio ist ein relativer Bewertungsmaßstab, den Sie, Verzeihung, allerdings fehlinterpretieren. Eine OR von 1,53 sagt eben nicht aus, dass die Chance, von der homöopathischen Therapie einen Vorteil zu erhalten, um 53 % höher wäre [11]. Wenn wir in einem hypothetischen Fall einmal annehmen, dass Verum- und Placebogruppe jeweils 100 Teilnehmer gehabt hätten, und in der Placebogruppe hätten 50 Teilnehmer profitiert, dann wäre dies eine Quote von 1 (50/50) und eine Chance von 0,5 (50/100). In der Verumgruppe ergäbe sich eine Quote von 1,53, wenn 60 Patienten profitiert hätten und 40 nicht (60/40 = 1,5), also bei einer Chance von 0,6 (60/100) – was mitnichten um 53% größer ist als 0,5.

Sie haben allerdings insofern recht, als sich Quotenverhältnis und Chancenverhältnis für kleine Quoten annähern. Dann stellt sich aber eine ganz andere Frage: Beträgt die Quote in der Placebogruppe nur 0,1, also 9 Patienten haben einen Vorteil, 91 nicht, dann wäre OR = 1,53 gegeben, wenn in der Verumgruppe zwischen 13 und 14 Patienten einen Nutzen hatten und 87 bzw. 86 nicht. Sind wir großzügig: In der Verumgruppe hatten ganze 5 Patienten mehr einen Nutzen gehabt als in der Placebogruppe. Wobei dies nun auch nicht die vollkommene Heilung gewesen sein muss, sondern das, was als Zielkriterium in den einzelnen Arbeiten festgelegt worden ist.

Wenn wir also eine Quote unter Placebo von 10 % annehmen – das dürfte in der Größenordnung den meisten Studien entsprechen – dann profitieren 5 von 100 Patienten. 19 von 20 werfen ihr Geld zum Fenster hinaus, denn bei ihnen wäre die Verbesserung auch ohne das Homöopathikum eingetreten, oder auch mit dem Homöopathikum nicht. 5 % entspricht der Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines Alpha-Fehlers, also des Feststellens eines Effektes, obwohl keiner vorliegt. Mithin ist es Mathie nicht gelungen, einen überzeugenden Nachweis zu führen, dass sich Homöopathika von Placebo unterscheiden.

Wenn man überhaupt bedenkt, dass es sich hier um die Königsdisziplin der Homöopathie handelt – individuelle Verordnung von Einzelmitteln – dann wirkt das Ergebnis erst recht kümmerlich.

These 3 belegt.

Gehen wir zu den Arzneimittelprüfungen. Sie schreiben, Sie hätten herausgefunden, dass homöopathische Substanzen mehr spezifische Symptome erzeugen als Placebo. Das ist doch eigentlich schon ein Witz, dass ein Placebo offensichtlich auch Wirkstoff-spezifische Symptome erzeugen kann, halt einfach weniger.

Wenn man aber bedenkt, dass die erzeugten spezifischen Symptome nicht notwendigerweise diejenigen waren, die zu dem Mittel gehören, sondern zu einem anderen, dann wird eine richtige Lachplatte daraus: In der Arbeit von Möllinger aus 2004 [12], die Sie zitieren, erzeugte Calendula neben 43 Calendula-Symptomen auch 17 Ferrum- und 30 Placebo-Symptome. Ferrum erzielte 22 Ferrum-Symptome, 32 Calendula-Symptome (also deutlich mehr als Ferrum-Symptome) und 44 Placebosymptome. Sie haben natürlich Recht, die Zahlen für Placebo waren deutlich kleiner.

Jetzt sagen Sie mir nur noch, wie bei den Arzneimittelprüfungen, die den Repertorien zugrunde liegen, sichergestellt wurde, dass man nicht Placebo-Symptome oder Calendula-Symptome unter Ferrum eingruppiert hat, und Sie haben mich fast überzeugt.

Zur allgemeinen Erheiterung, damit das hier nicht so langweilig wird, das Ergebnis einer Arzneimittelprüfung aus einer der von Ihnen zitierten Arbeiten [13]:

Geist: Schwierigkeiten sich zu konzentrieren

Geist: Leichte Probleme in der Sprache, Stottern

Geist: Mein inneres hektisches Gefühl ist völlig verschwunden

Geist: Ich mache Fehler, nachher das Gefühl zu fliegen, ich denke, werden das die Anderen merken?

Taub, ich verliere den Überblick; ungeschickt beim Essen

Kopf: Sehr starke Kopfschmerzen, frontal, bis in die Augen ausstrahlend, Übelkeit

Kopf: Kopfschmerzen, rechts, frontal, dumpf, drückend, bis in den Oberkiefer ausstrahlend

Wenn man jetzt denkt, das war eine Flasche Whisky, so irrt man sich. Das sind die Symptome, die unter der Einnahme von Placebo, also wirkstofffreien Zuckerkügelchen aufgetreten sind.

Zwischen Ihren Narrativen auszuwählen, die sie jeweils einem konventionellen und einem homöopathischen Arzt in den Mund legen, ist aufgrund der Unvollständigkeit nicht möglich.

Sie lassen den Homöopathen eine Studie aus der Versorgungsforschung zitieren [14], die ohne Vergleichsgruppe durchgeführt wurde und dabei zu dem Ergebnis kam, dass 70 % der Patienten profitierten. Warum sagt Ihr Homöopath nicht dazu, dass die Hälfte der Probanden zusätzlich noch konventionelle Ärzte aufsuchten und auch am Ende der Beobachtungszeit noch ein Viertel konventionelle Medikamente eingenommen hat?

Wenn der gleiche Prozentsatz der Zufriedenheit bei der konventionellen Medizin gelten würde, liefe das auf etwa 180.000.000 [15] nicht zur Zufriedenheit verlaufene Therapien hinaus. Haben Sie Anhaltspunkte dafür, dass dies in dieser Größenordnung der Fall ist? Woher stammt überhaupt Ihre Annahme, nur in 50 % der Fälle würde ein Patient von der konventionellen Medizin eine Besserung erfahren?

Sie lassen den konventionellen Arzt auf möglicherweise nicht publizierte Studien hinweisen und die Wirksamkeit in Zweifel ziehen – warum spricht dann der Homöopath nicht davon, dass die Wirkungsweise der Homöopathie der Physik glatt widersprechen würde? Kenntnissen, die sich in allen anderen Gebieten bewährt haben, nur in der Homöopathie nicht gelten sollen?

Es ist nicht so, dass Homöopathika nicht in Doppelblindstudien untersucht worden wären, wie Ihr Homöopath sagt, er müsste vielmehr sagen, dass das vorgeschlagene Mittel vielleicht nicht untersucht wurde, aber dass dort, wo dies halbwegs solide durchgeführt wurde, die Homöopathika versagt haben.

Es ist nicht so, dass den Theorien zur Funktionsweise der Homöopathika nur noch der Beweis fehlt, es fehlt vielmehr schon daran, dass diese in keinster Weise das Gebilde Homöopathie erklären könnten, selbst wenn sie sich entgegen den Lehren der Physik als zutreffend erweisen würden.

Warum spricht Ihr Homöopath nicht über die Nebenwirkungen der Homöopathie? Diese müssen doch existieren, Sie haben doch gerade eben selbst über Arzneimittelprüfungen berichtet, in denen bei gesunden Menschen Symptome auftraten, die nach Ihren Angaben auf die Wirkung der eingenommener Mittel zurückgeführt werden können? Darauf müsste der Homöopath doch hinweisen! Warum spricht Ihr Homöopath nicht von der Erstverschlechterung, die der Patient möglicherweise durchleiden muss? Ohne feststellen zu können, ob dies nun die Folgen der Nicht-Behandlung sind oder nicht? Dass er folglich seinem Homöopathen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist, der das auch nicht unterscheiden kann?

Warum spricht Ihr Homöopath nicht davon, dass es in der konventionellen Medizin Leitlinien gibt, die als Summe der Erfahrung vieler Mediziner aus Hunderten von ähnlichen Fällen die bestmöglichen Empfehlungen für eine optimale Behandlung geben? Dass in der Homöopathie die Repertorisierung jedoch recht willkürlich ist und daher viel Erfahrung des einzelnen Homöopathen voraussetzt? Und warum sagt er dem Patienten nicht auch, was passiert, wenn er einer derjenigen ist, an dem der Homöopath gerade seine Erfahrungen sammelt?

Warum weist Ihr Homöopath nicht darauf hin, dass es in der konventionellen Medizin eine ganze Reihe von Institutionen gibt, die der Qualitätssicherung der Medizin dienen, Beschwerdestellen, ja sogar ein Berichtswesen und Statistiken, bei der Homöopathie aber nicht?

Ich denke, man könnte das ziemlich lange fortsetzen. Sie haben sicher Ihre Gründe gehabt, diese Dinge nicht zu erwähnen.

Sie sehen in der Homöopathie eine wissenschaftliche Anomalie, die man ernstnehmen sollte. Was soll denn dann dabei herauskommen, wenn man das tut?

In der Homöopathie wird postuliert, dass eine dem Mittel zuzuordnende Wirkung möglich ist, auch wenn das Mittel nicht mehr anwesend ist. In der Homöopathie wird postuliert, dass es ein Ähnlichkeitsgesetz gibt, dass bewirkt, dass sich die Wirkung eines Mittels umkehrt, wenn es statt von einem Gesunden von einem Kranken eingenommen wird. In der Homöopathie wird postuliert, dass chronische Krankheiten von Miasmen herrühren, die auf irgendwelchen auch vererbbaren ‚Urübeln‘ beruhen.

Wo und wie ist auch nur einmal in den letzten 200 Jahren ein Beleg dafür erbracht worden, dass es sich hierbei nicht um reine Vermutungen aus vorwissenschaftlicher Zeit handelt, sondern dass es sich um reale, objektiv feststellbare, also ernstzunehmende Gegebenheiten handeln könnte? Wie soll man diese Dinge erforschen, wenn Sie das mit ‚ernstnehmen‘ meinen, wenn man noch nicht einmal den Effekt reproduzierbar darstellen kann?

Werden wirksame Therapien zu Gunsten der Homöopathie unterlassen?

Sie zitieren eine Befragung von privat versicherten Patienten, die angeben, im Fall des Falles die Therapie mit einer Konsultation beim Hausarzt zu beginnen. Ist das repräsentativ für das Gesamtgeschehen der Homöopathie? Sind darin auch die selbst bezahlten Konsultationen bei Heilpraktikern erfasst oder die Eigenmedikation aufgrund von Therapieempfehlungen von Bekannten und aus dem Internet? Wie weit beeinflussen die Erstattungsregeln der Kasse diesen Verlauf? Wie weit haben die Patienten eine erwünschte Antwort gegeben und wie sieht es damit aus, wenn der Fall tatsächlich eintritt? Insbesondere, wenn die Werbetrommeln weiter so genutzt werden wie jetzt?

Den Abstracts der anderen angeführten Artikel ist nicht viel zu entnehmen.

Ein Aspekt, den ich allerdings in Ihren Ausführungen vermisse, ist die Verbreitung der Impfskepsis unter homöopathischen Therapeuten – und da bitte nicht nur auf die Ärzte sehen. Desweiteren erwähnen Sie nicht die Folgen, die die unqualifizierte Herabwürdigung von Medizin und Wissenschaft langfristig hat, die ebenfalls mit der Homöopathie recht stark korreliert. Es gibt heute schon große Gruppen der Bevölkerung, die den Einrichtungen des öffentlichen Gesundheitswesens so misstrauisch gegenüberstehen, dass sie Argumenten und Schutzmaßnahmen nicht mehr zugänglich sind und sich gefährlichen Therapien zuwenden – ich nenne nur MMS und Germanische Neue Medizin. Die Argumente, die dort genutzt werden, sind prinzipiell die gleichen wie für die Homöopathie.

Man kann sicher für eine komplementäre Medizin eintreten – aber das erfordert auch eine Standortbestimmung zu den Angeboten. Zweifelsohne gibt es in der Medizin Fehlleistungen – gibt es die in den als Alternativen beworbenen Therapien nicht? Mit etwas Recherche können Sie herausfinden, dass jährlich etwa 600.000.000 einzelnen Behandlungen eine Zahl von 12.230 [16, Zahl aus 2013] gemeldeten Behandlungsfehlern gegenübersteht. Selbst wenn Sie eine Dunkelziffer von 100-facher Größe unterstellen, ergibt sich eine Fehlerquote von weit unter einem Prozent. Wie sieht das in der angeblichen alternativen Medizin aus?

Tut mir leid, Herr Prof. Walach, die Probleme, die auch Sie der konventionellen Medizin pauschal anlasten, bedürfen einer Quantifizierung und eines Gütevergleichs mit der angeblichen Alternative. Dann können wir auch über ein ‚Ernstnehmen‘ reden.

Dr. Norbert Aust, Initiator Informationsnetzwerk Homöopathie
Dr. Natalie Grams, Leiterin Informationsnetzwerk Homöopathie

Dieser Text wird in folgenden Blogs veröffentlicht.

http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de
http://homoeopathie-neu-gedacht.blogspot.de/

Sie sind gerne zur Diskussion eingeladen.

Quellenangaben:

[1] http://www.bpi.de/fileadmin/media/bpi/Downloads/Internet/Publikationen/Pharma-Daten/Pharmadaten_2013_DE.pdf

[2] Eintrag ‚Hahnemann‘ in The New Ecyclopaedia Britannica‘ 15th edition, 1975

[3] Mathie RT, Lloyd SM, Legg LA, Clausen J, Moss S, Davidson JRT, Ford I: Randomised placebo-controlled trials of individualised homeopathic treatment: systematic review and meta-analysis, in: Systematic Reviews 2014, 3: 142, doi: 10.1186/2046-4053-3-142

[4] Shang A et al.: Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of homoeopathy and allopathy, Lancet 2005; 366: 726-32

[5] Higgins JPT, Altmann DC: Assessing risk of bias in included studies‘ enthalten in: Higgins JPT, Green S: Cochrane Handbook for Systematic reviews of Interventions, Cochrane Book Service, 2008

[6] Mathie RT, Legg LA, Clausen J, Davidson JRT, Lloyd SM, Ford I: Systematic review and meta-analysis of randomised, placebo-controlled trials of individualised homeopathic treatment: Study protocoll, 2013. Version 1.0; 25 January 2013.

[7] White A, Slade P, Hunt C, Hart A, Ernst E: Individualised homeopathy as an adjunct in the treatment of childhood asthma: a randomised plcebo controlled trial. Thorax 2003; 58 (4) 317-321

[8] Walach H, Haeusler W, Lowes T, Mussbach D, Schamell U, Springer W, Stritzl G, Gaus W, Haag G: Classical homeopathic treatment of chronic headaches, in: Cephalalgia 1997; 17:119-126

[9] http://edzardernst.com/2014/12/homeopaty-proof-of-concept-or-proof-of-misconduct/

[10] http://harald-walach.de/methodenlehre-fuer-anfaenger/15-kann-man-mit-einer-meta-analyse-feststellen-ob-die-effekte-von-homoeopathie-sich-von-denen-von-placebo-unterscheiden/

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Quotenverh%C3%A4ltnis

[12] Möllinger, H., Schneider, R., Löffel, M., & Walach, H. (2004). A double-blind, randomized, homeopathic pathogenetic trial with healthy persons: Comparing two high potencies. Forschende Komplementärmedizin und Klassische Naturheilkunde, 11, 274-280

[13] Möllinger, H., Schneider, R., & Walach, H. (2009). Homeopathic pathogenetic trials produce symptoms different from placebo. Forschende Komplementärmedizin, 16, 105-110.

[14] Witt, C. M., Lüdtke, R., Baur, R., & Willich, S. N. (2005). Homeopathic medical practice: Long term results of a cohort study with 3981 patients. BMC Public Health, 5, 115

[15] Nach der Statistik der Bundesärztekammer gab es 2014 148.000 ambulant tätige Ärzte, die im Mittel etwa 900 Fälle pro Quartal zulasten der GKV abgerechnet haben. Zusammen mit einer geschätzten Zahl von Privatpatienten ergibt dies etwa 600.000.000 Behandlungen pro Jahr.
http://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/Statistik2014/Stat14AbbTab.pdf
https://www.kvno.de/downloads/honorar/fallwerte_fallzahlen_rlv2015-4.pdf

[16] https://de.wikipedia.org/wiki/Behandlungsfehler

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11 Responses to Antwort an Prof. Walach zu seiner Kritik am Informationsnetzwerk Homöopathie

  1. Andreas sagt:

    Nein RR und OR sind nicht das Gleiche, dies ist eben so wichtig.

    RR: um welchen Faktor wird die Misserfolgswahrscheinlichkeit der Methode gegenüber einer anderen Methode erhöht. wieviel mal höher ist also der Misserfolgswahrscheinlichkeit durch ein Placebo als durch ein Homöopathikum
    RR= (1-P2)/(1-P1)

    OR: Ist das Chancenverhältnis für eine erfolgreiche Behandlung mit dem Homöopathikum im Vergleich zum Placebo.
    OR=P1*(1-P2)/P2*(1-P1)

    Die OR geben also keine Wahrscheinlichkeiten an und dürfen deshalb auch nicht mit den Wahrscheinlichkeitsverhältnissen verwechselt werden.

    Ich zitiere mal aus einem ganz guten Buch:
    Es wäre also völlig falsch, OR=2,67 in der Weise zu interpretieren, dass die Wahrscheinlichkeit, nach der neuen Methode geheilt zu werden, um den Faktor 2,67 größer ist als die Wahrscheinlichkeit für die alte Methode. Die richtige Interpretation von OR=2,67 setzt ein genaues Verständnis von „Odds‘‘ voraus – eine Fähigkeit, über die wohl v. a. Buchmacher verfügen

  2. borstel sagt:

    http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/Nebenwirkungen/nebenwirkungen_node.html – soviel zum Thema des Leugnens.

    Nebenbei: – in Puncto Impfung war Hahnemann auf der Höhe der Zeit. Und das ausgerechnet bei der Pockenimpfung, die zwar sehr segensreich ist, aber doch viele Nebenwirkungen hat…

  3. Norbert Aust Norbert Aust sagt:

    Herr Sandvoss
    … das steht bei Herrn Walach so im Kommentar:

    Homöopathie ist dort [in Indien] die Medizin der kleinen Leute (weil billiger), und homöopathische Ärzte behandeln dort – erfolgreich – schwere Krankheiten mit ihren Kügelchen.

    Was das jetzt mit Impfschäden zu tun hat, sehe ich nicht.
    Auch nicht, dass dies Thema dieses Artikels und dieses Blogs wäre.

  4. Manfred Sandvoss sagt:

    Ich frage mich, wie Herr Aust und Frau Grams auf die Idee kommen, reiche Inder würden nicht auf die Homöopathie zurückgreifen?
    Impfschäden sind an der Tagesordnung. Nur ist das Beweisen natürlich schwerer als diese kackfrech zu leugnen.

  5. Pingback: Anonymous

  6. Ich sagt:

    Sehr gut geschrieben, vielen Dank!

    (Diesen Artikel habe ich nur gefunden, weil er unter „neuen Kommentaren“ auftaucht. Das aktuellste Thema in der Liste der Beiträge ist immer noch der zur Tierhompöopathie.)

  7. nota.bene sagt:

    Vielen Dank für diesen schönen Artikel. Nur ein kleines Beispiel noch für die Qualität von Walachs Argumentation: Er zitiert in seinem Artikel eine Arbeit von Teut et al. (Lit.Verz. 19; http://www.trialsjournal.com/content/14/1/96/prepub) über Homeopathic Drug Proving – eine multizentrische(!), randomisierte, doppelbline und plazebokontrollierte Phase-1-Studie an 31(!) Probanden (davon 29 auswertbar), die von 13(!) verschiedenen Versuchsleitern durchgeführt wurde. Mithin 3 Probanden (Verum + Placebo) pro „Zentrum“. Wenigstens mitteln sich dadurch gewisse systematische Fehler heraus. Das Ergebnis war denn auch erwartbar: keine signifikanten Unterschiede zwischen 19 Vera und 12 Placebos. Erklärung des Versuchsleiters: Es könnte am Noceboeffekt liegen. Aha.

  8. Pingback: Prof. DDr. brettus aur. und seine “Lektionen” | FSMoSophica

  9. Pingback: Homöopathen in der Defensive: Rechtfertigungsversuche zeigen nur Argumentationslosigkeit @ gwup | die skeptiker

  10. Ulrich Berger sagt:

    Eine sehr schöne Replik, die ich voll und ganz unterschreiben würde. Nur in einem Punkt muss man vielleicht Milde walten lassen: Die Odds werden bei uns (leider) auch oft als Chance übersetzt, obwohl Letztere eher eine Wahrscheinlichkeit meint. Das OR wird entsprechend auch als Chancenverhältnis übersetzt, obwohl damit genausogut das relative Risiko gemeint sein könnte.

  11. Joseph Kuhn sagt:

    Ein gutes, inhaltsreiches und konstruktives Diskussionsangebot, ich bin gespannt, ob Herr Walach das aufgreift.

    In seinem Text gibt es noch mehr Sachen, die man hinterzufragen könnte. Zum Beispiel belegt er seine Aussage, dass die Homöopathie in Indien und Teilen Südamerikas zum therapeutischen System gehöre, u.a. mit einer Veröffentlichung aus dem Jahr 1980. Ob er sich die mal angesehen hat? Wer hätte 1980 in Deutschland gute Daten zur Verbreitung der Homöopathie gehabt? Und dann in Indien? Auch seine Idee mit der „ultimativen Studie“ ist mir nicht geheuer, weil sie von den Patienten eine Arztbindung verlangt, die methodisch und ethisch problematisch ist, und manches mehr in seinem Text.

    Ein Argument im Blogbeitrag hier finde ich allerdings auch unhaltbar: Die gemeldeten Behandlungsfehler sind sicher kein Maßstab für die Fehlleistungen der Medizin. Harald Walach verweist dazu zu Recht auf Peter Gøtzsche, die gleichen Geschichten kann man bei Ben Goldacre und anderen nachlesen. Trotzdem machen Fehlleistungen der Medizin natürlich Homöopatika nicht wirksam und sie legitimieren auch nicht die Homöopathie als schamanistische Zuwendungsmedizin. Wer Fehler in der normalen Medizin abstellen will, muss sie dort abstellen, statt ihnen mit der paranormalen Medizin einen neuen Fehler hinzuzufügen.

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