Brief an Bayerischen Rundfunk wegen ADHS in ‚Medizin oder Mogelpackung‘

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Bekanntlich wird die Sendung des Bayerischen Rundfunks zum Thema Homöopathie vom 22. 4. 2013 in vielen Beiträgen im Internet heftig attackiert. Innerhalb dieser Sendung nimmt jedoch der Beitrag über die Studie von H. Frei zur Anwendung der Homöopathie bei ADHS eine gewisse Sonderstellung ein:

  • Für die durchweg positive Darstellung der Wirkung der Homöopathie bei ADHS liefert die Studie keinen einzigen Anhaltspunkt
  • Dies ist für einen unvoreingenommenen Zuschauer nicht erkennbar
  • Der BR hat nicht die leisesten Vorbehalte zu dieser Untersuchung geäußert.

Da viele Eltern dem BR als öffentlich-rechtlichem Sender eine besondere Verpflichtung zur Objektivität unterstellen, kann dies zu falschen Entscheidungen bei der Wahl der geeigneten Therapieform führen. Ich habe daher den folgenden Brief an den Intendanten geschrieben, denn meiner Ansicht nach kann dieser Beitrag so nicht stehenbleiben.

Brieftext: An den Bayerischen Rundfunk
Intendant Herr Ulrich Wilhelm

Rundfunkplatz 1
80335 München

Vorab per email unter info@br.de

8. Mai 2013

Fernsehsendung im BR vom 22. 4. 2013 zum Thema Homöopathie – Gefahrenpotenzial wegen nicht zutreffenden Informationen zum Thema ADHS und Homöopathie

Sehr geehrter Herr Wilhelm,

der Bayerische Rundfunk hat in seinem Fernsehprogramm am 22. 4. 2013 im Rahmen der Sendereihe ‚Faszination Wissen‘ eine Sendung zum Thema Homöopathie ausgestrahlt. Titel der Sendung war ‚Medizin oder Mogelpackung‘. In dieser Sendung wurde unter anderem von einer an der Universität Bern durchgeführten Untersuchung zur Wirksamkeit der Homöopathie bei ADHS berichtet.

Problem:

Die dem Bericht des BR zu entnehmenden Aussagen stehen in komplettem Gegensatz zu dem, was diese Studie wirklich aussagt. Die vermittelten Informationen sind geeignet, dass Eltern von Kindern, die an ADHS leiden, völlig falsche und einer Besserung zuwiderlaufende Entscheidungen treffen.

Begründung:

In der Sendung des BR wird der Eindruck erweckt, mit der genannten Untersuchung sei der Nachweis gelungen, dass die Homöopathie eine wirksame Therapie bei ADHS darstellt. Zum Ende trifft der Redakteur im Studio sogar die Aussage, es sei bedauerlich, dass nicht alle Studien zu Homöopathie so gut gemacht wären.

Eine Analyse der Veröffentlichung fördert indes ziemlich genau das Gegenteil zu Tage. in der Zusammenfassung sind folgende Punkte zu nennen:

Die in der unverblindeten langfristigen Untersuchung erzielten Verbesserungen des Befundes der Kinder sind zurückzuführen auf:

  • Wechsel in der Basis des statistischen Vergleichs vorher – nachher

  • Placeboeffekt, der in der gegeben Konstellation sicher sehr stark ausgeprägt war

  • Natürlicher Verlauf des Befundes nach der Erstdiagnose

  • parallel durchgeführte nicht-medikamentöse Therapien

  • grobe Auflösung des Messverfahrens

Eine Wirksamkeit des homöopathischen Medikaments ist in dieser Situation nicht nachweisbar.

Von den vier in der Crossoverstudie erzeugten Ergebnisse stehen drei vollkommen im Widerspruch zu der Annahme, das Medikament sei wirksam. Die Forscher können diese Sachverhalte nur anhand ziemlich selektiver, sich in der Wirkung gegenseitig widersprechender Effekte erklären, für deren Existenz in der Studie kein Anhaltspunkt erkennbar ist.

Somit weist die Studie – entgegen den Schlussfolgerungen der Autoren – eher auf eine Unwirksamkeit der homöopathischen Medikamente hin als auf das Ergebnis, wie es der BR berichtet hat.

Details der Analyse können Sie auf meinem in Entstehung befindlichen Blog bereits jetzt nachlesen, auch die Aussagen des BR werden dort eingehend analysiert:

http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/blog/?p=110

Die Aussagen des Bayerischen Rundfunks, eines öffentlich-rechtlichen Senders, dem die Bevölkerung ein besonderes Vertrauen in seine objektive Berichterstattung entgegenbringt, sind mithin äußerst problematisch:

Eltern, die mit ihren Kindern nicht nur erhebliche Beeinträchtigungen der Lebensqualität durch ADHS erleiden sondern deren Kinder auch erhebliche Folgeproblematiken entwickeln können, werden eventuell dazu verleitet, in der Homöopathie eine wirksame Abhilfe zu sehen. Die Autoren dieser Studie geben an, dass es recht lange dauert, bis eine homöopathische Behandlung eine Wirkung zeigt. Bis eine Unwirksamkeit evident wird und die Eltern ihren Irrtum zweifelsfrei erkennen können, wird eventuell viel Zeit nutzlos vertan. In der Studie waren im Extremfall über 18 Monate Wartezeit notwendig bis die vermeintlich durch das Medikament hervorgerufene Besserung eintrat. Diese Zeit wäre dann bei dem in der Entwicklung befindlichen jungen Menschen nicht mehr aufzuholen. Dabei ist zu bedenken, dass ADHS nach Auffassung mancher Experten durchaus auch Nachwirkungen bis in das Erwachsenenalter haben kann, wenn durch die entwickelten Folgeproblematiken nicht ohnehin das gesamte weitere Leben beeinträchtigt wird.

Zusammenfassend hat der Bayerische Rundfunk also im Bereich Gesundheit von Kindern den Tatsachen völlig widersprechende Informationen geliefert, die im Einzelfall eine erhebliche Bedeutung für das Leben junger Menschen entfalten können.

Ein unvoreingenommener Zuschauer kann die Fragwürdigkeit der dargebrachten Informationen nicht erkennen. Seitens der Redaktion wurde auch nicht darauf hingewiesen, dass es wissenschaftliche Studien gibt, die dem Ergebnis Freis widersprechen. Es erscheint mir daher angebracht, wenn der Bayerische Rundfunk unter diesen Gesichtspunkten die Frage prüft, ob nicht eine dezidierte Gegendarstellung gesendet und über die einschlägigen Kanäle veröffentlicht werden sollte. Die bisher veröffentlichte Erklärung, man habe sich in der Sendung um Objektivität und Sachlichkeit bemüht, reicht hier nicht aus.

Den Inhalt dieses Schreibens werde ich ebenfalls auf meinem Blog veröffentlichen sowie verschiedenen Gruppierungen, die sich mit der Homöopathie beschäftigen zur Kenntnis geben.

Für Rückfragen stehe ich Ihnen selbstverständlich jederzeit zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Norbert Aust

Autor von ‚In Sachen Homöopathie – eine Beweisaufnahme‘

 

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4 Antworten zu Brief an Bayerischen Rundfunk wegen ADHS in ‚Medizin oder Mogelpackung‘

  1. Susanne sagt:

    Als Therapeutin für Kinder mit Lernschwächen habe ich tagtäglich mit von ADHS betroffenen Kindern und deren Eltern zu tun. Ich weiß, wie verzweifelt viele Eltern, zumeist die Mütter, alles versuchen, ihrem Kind zu helfen. Da wird man empfänglich für alles, was angeblich bei Anderen schon geholfen hat. In der Sendung schreckte man nicht davor zurück, bereits einem Säugling die weißen Kügelchen in den Mund zu schieben. Die Botschaft ist klar: Du bist nur eine gute Mutter, wenn du deinem Kind diese Globuli gibst – auch präventiv! Ob es hilft, wer weiß – aber es kann doch nicht schaden… Da ich selbst mit Globuli überhaupt keine positiven Erfahrung gemacht habe, war ich immer hellhörig, wenn ich mitbekommen habe, dass die Kinder zum Homöopathen gebracht werden. Ich denke, diese Behandlung hilft vornehmlich den Müttern. Sie geben ihr die Gewissheit, nichts unversucht gelassen zu haben. Und es kann ja nicht schaden…

    Weil ich es genauer wissen wollte, habe ich im ADHS-Anderswelt-Forum eine Umfrage gestartet. Dies ist ein Forum für Betroffene, Kinder und deren Eltern sowie selbst Betroffene als Erwachsene. Ich habe gefragt, wem eine homöopathische Therapie bei der Behandlung der ADHS genutzt hat. Die Ergebnisse können dort unter “Kinder und Jugendliche” eingesehen werden: nicht ein positives Ergebnis, dass Homöopathie bei ADHS tatsächlich jemandem geholfen hätte. Allenfalls scheint man Verbesserungen bei den Begleiterscheinungen beobachtet zu haben – aber hier könnte auch der Wunsch der Vater des Gedankens sein. Ich habe meine Meinung zu diesem Thema gebildet und möchte jedem empfehlen, sich gründlich zu informieren.

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