Homöopathie bei schweren Atemwegsproblemen – Studie von Frass (2005)

Während einer recht lebhaften Diskussion über klinische Studien auf dem Blog von Prof. Ernst hat ein User namens George auch eine Arbeit von Frass et al. als positiven Wirkungsnachweis für die Homöopathie angeführt. Anlass genug, diese Arbeit hier zu analysieren.

Die Arbeit von Frass et al. [1] befasst sich mit einem speziellen Problem, das in der Intensivmedizin auftreten kann. Es gibt Patienten, bei denen die normale Eigenatmung wegen krankheitsbedingter Verstopfung der Luftröhre durch abgesonderten Schleim nicht mehr möglich ist, etwa wenn sich latente Atembeschwerden (‚Raucherhusten‘) kritisch verstärken. Näheres zu diesen als ‚Chronisch obstruktive Lungenerkrankung‘ genannten Beschwerden, englische Abkürzung COPD, siehe den entsprechenden Artikel in der Wikipedia. Die Patienten müssen über einen Plastikschlauch in der Luftröhre direkt in die Bronchien künstlich beatmet werden. Dieser Schlauch (‚Tubus‘) kann erst entfernt werden, wenn der Patient wieder selbsttätig atmen kann und dies nicht mehr durch das Sekret verhindert wird.

Im Rahmen dieser Studie hat man untersucht, ob mit einer homöopathischen Aufbereitung von Kaliumdichromat (Kalium bichromicum) als C30-Potenz (entsprechend D60) das Abklingen der Sekretion beschleunigt werden kann. Nach verschiedenen homöopathischen Nachschlagewerken (z. B. hier) wird dieses Mittel unter Anderem bei Entzündungen und anderen Problemen im Halsbereich eingesetzt, wäre also nach dem Ähnlichkeitsprinzip durchaus angemessen. Allerdings kann man wohl kaum von einer individuellen Auswahl des Arzneimittels sprechen, denn die weiteren Symptome des Patienten wurden nicht erfasst. Nach homöopathischem Selbstverständnis wäre es durchaus möglich, dass ein anderes Mittel besser gepasst hätte. Wenn der Patient auch Probleme mit den Knien hat oder sich in letzter Zeit oft niedergeschlagen fühlt, was abends schlimmer wird, dann wäre vielleicht ein anderes Mittel erforderlich.

Da Kaliumdichromat recht schwer ist – Molekulargewicht 294 – entspricht C30 einer Verdünnung von einem Molekül des Wirkstoffes auf die 250.000-fache Masse unserer Sonne. Man kann also sicher sein, dass nicht ein Patient mit einem Molekül aus der Urtinktur in Berührung kam. Wenn der Nachweis also tatsächlich gelänge, dass dieses Medikament eine Wirkung hätte, dann wäre dies in der Tat ein schwer zu widerlegender Nachweis einer prinzipiellen Wirksamkeit der Homöopathie.

Zur Person des Autors

Der Autor, Michael Frass, Jahrgang 1954, ist von Hause aus Internist, offenbar mit Spezialisierung auf Erkrankungen der Atemwege. Nach seinem Lebenslauf war er von 1992 bis 2004 Leiter der Intensivstation in Wien (in welchem Krankenhaus ist unklar). Er hat eine ganze Reihe von Aufsätzen veröffentlicht und auch verbesserte Mittel zur Notfallbeatmung erfunden. Seit 1994 hält er eine Professur für Innere Medizin (Universität nicht genannt).

Seit etwa 1990 ist er allerdings auch Mitglied in verschiedenen Gesellschaften für Homöopathie und ist seit 2004 Leiter der Spezialambulanz ‚Homöopathie bei malignen Erkrankungen‘ der Medizinischen Universität Wien. Er ist seit 2006 Präsident des Dachverbandes Österreichischer Ärzte für Ganzheitsmedizin und derzeit der Vorsitzende der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Homöopathie und somit ein sehr prominenter Vertreter der Homöpathie, nicht nur in Österreich.

Frass vertritt die Auffassung, die auch hier in dem betrachteten Artikel ersichtlich wird, dass die Homöopathie in der Intensiv- und Notfallmedizin zusätzlich zur konventionellen Behandlung vorteilhaft eingesetzt werden kann und hat auch ein entsprechendes Buch mit 145 Fallstudien veröffentlicht. Wir werden sehen, wie er diese Auffassung mit Studienergebnissen bestätigen kann. Bei einem solch prominenten Forscher dürfen wir auf seine Ergebnisse gespannt sein.

Studiendesign

Alle 50 Patienten, deren Daten ausgewertet werden konnten, waren vor Beginn der Studie bereits für drei bis sieben Tage über einen Beatmungsschlauch in der Luftröhre, entweder durch den Mund oder durch einen Luftröhrenschnitt, künstlich beatmet worden. Bei allen konnte die Eigenatmung wieder angeregt werden. Trotz regelmäßiger Absaugung und Spülung in der Luftröhre konnte der Atemschlauch wegen starker Absonderung klebrigen Sekrets dennoch nicht entfernt werden. Die Patienten wurden nach einem Zufallsprinzip in je eine Homöopathie- und eine Placebogruppe aufgeteilt, jeweils zu 25 Teilnehmern. Um die Schleimabsonderung zu reduzieren, wurde die Homöopathiegruppe mit Kalium bichromicum C30 behandelt, die Placebogruppe erhielt nicht unterscheidbare Placebos. Sowohl Patienten als auch Ärzte waren über die Gruppenzugehörigkeit der Patienten im Unklaren.

Gemessen und bewertet wurde die Menge des abgesonderten Sekrets, die Zeitdauer, bis der Atemschlauch entfernt werden konnte, und die Dauer des Aufenthalts auf der Intensivstation. Die Forscher wollen bei den Patienten, die das Homöopathikum erhalten hatten, in allen drei Kriterien signifikante Verbesserungen herausgemessen haben und schließen daraus, dass Kalium bichromicum C30 bei diesen Beschwerden erfolgreich eingesetzt werden könnte.

Datenanalyse

Folgen die Schlussfolgerungen der Autoren zwangsläufig aus den erhobenen Daten? Sind andere Deutungsmöglichkeiten durch das Vorgehen weitgehend ausgeschlossen oder zumindest unwahrscheinlich? Das sind die Fragen, auf die wir mit dieser Analyse Antworten suchen. Wenn die Ergebnisse auch durch andere Einflüsse zustande gekommen sein könnten oder auf sonstigen Fehlern beruhen, dann sind die gezogenen Schlussfolgerungen nicht gerechtfertigt, der Studie mangelt es dann an innerer Validität.

Bei dieser Arbeit ist eine besonders intensive Beschäftigung mit den einzelnen Ergebnissen erforderlich, um die Studie beurteilen zu können. Die einzelnen Schritte der Behandlung sind in der Arbeit recht ausführlich beschrieben, die Darstellung der Ergebnisse aber, insbesondere entsprechender Zahlenwerte, ist allerdings etwas dürftig ausgefallen und entspricht eher einer Datenverschleierung als einer transparenten Darstellung.

Gruppenzusammensetzung

Ziel einer jeden Randomisierung der Patienten auf die beiden Gruppen ist es, die Patienten so auf die Gruppen zu verteilen, dass diese sich in den für den Versuch bedeutsamen Eigenschaften möglichst ähnlich sind. Inwieweit das auch gelungen ist, wird in jeder Studie in einer Tabelle dargestellt, in der die wesentlichen Daten der Gruppen enthalten sein sollen. Die Autoren tun dies hier auch, um dann im Text festzustellen, dass es keinen Unterschied zwischen den Gruppen gäbe. Schaut man sich als Laie hingegen die Tabelle an, dann sind die Gruppen wohl doch nicht so gleich gewesen:

Hinsichtlich der üblichen demoskopischen Daten (Alter, Geschlecht …) gab es tatsächlich nur geringfügige Unterschiede. Bei den Krankendaten sieht es allerdings etwas anders aus:

Wie bei anderen Befunden auch, gibt es für das Ausmaß der COPD eine Einteilung in verschiedene Stadien, wobei in der Studie eine Skala von 1 bis 3 verwendet wird (1 = leicht (‚mild‘), 2 = mittel (‚moderate‘), 3 = schwer (’severe‘)).

Frass et al. geben zum Vergleich an, welches Stadium bei den Patienten vor der aktuellen Verschlechterung vorlag, die akut zur Einlieferung in das Krankenhaus geführt hatte. Bei der Homöopathiegruppe wird das durchschnittliche Stadium als 1,08 beziffert, bei der Placebogruppe hingegen als 1,20, wobei in beiden Gruppen eine Bandbreite von Stadium 1 bis 3 vorgelegen hat. Es wird weiterhin angeführt, dass in der Homöopathiegruppe bei fünf Patienten eine langfristige Sauerstoffbehandlung notwendig war, bei der Placebogruppe hingegen bei 9 Patienten, also fast bei doppelt so vielen. Nach Wikipedia  ist diese Therapie mindestens 16 Stunden täglich, auch in der Nacht, anzuwenden. Wie gesagt, es geht um den Zustand vor der gegenwärtigen Krisensituation.

Versucht man, schon diese Angaben aus der Studie in Deckung zu bringen, dann tritt bereits ein Problem auf. Wie würde man die Lebensqualität eines Menschen beurteilen, der mehr oder weniger ständig dafür Sorge tragen muss, dass er an eine Sauerstoffversorgung angeschlossen werden kann, und dies über mindestens zwei Drittel des Tages auch in Anspruch nehmen muss? Jemand, der sich nur mehr oder weniger kurzzeitig ohne Atemkanülen frei bewegen kann und jedwede körperliche Anstrengung meiden muss – auch die, die Freude bereiten? Ich würde vermuten, dass dies mit einer gehörigen Einschränkung der Lebensqualität einhergeht und insgesamt ein schweres Krankheitsbild darstellt. Also haben fünf Patienten in der Homöopathiegruppe und neun in der Placebogruppe sicher das dritte Stadium erreicht. Dann sind aber die von Frass angegebenen Zahlen unmöglich. Selbst wenn bei allen anderen Patienten nur das erste Stadium vorgelegen hätte, was wenig glaubhaft erscheint, dann lägen die Durchschnittszahlen mindestens bei 1,4 und 1,72 anstatt 1,08 und 1,2.

Sofern die Einteilung der Stadien einer linearen Skala folgt – was mir allerdings nicht bekannt ist – dann könnte man daraus schließen, dass es den Patienten der Placebogruppe um über 20 % schlechter ging als den Patienten, die das Homöopathikum erhielten. Die Gruppen waren also durchaus nicht gleich, in ihrem Befund vor dem Krankenhausaufenthalt gab es deutliche Unterschiede.

Ergebnisse – Sekretmenge

Als erstes Ergebnis wird die Menge des abgesaugten Sekrets am zweiten Tag nach der Gabe des Medikaments oder des Placebos angegeben. Dazu wird die abgesaugte Schleimmenge gemessen. Naiv würde man jetzt erwarten, dass man das Ergebnis irgendwie in der Größe als ‚Menge pro Zeit‘ darstellt. Anstatt einer solchen einfachen und transparenten Angabe finden wir ein Datengeschwurbel vor, das nicht einfach zu überblicken ist:

Die Autoren wählen ein recht kompliziertes Verfahren, die Zahlenwerte aufzubereiten, und man fragt sich nach dem Grund dafür, ohne eine Antwort hierauf zu erfahren. Routinemäßig fand alle sechs Stunden eine Absaugung statt, also viermal am Tag, sowie zusätzlich nach Bedarf. In der Homöopathiegruppe wurde so im Schnitt am betrachteten zweiten Tag 7,2 Mal abgesaugt, bei der Placebogruppe 6,9 Mal.

Die Menge wurde jeweils direkt beim Absaugen ermittelt, diese Werte wurden aber nicht direkt verwendet, sondern es erfolgte eine Gradeinteilung: Grad 1 entsprach einer Menge von 0 bis 5 ml, 6 bis 10 ml ergaben Grad 2, 11 bis 15 ml ergaben schließlich Grad 3. Der Durchschnittswert von drei solchen Graden wurde dem jeweiligen Patienten zugeordnet. Im Durchschnitt aller Patienten ergab sich so bei der Placebogruppe ein Wert von 2,44, bei der Homöopathiegruppe hingegen von 1,52. Ein deutlicher Vorteil für die Homöopathiegruppe also – nur, was hat dieser Wert denn eigentlich noch mit den tatsächlichen abgesonderten Sekretmengen zu tun?

Zunächst wundert man sich, warum man die dem Messverfahren offenbar innewohnende Genauigkeit – man kann offenbar bis auf den Kubikzentimeter herunter messen – freiwillig aufgibt. Stattdessen verwendet man eine Gradeinteilung, bei der das Volumen dann nur in einer Auflösung von 5 Kubikzentimetern beziffert werden kann. Hier ist die Wortwahl der Autoren wichtig: Die Messung erfolgte über ein Röhrchen mit Skaleneinteilung (‚was distinguished by volume … in a graduated vial‘), wobei dann das Ergebnis einer Gradeinteilung zugeordnet wurde (‚Tracheal secretions were classified into three grades …‘). Hier wird klar ein von der eigentlichen Messung losgelöster Prozess der Klassifizierung beschrieben.

Mit einer solchen Einteilung kann man Messwerte ganz schön manipulieren, insbesondere, wenn Durchschnittswerte gebildet werden. Ein Unterschied von 5 ml kann so zum Verschwinden gebracht werden. Wobei auch noch offen ist, warum nur drei Messungen verwendet wurden, wenn doch im Schnitt rund sieben vorlagen. Das dargestellte Ergebnis beruht demnach auf weniger als der Hälfte der tatsächlich ermittelten Daten!

Man hat also eine Auswahl aus den vorhandenen Messwerten getroffen – wer hat das getan und wann ist das erfolgt? Und vor allem, nach welchen Regeln wurde diese Auswahl getroffen? Wurden die drei letzten Messungen herangezogen? Oder die ersten? Oder die mit den höchsten Werten? Oder den niedrigsten? Oder was auch sonst? Auf jeden Fall verschwand schon in diesem Schritt die Gesamtmenge des am zweiten Tag abgesonderten Sekrets aus der Auswertung. Dass bei der Homöopathiegruppe häufiger abgesaugt wurde als bei der Placebogruppe, spielt bei dieser Bewertung keine Rolle mehr.

Als Laie will mir scheinen, dass die abgesaugte Schleimmenge bei einem Patienten auch davon abhängig ist, wieviel Zeit seit der letzten Absaugung vergangen ist. Nach der Beschreibung erfolgte eine routinemäßige Absaugung alle sechs Stunden, sagen wir um 1 Uhr, 7 Uhr, um 13 Uhr und um 19 Uhr. Weitere Absaugungen erfolgten bei Bedarf, also irgendwann dazwischen. Wenn nun bei einem Patienten eine zusätzliche Absaugung um 18 Uhr erfolgt ist, dann wird die turnusmäßige eine Stunde später kaum eine nennenswerte Menge ergeben haben. Zumindest deutlich weniger, als wenn keine zusätzliche Absaugung erfolgt wäre und die letzte mithin sechs Stunden zurücklag. Um die abgesaugte Menge korrekt zu bewerten, wäre also eine Betrachtung der Zeit erforderlich gewesen, in der sich diese Menge angesammelt hatte. Dies umso mehr, als durch die bedarfsgesteuerten Sonderbehandlungen nicht damit zu rechnen war, dass bei jeder Absaugung auch immer die gleiche Zeit seit der vorhergegangenen verstrichen war. Alleine, dieser Aspekt wird in der Arbeit nicht erwähnt, die Gradeinteilung der Patienten erfolgte alleine nach der absoluten abgesaugten Menge.

Dass mit der Gradeinteilung irgendetwas nicht stimmt, kann man auch direkt aus den Daten ablesen, wenn man versucht, sie in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen:

In beiden Gruppen wurden am zweiten Tag jeweils 6 bis 8 Absaugungen durchgeführt, also mindestens zwei mehr als nach dem routinemäßigen Vorgehen zu erwarten wäre. Das heißt, es gab zusätzlichen Bedarf, und zwar in beiden Gruppen bei allen Patienten. Was war der Auslöser dafür, dass eine zusätzliche Absaugung durchgeführt wurde? Doch wohl sicher, dass die vorliegende Menge dem Patienten Probleme bereitet hat. Diese Menge wird individuell von Patient zu Patient verschieden gewesen sein. Da es sich aber bei den Patienten durchgängig um Erwachsene gehandelt hat, dürften die Unterschiede nicht allzu gravierend gewesen sein.

Frass berichtet aber als Ergebnis die Zuordnung der Patienten zu den einzelnen Graden:

Homöopathiegruppe: Grad 1: 13, Grad 2: 11, Grad 3: 1

Placebogruppe: Grad 1: 2, Grad 2: 10, Grad 3: 13

Demnach wären bei den Patienten der Homöopathiegruppe die zusätzlichen Absaugungen im Mittel bereits bei wesentlich kleineren vorliegenden Sekretmengen erforderlich gewesen als in der Placebogruppe. Rein rechnerisch wäre bei der Placebogruppe eine Absaugung bei 9,7 ml Sekret erforderlich gewesen, bei der Homöopathiegruppe hingegen bereits bei 4,7 ml, also bei weniger als der Hälfte. Da die Gruppen hinsichtlich Altersstruktur, Geschlechterverteilung, Gewicht, Körpergröße sich durchaus sehr ähnlich waren, ist dies völlig unplausibel, was die Annahme einer fragwürdigen Ermittlung der Gradeinteilung untermauert.

Quintessenz: Der eindeutige Zusammenhang, dass eine heftigere Sekretabsonderung auch zu einer höheren Bewertung führen muss, ist in Folge diesen Vorgehens nicht mehr gesichert und muss nach Lage der Dinge ernsthaft bezweifelt werden. Eine Bewertung der Wirksamkeit des Medikaments ist an diesem Kriterium mithin nicht möglich.

Zur Ergänzung: Die Autoren führen aus, dass bei allen Patienten vor der Gabe des Medikaments ein Grad 3 vorgelegen habe, die Patienten also ‚gleich‘ waren. Bei der Fragwürdigkeit dieser Auswertung ist diese Aussage wohl nur wenig belastbar.

Ergebnisse – Zeit bis zum Entfernen des Beatmungsschlauchs

Die Autoren geben an, dass den Patienten der Homöopathiegruppe im Mittel nach 2,88 Tagen der Schlauch entfernt werden konnte, bei der Placebogruppe erst nach 6,12 Tagen. Das ist doch ein schönes signifikantes Ergebnis, mit p < 0,0001 sogar ausgesprochen hochsignifikant.

Für die Bedingungen, die gegeben sein mussten, damit der Schlauch entfernt werden konnte, wird angegeben:

  • der Patient muss ansprechbar sein (‚alert‘) mit stabilen Lebenszeichen
  • der Würgereflex muss vorhanden sein
  • der Sauerstoffgehalt im Blut muss einen bestimmten Grenzwert übertreffen
  • am Ende der Ausatmung muss ein bestimmter Druck gegeben sein
  • die Atemfrequenz muss unter 20 Atemzügen pro Minute liegen

Der Zeitpunkt, wann der Schlauch entfernt werden konnte, wurde nach diesen Kriterien von einem Arzt festgelegt, der nicht an der Studie beteiligt war.

Betrachten wir die fünf Kriterien, dann ist für den Laien höchst erstaunlich, dass der Befund, den man versucht hat, mit dem Medikament zu beeinflussen, nicht auftaucht. Zumindest nicht direkt. Da ich selbst über keine Kenntnisse auf diesem Gebiet verfüge, habe ich einen Fachmann, einen HNO-Facharzt, um Auskunft gebeten. Zusammengefasst: Die ersten zwei Kriterien hängen gar nicht von der Schleimabsonderung ab, die letzten drei nur recht indirekt. Bei einem Patienten, der schlecht Luft bekommt, wird der Sauerstoffgehalt im Blut niedrig sein, was die Atmungsfrequenz erhöht. Durch eine Verengung der Luftröhre wird auch der zu messende Luftdruck beim Atmen negativ beeinflusst. Aber für diese Erscheinungen kommen auch andere Ursachen im Rahmen der COPD-Indikation in Frage. In der Studie selbst wird beschrieben, dass die Extubation eben auch wegen des möglichen Versagens anderer Organe ausgeschlossen sein kann oder weil der Patient für andere Untersuchungen ruhiggestellt werden muss.

Frass berichtet zwar, dass die Zeit bis zur Entfernung des Luftschlauchs in beiden Gruppen unterschiedlich war – nennt aber nicht die Ursachen hierfür. Sehr gut möglich, dass eine vielleicht von der Sekretabsonderung her mögliche Herausnahme durch andere Einflüsse verhindert wurde, die gar nicht Gegenstand dieser Studie waren.

Zusätzlich ist zu bedenken: Nach den Angaben der Studie hatten die Patienten den Beatmungsschlauch bereits drei bis sieben Tage vor Beginn der Studie erhalten. Wenn wir davon ausgehen, dass die Behandlung nicht nur einfach aus einem Abwarten bestand, wann denn der Schlauch wieder entfernt werden konnte – die Studie macht hierzu keine Angaben – dann war die Genesung bei den einzelnen Patienten bereits zu Beginn der Studie recht unterschiedlich weit fortgeschritten. Es werden allerdings keine Angaben gemacht, ob sich die Gruppen in dieser Hinsicht unterschieden. Ein Versehen? Oder Absicht?

Quintessenz: Auch bei diesem Kriterium ist der direkte Zusammenhang zwischen der tatsächlichen Sekretbildung des Patienten und dem Endpunkt des Versuchs nicht zwangsläufig gegeben. Selbst wenn ein Placebo-Patient beispielsweise gar kein Sekret mehr bildete, jedoch aus anderen Gründen nicht ansprechbar war, somit den Atemschlauch behalten musste, dann wird dies im Studienergebnis als Vergleichsbasis für die Wirksamkeit der Behandlung der Sekretbildung herangezogen. Damit sind Aussagen zur Wirksamkeit des Homöopathikums aus diesem Kriterium nicht ableitbar.

Ergebnisse – Zeitdauer auf der Intensivstation

Zweifellos ist es schön, signifikante Ergebnisse zu erzielen – und wenn man schon dabei ist, dann macht man noch ein paar mehr. Sieht ja auch wirklich spektakulärer aus.

Anders jedenfalls ist nicht erklärbar, warum die Verweildauer auf der Intensivstation als ein zusätzliches Bewertungskriterium der Wirksamkeit herangezogen wird. Die Patienten der Homöopathiegruppe verbrachten im Schnitt 4,20 Tage auf der Intensivstation, die der Placebogruppe hingegen mussten im Schnitt 7,68 Tage dort verbringen. Das Einzige, was wir aus diesen Zahlen entnehmen können, ist, dass die Patienten der Homöopathiegruppe offenbar nach Entfernung des Schlauches noch weitere 1,32 Tage auf der Intensivstation verbrachten, die der Placebogruppe 1,46 Tage, ein Unterschied also von knapp 3,5 Stunden. Gemessen an dem gesamten Zeitraum der Behandlung ist der Unterschied vernachlässigbar.

Das heißt, dieses Ergebnis ist eine direkte Folge des oben betrachteten Kriteriums ohne einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn. Man könnte in ähnlicher Manier noch weitere signifikante Ergebnisse erzeugen, etwa die Zahl der auf der Intensivstation verbrachten Nächte, die Anzahl der erlebten Schichtwechsel des Personals, die Anzahl der Arztvisiten und so weiter und so fort.

Quintessenz: Dieses Merkmal lässt auch keine Beurteilung der Wirksamkeit zu, da keine zusätzlichen Erkenntnisse einfließen.

Gesamtbetrachtung

Wie dargelegt, besteht kein zwingender eindeutiger Zusammenhang zwischen der Sekretbildung der Patienten und den dargestellten Ergebnissen hinsichtlich der Sekretmenge und der Zeitdauer bis zur Entfernung des Atmungsschlauchs. Dann ist es auch völlig müßig, sich mit den sonstigen Kleinigkeiten, etwa mit der Signifikanz oder den nicht angegebenen Vertrauensbereichen zu beschäftigen. Es ist einfach sinnlos, sich bei einem nicht im geringsten validen Ergebnis darüber Gedanken zu machen, wie weit es gültig ist.

Es bleibt jedoch ein Punkt: Wie kam es dazu, dass Ergebnisse erzeugt wurden, die so eindeutig in Richtung auf eine Wirksamkeit des Homöopathikums hinweisen? Letztendlich sind die hier berichteten Unterschiede schon recht beträchtlich und überschreiten bei Weitem, was man so als Effektstärke von anderen vermeintlich erfolgreichen Studien zur Homöopathie kennt.

Natürlich kann es sich hierbei um einen Zufall handeln, aber irgendwie will das nicht so recht einleuchten. Dann bleiben jedoch nur etwas anrüchige Erklärungen übrig.

Aus der Studie geht beispielsweise hervor, dass sowohl die Patienten als auch das sie behandelnde Pflegepersonal in Unkenntnis über die Gruppenzuordnung waren. Des weiteren wird ausgeführt, dass alle statistischen Analysen ausgeführt wurden, und erst danach die Verschlüsselung gelöst wurde, das heißt erst danach wurde bekannt, welcher Patient zu welcher Gruppe gehörte. Ich weiß, das liest man öfters, aber ich habe immer Schwierigkeiten damit, mir vorzustellen, wie man eine statistische Analyse machen kann, wenn man nicht weiß, welche Patienten zusammengehören. Wie macht man einen Signifikanztest zwischen Placebo- und Verumgruppe ohne dass man weiß, welche Einzelergebnisse wo angefallen sind? Ich halte dies für nicht durchführbar.

Irgendwann während der Auswertung muss die Verblindung weggefallen sein, spätestens dann, wenn nicht schon zu irgendeinem Zeitpunkt vorher. Da, wie oben berichtet, nur weniger als die Hälfte der vorliegenden Einzelwerte nach nicht näher beschriebenen Kriterien ausgewählt wurden, ist es durchaus möglich, ohne viel Aufhebens die Auswahl einer Zielvorstellung anzupassen.

Es wird ausgeführt, dass die Bestimmung des Zeitpunkts für die Entfernung des Atemschlauchs durch einen Arzt erfolgte, der ansonsten nicht an der Studie beteiligt war. Die Zuordnung der Patienten zu den Gruppen und die Zuteilung der Arznei bzw. des Placebos erfolgte auch durch einen nicht beteiligten Arzt. Was, wenn diese beiden Personen tatsächlich identisch waren? Namen werden in der Studie nicht genannt, somit ist es durchaus möglich, dass ein ansonsten unbeteiligter Arzt in Kenntnis der Gruppenzuordnung die Zeitpunkte der Extubation bestimmte und damit bewusst oder unbewusst einen Einfluss ausgeübt hat

Es sei darauf hingewiesen, dass es sich bei diesen Ausführungen um reine hypothetische Möglichkeiten handelt und diese ausdrücklich nicht als Tatsachen behauptet werden. Es handelt sich lediglich um eine Diskussion möglicher Erklärungen für einen vorliegenden Sachverhalt. Sollte jemand diesen Sachverhalt anderweitig aufklären können, werde ich dies gerne in diesen Beitrag mit einarbeiten.

Zusammenfassung

In der Studie wurden Patienten der Intensivstation, die über einen Schlauch direkt in die Bronchien beatmet wurden, mit einem homöopathischen Medikament behandelt, das die Schleimproduktion in der Luftröhre senken sollte. Für einen Nachweis der Wirksamkeit werden drei Kriterien benutzt: (1) die Menge des produzierten Sekrets, (2) die Zeitdauer ab Studienbeginn bis der Luftschlauch entfernt werden konnte und (3) die Zeitdauer, die der Patient ab Studienbeginn auf der Intensivstation verbringen musste.

Die Art der Datenauswertung führt jedoch dazu, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen dem tatsächlichen Ausmaß der Sekretbildung, zu messen als Menge pro Zeit, und der daraus bestimmten Bewertungszahl gibt. Letztendlich werden noch nicht einmal die Hälfte der vorliegenden Messwerte nach nicht näher beschriebenen Kriterien für die Ermittlung des Ergebnisses ausgewählt.

Die Sekretbildung beeinflusste den Zeitpunkt der Entfernung des Atemschlauchs wenn überhaupt, dann nur sehr indirekt. Es ist nicht ersichtlich, ob die unterschiedlichen Ergebnisse beider Gruppen überhaupt mit den in dieser Studie betrachteten Sachverhalten in Verbindung stehen 

Die Verweildauer auf der Intensivstation ist nur eine direkte Folge der Zeitdauer zur Extubation und bringt von daher keine neuen Erkenntnisse.

Quintessenz: Diese Studie ist als Nachweis für die Wirkung des homöopathischen Medikaments nicht valide, die anderslautenden Schlussfolgerungen der Autoren sind nicht gerechtfertigt.

Danksagung

Ich danke Herrn Dr. Vahle für seine Unterstützung

Literatur

[1] Frass M, Dielacher C, Linkesch M, Endler C, Muchitsch I, Schuster E, Kaye A: Influence of Potassium Dichromate on Tracheal Sekretion in Critically Ill Patients:, in: Chest 2005: 127; 936-941, DOI 10.1378/chest.127.3.936, Link zum Volltext  

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9 Kommentare zu Homöopathie bei schweren Atemwegsproblemen – Studie von Frass (2005)

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  4. WolfgangM sagt:

    Die Studie von Dr Frass wurde ja schon vor längerer zeit in den science blogs auseinander genommen.

    http://scienceblogs.com/insolence/2007/07/02/homeopathy-in-thecringeicu-1/

    Und da zeigt ein Kommentar #4, dass die Gruppen nicht gleich verteilt sein konnten.

    copy & paste:

    For one thing, the stage of COPD in the control group was higher than that of the treatment group (1.20 ± 0.5 versus 1.08 ± 0.4, p=0.178). This seems very odd, because both groups are listed as having mild COPD by this criteria, given that the COPD stages run from 0 to 3, with 0 being normal lung function and 1 being the least severe.

    Interestingly, these numbers, along with the group size, allow us to deduce the actual distribution of COPD stage in each group. (I assume COPD stage is always a whole number, right?)

    For the treatment group, the only way to get 1.08 +/- 0.4 is if 24 patients had stage 1, and one had stage 3.

    For the control group, the only way to get 1.2 +/- 0.5 is if 21 patients were stage 1, three were stage 2, and one was stage 3.

    In other words, the placebo group included 4 patients with moderate or severe COPD. The homeopathy group included only one.

    The bottom line is that, contrary to Dana Ullman’s representation of this study as slam-dunk evidence of the efficacy of homeopathy, it’s nothing more than a very questionable study in which it is unclear whether the treatment and control groups were truly comparable.

    I think we can safely conclude they were not comparable.

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