Gegen Grippe vorbeugen – Carstens-Stiftung vs. Fakten

Wenn man, wie ich, gerade den Klauen einer ungewöhnlich heftigen Erkältung entkommen ist, dann betrachtet man solche Erkrankungen mit etwas anderen Augen. Außerdem ist der Artikel über ein viel verkauftes angeblich wirksames homöopathische Grippemittel (hier) der am meisten gelesene Beitrag auf diesem Blog. Umso neugieriger ist man dann, wenn sich die Carstens-Stiftung mit einer neuen Studie zum Thema Grippevorbeugung beschäftigt.

In Kürze

Die Carstens-Stiftung berichtet auf ihrer neu gestalteten Webseite von einer neuen Beobachtungsstudie aus den Niederlanden zum Thema Grippevorbeugung. Die Grippeimpfung kommt dabei erwartungsgemäß schlecht weg. In der Analyse der Studie zeigt sich aber, dass der Erfolg anhand des Auftretens grippaler Infekte bewertet wird, die außer einer gewissen Ähnlichkeit der Symptome und des Namens nichts mit Grippe zu tun haben. Andererseits hat die Grippesaison erst nach der Beobachtungszeit begonnen, folglich wurde das, was mit der Vorbeugemaßnahme erreicht werden sollte, nämlich die verminderte Ansteckung an der echten Grippe, nicht bewertet.

Dass auch die homöopathische Vorbeugung im Vergleich zu einer unbehandelten Kontrollgruppe wirkungslos blieb, wird mit Verweis auf bereits vorliegende Studien als belanglos erklärt. Diese Studien aber geben keinen Hinweis darauf, dass eine homöopathische Prophylaxe tatsächlich wirkungsvoll sein könnte. Auch der DZVhÄ verneint jede Möglichkeit, dass mit homöopathischen Mitteln eine Immunisierung erreicht werden könnte.

Dieser Artikel der KVC ist somit geeignet, die Patienten in Richtung  einer für sie nachteiligen Entscheidung zu beeinflussen. Ein Bestandteil der hierzulande üblichen Verbrauchertäuschung, der Politik und öffentliches Gesundheitswesen tatenlos zusehen.

In Länge

Die Karl-und-Veronika-Carstens-Stiftung („KVC“) hat ihrer Webseite nicht nur einen neuen Look verpasst – der leider viele Links zerschossen hat – man hat sich auch gleich einem saisonal offenbar recht interessanten Thema gewidmet: der Grippe, genau genommen der Vorbeugung von Grippe. „Grippeimpfung versus Homöoprophylaxe“ hat Jens Behnke seinen Artikel genannt [1] und damit ganz geschickt die Befindlichkeiten der Homöopathieanhänger bedient, (böse) „Impfung“ gegen (gute) „Prophylaxe“. Begriffsmarketing eben.

Behnke kommt zu dem Schluss, dass eine neu veröffentlichte niederländische Studie [2] nahelege, dass die Grippeimpfung bei älteren Menschen das Risiko einer Ansteckung erhöhe, anstatt es zu senken, also das bewirkt, was eigentlich verhindert werden soll. Homöopathika seien zwar in dieser Studie als unwirksam erkannt worden, aber es lägen ja genügend andere Arbeiten vor, in denen sich die Homöopathie in Prophylaxe und Therapie von Grippeerkrankungen als hilfreich erwiesen habe. Klar, Behnke schreibt, dass diese vorliegende Studie nur „bedingt aussagekräftig“ sei, wobei sich jeder selbst aussuchen darf, was das heißen soll. Vermutlich wird der Anhänger der Homöopathie eher das Attribut „aussagekräftig“ registrieren und das „bedingt“ ist das Feigenblatt, das man gegenüber den Kritikern vorzeigen kann.

Wir haben es in diesem kurzen Artikel also mit zwei heftig diskutierten Themen zu tun, nämlich Homöopathie und Impfkritik, die beide gerne fernab jeder Faktenlage diskutiert werden. Daher erscheint eine gründliche Auseinandersetzung wünschenswert.

Die Pilotstudie von Hasselaar et al.

Das Erste, was an dem Titel der Studie [2] sofort ins Auge springt, ist die Tatsache, dass es sich „nur“ um eine Pilotstudie handelt. Pilotstsudien werden in der Hochschulmedizin alleine zu dem Zweck durchgeführt, eine größere Hauptstudie vorzubereiten. Es wird dabei ausprobiert, ob das vorgesehene Studienprotokoll auch funktioniert, ob die Patienten die Anweisungen verstehen, ob sich die vorgesehenen Endpunkte tatsächlich erfassen lassen und Ähnliches – kurz: um auszuschließen, dass in der teuren Hauptstudie etwas schiefgeht.

Bei der Homöopathie hingegen scheint das grundsätzlich anders zu sein. Hier haben Pilotstudien offensichtlich einen anderen Zweck. Sie dienen nicht zur Vorbereitung einer Hauptstudie, sondern als deren Ersatz: In dem 2014 von Mathie et al. veröffentlichten Review zur klassischen Homöopathie [3] handelte es sich bei 13 der betrachteten 32 Studien um solche Pilotstudien, denen im Schnitt auch nach über elf Jahren noch keine Hauptstudie gefolgt ist. Mathie hat diese als wäre es selbstverständlich als ganz vollwertige Evidenz gezählt. Zwei seiner drei als ‚belastbare Evidenz‘ eingestufte Arbeiten waren solche Pilotstudien.

Ich würde mich fast zu wetten trauen, dass es für diese neue Studie von Hasselaar auch keine Hauptstudie geben wird. Das erscheint naheliegend, denn in dem gesamten Text ist an keiner Stelle der kleinste Hinweis auf ein solches Vorhaben zu finden. In der Schlussfolgerung ist sogar zu lesen, dass „weitere Forschung an größeren Gruppen“ gerechtfertigt sei, was nicht danach klingt, dass man gerade im Begriff wäre, solches zu tun.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es nur ein Trick ist, diese Arbeit zu einer Pilotstudie zu erklären, um die Kritik an Protokoll und Durchführung von vornherein ruhigzustellen.

Die Autoren

Von uns Kritikern wird ja gerne verlangt, dass wir dem Thema Homöopathie ’neutral‘ gegenüberstehen sollten. Selbst kleinste Hinweise irgendwo auf den Webseiten, dass man mal ein Buch zum Thema geschrieben hat und dies auch käuflich erworben werden kann, gilt oftmals als – pfuideibel – „kommerzielles Interesse“. Da freut man sich doch, wenn Studien veröffentlicht werden, in denen die Autoren keinem Interessenkonflikt unterliegen. Zumindest wie hier keinen angeben.

Gerrie Hasselaar, die Hauptautorin, betreibt ausweislich ihrer Webseite mit dem sprechenden Titel www.homeopathie.works, in Amersfoort,NL, als „homeopathisch arts“ eine entsprechende Praxis [4].

Willem van Nijnatten war bis zu seinem Ruhestand im August 2015 als praktischer Arzt in s’Hertogenbosch, NL, tätig [5].

Isaac Golden bezeichnet sich auf seiner Webseite als einen der erfahrensten homöopathischen Therapeuten Australiens [6]. Auf der Seite des National Institute of Integrative Medicine, Australia, wird er als „Weltautorität zur Homöoprophylaxe“ bezeichnet [7] und er scheint sich auf seiner Webseite auch als Impfgegener zu präsentieren. In der Presse wird er allerdings eher kritisch gesehen [8].

Nun ja, so richtig ’neutral‘ sieht das ja nicht gerade aus.

Prinzipiell ist nichts dagegen zu sagen, wenn Homöopathen und Impfgegner Studien durchführen. Es ist schließlich ziemlich blauäugig, anzunehmen, dass jemand, der eine Studie finanziert bzw. durchführt, an dem Ergebnis kein Interesse hat. Es sollten im Studienprotokoll jedoch Vorkehrungen getroffen werden, dass eine Voreingenommenheit nicht auf die Ergebnisse durchschlagen kann. Verblindung wäre ein wichtiger Aspekt. Erhebung der Daten durch Dritte wäre eine Möglichkeit. Auf jeden Fall muss ausgeschlossen werden, dass die Autoren das Ergebnis beeinflusst haben könnten. Richtig gut wäre es auch, in der Veröffentlichung auf die Interessenkonflikte hinzuweisen.

Studienmethodik

Die Studie wurde an 150 Patienten einer einzigen Hausarztpraxis durchgeführt. Je nach Wunsch erhielten die Patienten eine konventionelle Grippeimpfung, eine homöopathische Prophylaxe oder, wenn der Patient den Arzt nicht danach fragte, auch gar nichts. In die Studie wurden ältere Patienten aufgenommen (Alter 60 bis 85 Jahre). Als Impfstoff wurde der für diese Saison vorgesehen Impfstoff verwendet („Vaxigrip“). Bei dem homöopathischen Mittel handelte es sich um „Poly Influenzinum combi C200 Influvac,
Vaxigrip“, dessen nähere Zusammensetzung nicht in Erfahrunggebracht werden konnte.

Dabei ergaben sich höchst unterschiedliche Gruppenstärken:
Grippeimpfung: 83 Patienten
Homöopathische Prophylaxe: 19 Patienten
Keine Vorbeugung: 48 Patienten.

Diese Patienten erhielten entsprechend ihren Wünschen Ende Oktober 2013 ihre Vorbeugemaßnahmen, oder eben auch nicht. Eine erste telefonische Abfrage erfolgte kurz vor Weihnachten 2013, eine zweite zum Schluss der Beobachtungszeit im Februar 2014. Gefragt wurde, ob die Patienten einen grippalen Infekt („flu“) erlitten hatten und ob Nebenwirkungen der Vorbeugemaßnahmen zu verzeichnen waren sowie der allgemeine Gesundheitszustand.

Beide Abfragen wurden von der Hauptautorin selbst durchgeführt, ohne dass die leiseste Verblindung gegeben war! Ganz im Gegenteil, die Patienten mussten angeben, zu welchem Studienarm sie gehörten – und da liegt das fundamentale Problem dieser Studie. Man hat den Probanden eben nicht einfach den Fragebogen zugesandt, damit sie ungestört und unbeeinflusst die Fragen beantworten. Nein, die von den Segnungen der Homöopathie überzeugte Hauptautorin hat die Probanden abgefragt und danach den Fragebogen ausgefüllt.

Unter diesen Umständen kann man fast drauf wetten, was sich als Ergebnis ergibt.

Es ist nun einmal so, dass man Aussagen, die in die eigene Weltsicht passen, wenig kritisch gegenübersteht. Die anderen aber, an deren Richtigkeit man zweifelt, werden überprüft und hinterfragt. Das geht ganz automatisch, ohne dass man das willentlich steuert oder überhaupt bemerkt. Lieber Leser, beobachten Sie sich bei nächster Gelegenheit einmal selbst, wenn man Ihnen etwas berichtet, das Ihren Überlegungen und Überzeugungen widerspricht, egal bei welcher Gelegenheit. Ob es nun um eine Erklärung geht, warum das Auto eine Beule hat, eine Verabredung nicht eingehalten wurde oder etwas teurer geworden ist oder schlechter funktioniert als ursprünglich gedacht. Die Erklärungen, die in Ihr Weltbild passen, akzeptieren Sie ohne weiteres. Die anderen benötigen eher eine zusätzliche Erklärung.

Schon die Fragestellung an den Probanden kann in kleinen Nuancen eine erwartete Antwort vorgeben: „Ging es Ihnen nach der Impfung gut?“ kann man von der Betonung und der Satzmelodie her sehr unterschiedlich ausdrücken. Betonung auf dem „Ihnen“ und eine Anhebung der Stimmlage am Satzende drückt etwas Anderes aus als ein Verzicht auf Betonung und eine sich senkende Stimme zum Ende hin.

Was wird passiert sein, wenn jemand mit Grippeimpfung geantwortet hat, es ginge ihm gut, alles bestens, keine Nebenwirkungen, nichts? Die Interviewerin wird sicherstellen wollen, dass bei dem Probanden auch wirklich nichts vorgefallen ist. Hat er die Frage richtig verstanden? Hat er auch wirklich genau Buch geführt und alle Vorkommnisse aufgezeichnet? Schließlich ist das ja für die wissenschaftliche Arbeit äußerst wichtig, dass er nichts vergessen hat? Wirklich kein Niesen, Husten, Heiserkeit? Auch wenn er nochmal ganz genau nachdenkt?

Man kann damit durchaus etwas in den Patienten „hineinfragen“.

Bei den homöopathisch behandelten Probanden geht das natürlich auch anders herum. Ist man wirklich sicher, dass der Husten mit der Maßnahme in Verbindung steht? War das nicht etwas völlig Normales um diese Jahreszeit, dass man einmal niest oder etwas heiser ist?

Das kann man im Gegenzug als „wegfragen“ bezeichnen. Etwa in diese Richtung deutet das Ergebnis, dass es bei zwei homöopathisch behandelten Probanden zu Erkältungs- und Grippesymptomen als Reaktion auf die Vorbeugemaßnahme kam. Warum wurden diese nicht als Episode eines grippalen Infekts bewertet?

Egal wie, diese Beispiele sollen plausibel machen, dass das Risiko sehr groß war, dass die Fragen und Rückfragen der Studienautorin bei beiden Gruppen in unterschiedliche Richtung zielten. Was nicht der Fall wäre, wenn die Gruppenzugehörigkeit des befragten Probanden dem Interviewer unbekannt gewesen wäre.

Es kann natürlich sein, dass die Interviewerin das Ergebnis nicht beeinflusst hat, also ohne eine bestimmte Betonung die Fragen vorgelesen hat, die Antwort entgegengenommen und ohne Weiteres in den Fragebogen eingetragen hat. Es wäre allerdings viel einfacher, das zu glauben, wenn man eine andere Vorgehensweise gewählt hätte.

Ergebnisse
Die Probanden wurden in zwei Telefoninterviews nach den Ergebnissen befragt: ob sie an einer Erkältungskrankheit („flu“) erkrankt waren, ob sie Reaktionen auf die Impfung bzw. das Homöopathikum gezeigt hätten und generell nach dem Gesundheitszustand und dessen Änderung nach der Maßnahme. Bezeichnend ist, dass die Zuordnung irgendwelcher Symptome als Folge des Eingriffs alleine auf der Einschätzung der Probanden beruht.

Hier soll ein kurzer Auszug aus dem Ergebnis der Befragung der Probanden genügen:

  • Bei den 83 Geimpften traten 26 grippeähnliche Erkrankungen und 33 Impfreaktionen auf (Anteil 31.3% und 39,8%).
  • Bei den 19 Probanden mit homöopathischer Vorbeugung traten 1 grippeähnliche Erkrankung und 3 Impfreaktionen auf (Anteil 5,3% und 15,8%)
  • Bei den 48 Patienten ohne eine Vorbeugemaßnahme traten 4 Erkrankungen und naturgemäß keine Impfreaktionen auf (Anteil 8,3%). Dabei wäre hier interessant gewesen, inwieweit Symptome auftraten, die bei den anderen Gruppen als Impfreaktionen gedeutet wurden.

Auffällig ist in der Tat der hohe Anteil der Erkrankungen in der Gruppe der Geimpften, wohingegen der hohe Anteil der Reaktionen in der Homöopathiegruppe erstaunt. Leider fehlt der Vergleich mit der unbehandelten Gruppe, der einige Klarheit gebracht hätte, wie treffsicher die Zuordnung der Beschwerden als Folge der Immunisierung ist.

Die Grippewelle der Saison 2013/2014 fand in Deutschland – und daher vermutlich auch in den benachbarten Niederlanden – erst nach Ende der Beobachtungszeit der Studie statt. Das Robert-Koch-Institut schreibt in seinem entsprechenden Bericht [9], dass der erste Nachweis eines Grippevirus bereits in Kalenderwoche (KW) 48/2013 (ab 25. November) auftrat, also einen Monat nach Studienbeginn, jedoch erst ab KW 8/2014 (ab 17. Februar 2014) von einer „Grippewelle“ gesprochen werden kann, die in KW 14/2014 (bis 6. April 2014) wieder beendet war. Mithin kann anhand dieser Studie, deren Beobachtungszeit je nach Gruppe zwischen dem 11. und dem 21. Februar 2014 endete, der Erfolg der Grippevorbeugung, nämlich eine verminderte Anzahl an Grippeerkrankungen,  nicht erfasst worden sein.

Schlussfolgerungen der Autoren

Die Autoren sind sich gewisser methodischer Problematiken ihrer Studie durchaus bewusst, insbesondere die Kleinheit der Gruppen und die Ungewissheit, ob die Probanden überhaupt einem Ansteckungsrisiko ausgesetzt waren. Unter diesem Vorbehalt kann man die Daten dahingehend interpretieren, schreiben sie, dass die Grippeimpfung das Risiko erhöht, an einem grippalen Infekt zu erkranken und dass die Impfung deutlich mehr Impfreaktionen hervorruft als die homöopathische Vorbeugung.

Dass man wegen des Verlaufs der Grippesaison den Nutzen der verschiedenen Vorgehensweisen gar nicht erfasst hat, ist den Autoren offenbar nicht aufgefallen.

Bewertung des Studienergebnisses

Grippe und grippale Infekte haben nichts miteinander zu tun. Grippeimpfungen schützen nicht vor Erkältungen, Erkältungen gehen von anderen Krankheitserregern aus als Grippe [10]. Mithin ist die Studie völlig ohne jede Aussagekraft, auch ohne dass man die Einflussnahme der Studienautoren in Betracht zieht. Das, was die Impfung erreichen soll, wurde wegen der mangelnden Ansteckungsgefahr nicht erfasst. Das, was erfasst wurde, hat mit der Grippeimpfung nichts zu tun.

Es bleibt die Frage der Impfreaktionen – aber da ist nichts wesentlich Neues gefunden worden. Dass Impfreaktionen auftreten können, ist kein Geheimnis. Dass die Anteile hier wesentlich höher lagen, bei fast 40 % anstelle der in der Literatur genannten 13 %, ist möglicherweise durch die Beschränkung ausschließlich auf ältere Menschen erklärbar, durch die Zuordnung der Beschwerden als Impfreaktion alleine durch den Probanden sowie die sehr wahrscheinliche Einflussnahme der Studienautoren bei der Datenermittlung.

Interpretation durch die Carstens-Stiftung

Was macht jetzt Herr Behnke aus dieser Studie?

Zunächst einmal wirft er offensichtlich einige Begrifflichkeiten durcheinander. Es gibt zwei unterschiedliche Krankheitsformen, die im Deutschen ähnlich heißen, aber doch nichts miteinander zu tun haben. Zum einen gibt es Erkältungskrankheiten, die oftmals als „grippale Infekte“ bezeichnet werden, Englisch „influenza-like syndromes“. Das ist das, was wohl jeder mehr oder weniger regelmäßig ein oder zwei Mal im Jahr erleidet. Die Nase läuft, man niest und hustet und fühlt sich nicht so toll [11]. Wenn es denn etwas heftiger wird, dann spricht man zwar schon oft von einer „Grippe“, was aber den Sachverhalt nicht trifft. Die „echte Grippe“ (Englisch „influenza“) ist eine durch Grippeviren hervorgerufene Erkrankung, die recht heftig ablaufen kann, in ungünstigen Fällen auch durch Folgeinfektionen tödlich enden kann [12]. Bei der größten Epidemie der Neuzeit, der 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen, handelte es sich um eine Grippe („Spanische Grippe“, [13]). Gegen diese Erreger richtet sich die Grippeimpfung, und zwar jedes Jahr gegen die vermutlich dominierenden Stämme.

Die Auslöser für die normalen Erkältungskrankheiten sind zwar auch oft Viren, jedoch gänzlich anderer Natur – und reagieren demnach nicht auf den spezialisierten Grippeimpfstoff [14].

Man fragt sich, was Behnke wohl meint, wenn er von „einer banalen Influenza“ spricht, die für ältere Menschen ernste Folgen haben kann? Eine echte Grippe ist alles andere als banal, eine normale Erkältung hat wohl kaum ernste Folgen.

Er zitiert weiter, dass 31,3% der geimpften Probanden „von mindestens einer Grippeepisode im Beobachtungszeitraum“ betroffen waren – was sich bei näherem Blick auf die Studie als unzutreffend erweist. Bei den geimpften Probanden werden „grippe-ähnliche Beschwerden“ („influenza-like illness“) in 26 Fällen aufgeführt, keine Grippe, davon 10 leicht, 12 mittel und 4 schwer, und dass dies bei den anderen Gruppen in wesentlich geringerem Ausmaß auch der Fall war (über die Problematik der Datenerfassung hatten wir oben schon berichtet). Dass jemand mehr als eine Episode durchgemacht hätte, ist der Studie nicht zu entnehmen. Da Grippe und grippale Infekte zwei verschiedene Dinge sind, führt Behnkes Aussage in die Irre.

Mithin ist Behnkes Schlussfolgerung, dass die Grippeimpfung das Risiko an einer solchen zu erkranken erhöhen würde, also völlig falsch. Dass die Homöopathie im Vergleich mit der unbehandelten Kontrollgruppe keinen Vorteil zeigt, hat Behnke zwar durchaus zutreffend erkannt, allerdings geht sein Hinweis, dass dies ja in anderen positiven Studien nachgewiesen sei, ebenfalls in die Irre. Er führt die folgenden Studien an:

  • Cochrane-Report zu Oszillococcinum [15]:
    Wörtliches Zitat aus dieser Arbeit: „Ergebnisse von zwei nur unzureichend beschriebenen klinischen Untersuchungen (gesamt 327 Teilnehmer) zeigen nicht, dass Oscillococcinum eine Grippeerkrankung verhindern kann. Obwohl die Ergebnisse aus vier anderen klinischen Studien (zusammen 1196 Patienten) nahelegen, dass Oscillococcinum die Grippesymptome nach 48 Stunden [NUR zum Zeitpunkt nach 48 Stunden, siehe hier – Anm. d. Autors], kann es sich hier um eine Verfälschung infolge der Studienmethodik handeln“ (Übersetzung von mir).
    Also keine homöopathische Vorbeugung.
  • Rottey (1995) [16]
    Diese Arbeit wurde bereits auf diesem Blog besprochen (hier). Immerhin wird in dieser Arbeit darüber berichtet, dass es bei Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen zu Verbesserungen gekommen ist, bei Schüttelfrost, Husten, Schnupfen, Erschöpfung und Appetitlosigkeit – alles das und noch einiges mehr wurde bewertet – jedoch nicht. Da die Autoren keinerlei Korrektur für den vielfachen Hypothesentest angewandt haben, kann man die Ergebnisse eher als ein erfolgreiches Datamining betrachten denn als tatsächlich signifikant. Wobei die Effektstärken minimal sind. Nicht sehr belastbar.
  • Chakraborty et al. (2013) [17]
    In dieser Arbeit geht es ausschließlich um die Therapie von grippalen Infekten, nicht um die Vorbeugung gegen Grippe. Thema passt also nicht.
  • Brydac et al (1999) [18]
    Hier wird die Bildung von Antikörpern nach der intramuskulären Injektion von Gripp-Heel bei älteren chronisch kranken Bewohnern von Pflegeheimen in einer offenbar unverblindeten Studie untersucht. Ich verstehe zu wenig von der Immunologie, um diese Studie beurteilen zu können, etwa ob es sein kann, dass eine intramuskuläre Injektion von minimalen Spuren von Blauem Eisenhut (Aconitum napellus), Schlangengift (Lachesis), Wasserdost (Eupatorium perfoliatum) und Phosphor die Bildung von Grippe-Antikörpern anregen kann, ob die festgestellte Steigerung klinisch relevant ist, oder ob es plausibel ist, dass der Antikörper-Titer in der Gruppe wesentlich niedriger liegt, die, wie im Text beiläufig erwähnt, in einem deutlich höheren Anteil eine Grippeerkrankung durchgestanden hat. Was allerdings nicht berichtet wird, ist die Rate der während der sechsmonatigen Beobachtungszeit tatsächlich aufgetretenen Grippeerkrankungen. Ich bezweifle daher die Relevanz dieser Studie für die Aussage einer möglichen homöopathischen Prophylaxe.

In Summe erscheint die Beleglage dafür, das man mittels homöopathischer Prophylaxe einen wirksamen Grippeschutz aufbauen kann, als recht dürftig. Zusätzlich sei darauf hingewiesen, dass der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte die Möglichkeit homöopathischer Impfungen kategorisch ablehnt:

Es gibt keine „homöopathischen Impfungen“. Kein homöopathisches Mittel ist in der Lage, eine nachweisbare Immunisierung hervorzurufen. Vor dem Ersatz einer notwendigen Impfung durch die Einnahme homöopathischer Medikamente wird gewarnt“ [19].

Dies bezieht sich auf das flächendeckende Impfen bzw. Immunisieren, wie es in den vorliegenden Studien angewendet wird.

Das insgesamt von Behnke bezüglich einer ‚homöopathischen Grippeprophylaxe“ gezogene Fazit ist demnach durch die Studienlage nicht gedeckt – und damit unbegründet. Dabei ist diese Irreführung besonders tückisch: Wenn der Patient aufgrund dieser vollmundigen Versprechungen auf die schützende Macht der Homöopathie vertraut und dann merkt, dass er sich geirrt hat – kann das für Angehörige von Risikogruppen schon fatal sein. Hier entfaltet die Anwendung der Homöopathie durchaus ein beträchtliches Schadenspotenzial – entgegen den üblichen Beteuerungen.

Literatur / Quellen

[1] Behnke J: Grippeimpfung versus Homöoprophylaxe, Webseite der Karl-und-Veronica-Carstens-Stiftung, Rubrik ‚Studien kurz und knapp‘ Link

[2] Hasselaar G, van Nijnatten W, Golden I: A Pilot Study into the Comparative Effectiveness and Safety in the Elderly of a Homeopathic Flu Prophylaxis and the Regular Flu Vaccination in the Netherlands; Homeopathic Links 2016;29(2):120-126, DOI: 10.1055/s-0036-1582468 (Link zum Abstract)

[3] Mathie RT, Lloyd SM, Legg LA, Clausen J, Moss S, Davidson JRT, Ford I: Randomised placebo-controlled trials of individualised homeopathic treatment: systematic review and meta-analysis, in: Systematic Reviews 2014, 3: 142, doi: 10.1186/2046-4053-3-142, Link zum Volltext

[4] Praxis-Hompage von Gerrie Hasselaar (Link)

[5] NN: Bekende huisarts in binnenstad van Den Bosch na 35 jaar met pensioen, Brabants Dagblad vom 24. 8. 2015 (Link)

[6] Webseite der Isaac Golden publications (Link)

[7] Webseite des National Institute of Integrative Medicine zu Isaac Golden (Link)

[8] Louissikian K: Isaac Golden’s homeopathic immunisation rejected by experts, The Australian, 16.März 2016, (Link)

[9] Buda S et al.: Bericht zur Epidemiologie der Influenza in Deutschland Saison 2013/14, Arbeitsgemeinschaft Influenza, Robert Koch Institut (Link)

[10] Wikipedia Beitrag zur Grippeimpfung, Abschnitt Unerwünschte Wirkungen (Link)

[11] Wikipedia-Beitrag zu Erkältungskrankheiten (Link)

[12] Wikipedia-Beitrag zur echten Grippe (Link)

[13] NN: Forscher finden Erklärung für verheerende Pandemie, Spiegel-Online vom 29.04.2014 (Link)

[14] Wikipedia-Beitrag zu Erkältungskrankheiten, Abschnitt zu Krankheitserregern (Link)

[15] Mathie RT, Frye J, Fisher P. Homeopathic Oscillococcinum® for preventing and treating influenza and influenza-like illness. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 12. Art. No.: CD001957. DOI: 10.1002/14651858.CD001957.pub5. (Link zum Volltext)

[16] Rottey EED, Verleye GB, Liagre RLP: Het effect van een homeopathische bereiding van micro-organismen bij de preventie van griepsymptomen. Een gerandomiseerd dubbel-blind onderzoek in de huisartspraktijk. Tidschrift Int. Geneeskunde (1995); 11(1):54-58

[17] Chakraborty PS, Lamba CD, Nayak D et al: Effect of individualized homeopathic treatment in influenza like illness: A multicenter single blind, randomized, placebo controlled study, indian Journal of Research in Homeopathy (2013); 7(1): 22-30 (Link zum Volltext)

[18] Brydac LB, Denys A: The evaluation of humoral response and the clinical evaluation of a risk-group patients‘ state of health after administration of the homeopathic preparation Gripp-Heel during the influenza epidemic season 1993/94, Int Rev Allergol Clin Immunol 1999; 5(4): 223-227 (Link zum Volltext)

[19] Webseite des DZVhÄ zum Thema Impfen (Link)

Sämtliche Links am 1. und 2.3.2017 abgerufen.

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6 Kommentare zu Gegen Grippe vorbeugen – Carstens-Stiftung vs. Fakten

  1. Pingback: Homöopathie und Grippe @ gwup | die skeptiker

  2. Joseph Kuhn sagt:

    Bei solchen „Studien“ befremdet nicht nur die bekannte fröhliche Ignoranz gegenüber den Naturwissenschaften in der Homöopathie, sondern auch die Dreistigkeit, mit der so etwas zur Publikation eingereicht und von Reviewern auch noch akzeptiert wird. Der Thieme-Verlag sollte sich einmal überlegen, ob man Wissenschaftsverlag sein will oder mit Kopp konkurriert.

  3. Mal wieder absolut haarsträubend. Facepalm. Was soll man zu jemand sagen, der nicht imstande ist, den Unterschied von Influenza und grippalem Infekt zu realisieren, aber unter der Flagge „Leitung des Referats ‚Homöopathie in Forschung und Lehre‘ der Carstens-Stiftung“ Fachartikel veröffentlicht?
    Sofort sprang mich die Frage an, was denn diese Studie unter Impfreaktionen versteht. Zumal die Texte suggerieren, es handele sich hier um etwas ganz Übles. Dabei ist eine Bandbreite von einem kleinen Loch in der Haut mit minimal geröteter Umgebung bis hin zur Änderung der Windrichtung an der holländischen Küste denkbar.
    Warum hat mich keiner gefragt? Ich bin geimpft als Risikogruppenmitglied, habe gleichwohl einen satten grippalen Infekt hinter mir. Ich ertrug ihn mit stoischer Gelassenheit (wie sicher auch Norbert Aust den seinen), ohne auf die Idee zu kommen, irgendeine Verbindung zur Grippeimpfung herzustellen.
    Da bin ich Behnke offenbar weit voraus. Und ich habe nicht mal bei Walach promoviert.

  4. Pingback: Psiram » Psirama – Der Psiram-Wochenrückblick (KW09, 2017)

  5. AlteWeser sagt:

    Auf der Seite der Carstens Stiftung: „…32.000.000 € flossen seit unserer Gründung in die Erforschung der Komplementärmedizin!…

    32 Millionen Euro…
    25 Jahre…

    Ergebnis: Noch immer kein Wirksamkeitsnachweis für die Homöopathie. Aber immer wieder wird „mehr Forschung“ verlangt. Unsinn!

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