Homöopathie für Skeptiker und Neugierige…

… lautete der Titel eines Vortrages mit anschließender Diskussion, der am 12.12.2014 in der Berliner Urania stattfand. Außer mir hatten sich auch einige Berliner Skeptiker eingefunden. Hier ein kommentierter Bericht.

In Kürze

Der Vortrag versprach mit seinem Titel wesentlich mehr, als er inhaltlich bieten konnte. Wer Argumente erwartete, die dem nach Evidenz suchenden Skeptiker neue Denkanstöße bieten könnten, oder die zumindest die Kritik an der Homöopathie hätten in der Sache widerlegen können, sah sich enttäuscht. Neben der ausufernden Darlegung von in dieser Hinsicht wenig relevanten Sachverhalten wie die Auseinandersetzung mit dem Begriff des Skeptizismus oder dem Verlesen einer Fallstudie aus dem von den Vortragenden in diesem Jahr veröffentlichten Buch, gab es nur Ergebnisse aus einer seit Längerem bekannten Studie zur homöopathischen Behandlung von ADHS. Hierzu wesentliche Informationen, wie zum Beispiel einfach den Zahlenwert des Ergebnisses, waren auch auf Nachfrage nicht verfügbar. Einige Angaben erwiesen sich als völlig unzutreffend, etwa, dass die generelle Studienlage klar die Wirksamkeit homöopathischer Behandlungen bei ADHS zeige oder dass die zitierte Studie mehrere Forschungspreise erhalten hätte. Es wurden sogar Ergebnisse präsentiert, die es augenscheinlich nie gegeben hat. Glaubte man wirklich, damit ein skeptisches Publikum, das man mit dem Vortragstitel eingeladen hatte, überzeugen zu können? Oder haben die Vortragenden den Realitätsbezug verloren?

Letztendlich hat man hiermit der Homöopathie einen Bärendienst erwiesen. Oder was ist davon zu halten, dass man dies offenbar für das Überzeugendste hält, das man den Argumenten der Kritiker entgegenstellen kann?

In Länge

Der Vortrag bot in erstaunlich großer Zahl Ansatzpunkte zur Kritik. Ich beschränke mich im Folgenden auf die wesentlichen Punkte, die sich direkt auf die Wirksamkeit der Homöopathie oder die Studien beziehen. Dennoch sind das sehr viele Punkte und man läuft etwas Gefahr, dass in der Auseinandersetzung damit der eigentliche Vortragsinhalt nicht mehr erkennbar ist. Daher sei eine Inhaltsangabe vorangestellt.

Übersicht und Vortragsinhalt

Prinzipiell ist es ja sehr erfreulich, dass jemand aus der Homöopathenszene den Dialog mit den Kritikern sucht und sich in Wort und Schrift an die Homöopathie-Skeptiker wendet. Insbesondere, wenn in der Ankündigung auch die Möglichkeit zur Diskussion extra betont wird. Eine sachliche Auseinandersetzung zum Thema kann eigentlich nur dazu führen, die aufgeladene Emotionalität zu entspannen, mit der dieses Thema üblicherweise diskutiert wird. Also habe ich die durchaus beträchtlichen Kosten einer Reise von der Südwestecke Deutschlands nach Berlin nicht gescheut, um mir am 12.12.2014 den Vortrag ‚Homöopathie für Skeptiker und Neugierige‘ in der Berliner Urania anzuhören.

Der Vortrag wurde von Frau Dr. Schlingensiepen-Brysch und ihrem Sohn, Mark-Alexander Brysch gehalten. In diesem Jahr war bereits ein Buch der gleichen Autoren mit ähnlichem Titel erschienen (‚Homöopathie für Skeptiker – Wie sie wirkt, warum sie heilt, was belegt ist‘), das einige inhaltliche Kritik erregt hatte (hier und hier). Frau Dr. Schlingensiepen trat auch in der Fernsehsendung ‚Hart aber Fair‘ vom 31.3.2014 auf, die ebenfalls ein kritisches Echo hervorrief (hier und hier).

Zum Vortrag selbst fanden sich etwa 60 Zuhörer in der Urania ein, darunter auch eine Reihe von Mitgliedern der Berliner Gruppe der Gesellschaft für die wissenschaftliche Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) und des skeptisch eingestellten Umfeldes. Auf der Bühne fand sich eine Sitzgruppe, von der aus der Vortrag gehalten wurde, ohne jede weitere visuelle Unterstützung durch Grafiken oder sonstige Hilfsmittel.

Die Ziele, die die Vortragenden erreichen wollten, blieben etwas im Unklaren. Ich gehe davon aus, dass es darum ging, den Kritikern der Homöopathie überzeugende Argumente für die Wirksamkeit dieser Methode zu liefern oder die Gegenargumente zu entkräften. Allerdings erschien nicht der ganze Vortrag auf eine solche Zielvorstellung ausgerichtet.

Es wurde abgefragt, wie viele der Zuhörer sich als Skeptiker und Neugierige sahen, soweit erkennbar meldete sich die weit überwiegende Mehrzahl der Zuhörer, auch Frau Schlingensiepen selbst, was angesichts des weiteren Verlaufs doch etwas verwundert. Es folgte einer Betrachtung zu den Begrifflichkeiten der Skeptik und des Skepizismus – ‚Anerkennung der Fehlbarkeit allen Wissens‘, man möchte hinzufügen ‚folglich auch des eigenen‘. ‚Alle Schwäne sind weiß‘, dieses Beispiel, an dem Karl Popper das Prinzip der Falsifikation darstellte, wurde ausführlich betrachtet, wobei aber der Sinn nicht ganz klar wurde, auch nicht der Poppers.

Ausgehend von der Einsicht, dass sich die Kritik an der Homöopathie hauptsächlich auf die Tatsache abstützt, dass in den besonders wirksamen Mitteln keine Betandteile der Ausgangsstoffe enthalten sind, wurde angeführt, dass es neuere Untersuchungen gibt, in denen mit Hilfe der NMR-Spektroskopie unterschiedliche Strukturen in Hochpotenzen und gleich behandeltem reinen Wasser gefunden wurden.

Der Zweck der danach aus dem Buch vorgelesenen Fallstudie (‚Noah ohne Arche‘, S. 36 ff) blieb etwas im Dunkeln, denn bekanntermaßen sind Fallstudien als Nachweise einer Wirksamkeit nicht belastbar, was auch die Vortragenden so darstellten.

Danach kam man auf Studien zu sprechen, zunächst darauf, dass eine große Studie mit vielen Teilnehmern eher auf einen kleinen zu untersuchenden therapeutischen Effekt hindeute. Wenn es jedoch gelingt, einen Effekt mit einer kleinen Studie zu erzielen, dann deute das auf einen starken Effekt hin.

Dann endlich wurde auf eine Studie eingegangen, aus der nach Ansicht der Vortragenden die Wirksamkeit der homöopathischen Behandlung ganz klar hervorginge. Dabei handelte es sich um die hier auf diesem Blog schon betrachtete Studie von Frei et al. aus dem Jahr 2005, in der die Wirksamkeit bei ADHS untersucht wurde. Ebenso die angeschlossene Langzeitstudie, in der die Teilnehmer über weitere zehn Jahre betrachtet wurden.

Insgesamt sei Forschung ja ungemein wichtig, ein Konzept wie die Scientabilität könne da nur kontraproduktiv sein. Letztendlich sind die Quantenphysiker sich offenbar einig, dass man die Naturgesetze erst zu einem kleinen Teil kenne. Deshalb sei es recht skurril, wenn man weitere öffentlich finanzierte Forschung zur Homöopathie davon abhängig machen wolle, ob es für die Wirksamkeit der Homöopathie ein naturwissenschaftlich plausibles Erklärungsmodell oder entsprechende Grundlagenversuche gibt.

In der Diskussion schließlich wurden einige der dargestellten Punkte weiter vertieft.

Insgesamt bleibt man etwas ratlos zurück. Das war es jetzt? Dies sind die Antworten auf die Argumente der Kritiker? Mit dieser Sammlung von leicht überprüfbaren Fehlinformationen und unzutreffenden Behauptungen haben die Vortragenden nicht nur ihre eigene Glaubwürdigkeit nachhaltig erschüttert, sondern auch der Homöopathie einen Bärendienst erwiesen. Wenn dies die besten Argumente sind – wie sehen dann erst die weniger starken aus? Gerade dass man offenbar auf derartig windige Vorgehensweisen zurückgreifen muss, um zu überzeugen, bestätigt den Zweifel an der Homöopathie als einer wirksamen Therapieform.

Kritikpunkte

Einen Vortrag im Nachhinein zu kritisieren, insbesondere Aussagen aus einer Diskussion, ist vielleicht ein etwas zweifelhaftes Vorgehen. Schließlich hat der Kritiker beliebig lange Zeit, die Aussagen akribisch zu prüfen und auf Widersprüche hin zu untersuchen und vielleicht nicht ganz so gelungene Formulierungen und Irrtümer genüsslich zu zerpflücken. Andererseits haben die Vortragenden vor dem Ereignis genügend Zeit, ihre Aussagen mit den vorhandenen Belegen zu überprüfen und zu optimieren. Hier in diesem Fall war auch die Diskussion nicht so hitzig, dass größere Probleme zu erwarten gewesen wären.

Ursprünglich hatte ich angestrebt, mit Frau Schlingensiepen die Kritikpunkte zu ihrem Buch in einem Interview zu besprechen, ebenso die Kritikpunkte am Vortrag, die vermutlich hinzukommen würden. Ich hatte meinen Aufenthalt in Berlin extra recht lang gestaltet, um hier die Möglichkeit eines Termins zu bieten. Ein solcher Termin kam jedoch nicht zustande. Nachdem ich bereits lange vor dem Vortrag den Kontakt gesucht hatte, zum Schluss mehrfach und nachdrücklich, wurde ich telefonisch auf die Zeit nach der im Februar stattfindenden Tagung verwiesen. Dass eine von mir angestrebte Stellungnahme der Vortragenden zu meinen Kritikpunkten nicht erfolgte, war also nicht in meinem Sinne.

Sollte sich also hier ein Irrtum eingeschlichen haben, dann kann ich nur noch auf die Kommentarfunktion des Blogs verweisen.

Selbstdarstellung der Vortragenden

Im Vortrag wurde des Öfteren von den ’selbsternannten‘ oder ’sogenannten‘ Skeptikern gesprochen, die mit angelesenem Halbwissen meinen, die tollen Ergebnisse der Homöopathieforscher kritisieren zu können. Wer sind aber diejenigen, die da vortragen?

Wer sagt ‚Wir gehen oft den Weg der Studie‘ und spricht in der ersten Person darüber weiter? Oder wer hatte ‚während seiner Ausbildung‘ Kinder mit ADHS betreut? Ein Mediziner, wie es aus dem Vortrag zu schließen wäre? Mitnichten. Herr Brysch hat, so ist dem Klappentext des bereits angesprochenen Buches ‚Homöopathie für Skeptiker‘ zu entnehmen, Germanistik und Geschichte studiert. Ist er damit wirklich so viel näher an Fragen von Datenauswertung, Statistik und Logik als beispielsweise ein Ingenieur oder Naturwissenschaftler? Ist es wirklich richtig, mit diesem Hintergrund so zu tun, als sei man medizinischer Experte?

Auch Frau Schlingensiepen lässt durchaus den Eindruck entstehen, in der Durchführung medizinischer Studien auf erprobtes Wissen zurückzugreifen. Auf den Datenbanken der Carstens-Stiftung zur klinischen Forschung in der Homöopathie (CORE-Hom) und zur Grundlagenforschung (HomBRex) sucht man ihren Namen allerdings vergeblich. Diese Datenbanken enthalten alle Forschungsarbeiten, die irgendwie mit der Homöopathie in Verbindung stehen. Konsequenz: Frau Schlingensiepen hat zwar neben ihrer Dissertation einige Bücher zur Homöopathie veröffentlicht, als Autorin oder Co-Autorin einer klinischen Studie oder einer anderen Forschungsarbeit zur Homöopathie ist sie aber bislang noch nicht in Erscheinung getreten. Wie es aussieht, ist sie zwar ohne Zweifel Medizinerin, aber hinsichtlich klinischer Studien scheint sie auch nicht über mehr als angelesenes Wissen zu verfügen.

Studiengröße und Effektstärke

Hier und in den folgenden Abschnitten sind meine nachträglichen Kommentare zum Vortrag zur besseren Unterscheidung eingerückt und kursiv dargestellt.

Es wird in den Raum gestellt, dass es sich bei der Aussage ‚Je größer die Anzahl der Probanden desto besser das Ergebnis‘ um einen Fehlschluss handele. Letztendlich werde die Anzahl der Probanden nach der Größe des erwarteten Effekts ausgewählt. Dadurch soll vermieden werden, dass ein kleiner Effekt nicht durch wenige Ausreißer überdeckt wird. Eine große Studie sei mithin ein Hinweis darauf, dass das betrachtete Mittel kaum etwas bewirke. Wenn man also mit einer kleinen Studie ein Ergebnis zeigen kann, dann folgt hieraus eine starke Wirkung des geprüften Medikaments.

Das bedarf der Klarstellung, wie sich auch bei der persönlichen Diskussion ‚vor der Tür‘ zeigte. In der Tat ist es so, dass die Anzahl der Teilnehmer einer Studie dahingehend ausgewählt wird, dass sich bei der zu erwartenden Stärke des Effekts ein statistisch signifikantes Ergebnis ergibt. Bei den beiden Gruppen, von denen eine das zu prüfende Mittel, die andere das Placebo erhält, handelt es sich um zufällig aus der Gesamtheit aller Patienten zusammengestellte Stichproben. Je größer eine Stichprobe ist, desto genauer wird sie (wahrscheinlich) die Situation in der Gesamtheit aller Patienten wiedergeben. Wenn man einen kleinen Unterschied erwartet, etwa, weil eine entsprechende Vorstudie das zeigte, dann benötigt man eine hohe Anzahl von Probanden, damit der Stichprobenfehler im Vergleich zum Effekt hinreichend klein ist. Das hat relativ wenig mit ‚Ausreißern‘ zu tun, also mit Einzelwerten, die aus dem Spektrum der Daten herausfallen.

Demzufolge ist es tatsächlich so, dass eine hohe Anzahl von Teilnehmern einer Studie dafür spricht, dass der von den Forschern erwartete Effekt, also der Unterschied zwischen den Behandlungsergebnissen der Verum- und der Placebogruppe, nur klein ist. So weit so richtig.

Das Ergebnis einer kleinen Studie hingegen kann auf zwei Ursachen hindeuten. Es könnte natürlich tatsächlich sein, dass ein starker Effekt vorliegt. Es ist aber ebenso möglich, dass die Gruppen zu klein gewählt sind und dadurch die oben genannten zufälligen statistischen Fehler (Standardabweichung oder Standardfehler) recht groß sind, was das Gesamtergebnis erheblich verfälschen kann. Welcher von beiden Fällen vorliegt, kann normalerweise nicht aus der einen vorliegenden Studie alleine geschlossen werden.

Zur Verdeutlichung: Man stelle sich einen Sack mit 100 roten und 50 schwarzen Kugeln vor. Je mehr Kugeln man als Stichprobe entnimmt, desto sicherer kann man auf die tatsächlich vorliegende Verteilung von 2 : 1 schließen. Entnimmt man zu wenige, zum Beispiel nur zwei, dann findet man entweder zwei schwarze, zwei rote oder eine schwarze und eine rote Kugel. Man würde dann den Anteil von schwarzen Kugeln entweder zu 100 % schätzen, zu 0 % oder zu 50 %. In zwei von drei Fällen würde man einen zu großen Anteil schätzen.

Quintessenz: bei einer niedrigen Teilnehmerzahl bleibt immer unklar, ob man einen tatsächlichen Effekt gemessen hat oder ein Messfehler aufgetreten ist.

Studienlage zur Homöopathie

An einer Stelle wird ausgeführt, dass es eine gewisse Anzahl Studien gäbe, die eine Wirksamkeit homöopathischer Mittel nachwiesen, dass dies aber seitens der Kritiker mit dem Placeboeffekt erklärt und damit vom Tisch gewischt würde. Die betrachtete Studie hätte daher den Placeboeffekt näher untersucht.

Da verwechselt Brysch etwas. Eine Studie, hier gemeint eine placebokontrollierte Vergleichsstudie, vergleicht den Behandlungserfolg einer Gruppe, die das Mittel erhielt, mit dem Behandlungserfolg einer Gruppe, die ein Mittel bekannter Wirksamkeit erhalten hatte. In den meisten Untersuchungen zur Homöopathie ist dieses Vergleichsmittel ein Placebo, also ein Mittel ohne jeden Wirkstoff. Sofern eine solche Studie verblindet durchgeführt wurde und sich ein Unterschied zwischen beiden Gruppen ergab, dann enthält das Studienergebnis, eben dieser Unterschied der beiden Gruppen, den Placeboeffekt gerade nicht.

Ein Placeboeffekt kann dann vorliegen, wenn der Patient annimmt, dass er ein wirksames Mittel erhalten hätte, was in den meisten Einzelfallberichten und Fallstudien der Fall ist.

Was Brysch allerdings damit meint, die hier betrachtete Studie zu ADHS sei der Frage des Placeboeffekts nachgegangen, ist nicht nachvollziehbar. Während der Crossover-Phasen waren zwei Vergleichsgruppen definiert, die abwechselnd ihr Homöopathikum bzw. Placebo erhielten – das war es dann auch.

ADHS-Studie von Frei et al.

Es wird das Ergebnis einer Studie vorgestellt, hierzu hatte man die Studie von Frei et al. ausgewählt, bei der in Zusammenarbeit mit der Universität Bern die Wirkung einer homöopathischen Therapie bei Kindern mit ADHS untersucht wurde. Diese Studie wurde selbst schon auf diesem Blog untersucht (Link), ebenso wurde die daran anschließende Langzeitstudie von v. Ammon et al. bereits hier und hier betrachtet.

Die Studie begann mit 83 Kindern mit einer Screening-Phase und die Kinder mussten eine Verbesserung von 50 % erreichen, um in die nächste Phase zu kommen.

Das ist nicht ganz korrekt. Es musste eine Verbesserung von 50 % oder 9 Punkten erreicht werden. Damit ergab sich beileibe nicht in jedem Fall eine Verbesserung von 50 %. Zu Beginn der Screening-Phase lagen in den beiden Gruppen Werte bis zu 16 bzw. 20 Punkten vor, was auf einer Skala bis maximal 30 Punkten keine 50 %ige Verbesserung sein kann. Von daher sieht die Behandlung nicht ganz so erfolgreich aus wie aus dem dauernden Hinweis auf die 50 % Verbesserung zu schließen wäre.

70 Kinder haben diese Screening-Phase überstanden, das heißt, die geforderte Verbesserung des Befundes ist eingetreten. In der darauffolgenden doppelt verblindeten Crossover-Phase wurden zwei Gruppen gebildet, bei denen abwechselnd das vermeintlich wirksame Homöopathikum durch ein Placebo ersetzt wurde. Es wurde ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den Befunden unter Placebo und Homöopathikum festgestellt, später sogar noch als ‚hochsignifikant‘ beschrieben. Auf meine in der Diskussion gestellte Frage, wie groß denn der Unterschied zahlenmäßig gewesen war, erhielt ich von Brysch zur Antwort, dass er nicht alle Details der vorliegenden Studien im Kopf habe und dies nicht beantworten könne.

Das muss man sich jetzt einmal bildlich vorstellen. Die Vortragenden bringen als einzigen Beleg für die Wirksamkeit der Homöopathie eine bestimmte Studie, die von ihrem ganzen Design darauf ausgelegt ist, in der Crossover-Phase den Unterschied zwischen Verum und Placebo zu ermitteln, der in der Arbeit zu einer einzigen Zahl verdichtet wird. Die Vortragenden haben sich doch sicher auch auf die Diskussion vorbereitet – und wissen dann diese einzelne Zahl nicht und haben sie auch nicht verfügbar. Wie merkwürdig ist das denn?

Natürlich spart man sich auf diese Weise die lästige Diskussion über die Aussagekraft. Die vorgetragene statistische Signifikanz bedeutet ja nur, dass das Ergebnis wahrscheinlich kein Zufall ist, sagt aber nichts über dessen Bedeutung und Relevanz aus. Diese würde sich in diesem Falle etwa daraus erschließen, wenn man die viel dargestellte Verbesserung während der Screening-Phase von 50 %, entsprechend 11 Indexpunkten zum Vergleich heranzieht. Man würde erwarten, dass diese Verbesserung zum größten Teil wieder zurückgeht, wenn man das Homöopathikum durch ein Placebo ersetzt – wenn denn das Homöopathikum die Ursache für die Verbesserung war. Den 11 Punkten an Verbesserung steht aber nur ein Zahlenwert von 1,67 Punkten gegenüber, was die durchschnittliche Verschlechterung von Placebo gegenüber den homöopathischen Mitteln darstellt. Trotz aller statistischen Signifikanz liefert die Studie daher eher eine Evidenz gegen eine Wirksamkeit der homöopathischen Therapie als dafür.

Am Rande sei vermerkt, dass das Ergebnis bei Weitem nicht hochsignifikant war. Für die Spezialisten: Mit einem p-Wert von 4,8 % hat es gerade mal eben so den Grenzwert von 5 % erreicht. Hochsignifikant wäre anders, nämlich etwa p < 0,1%.

Nach der Crossover-Phase gab es noch eine Nachbetrachtungs-Phase und danach konnten sich die Kinder freiwillig noch über viele Jahre, bis jetzt etwa 10 Jahre, weiter beobachten lassen. Eine Nachfolgestudie sei auch in Planung, ‚was manchen überhaupt nicht gefällt‘.

Wem sollte das nicht gefallen? Sind wieder wir bösen Skeptiker gemeint?

Danach geht Frau Schlingensiepen selbst auf die Vermutungen ein, es könne sich bei den Effekten um die Wirkungen paralleler Therapien handeln. Einer der Versuchsleiter habe ihr bestätigt, dass nur Kinder, die keine parallelen Therapien erhalten hätten, in die Crossover-Phase aufgenommen werden durften. Es hätten also alle parallelen Therapien aufgegeben werden müssen. Dass dies ethische Probleme ergeben haben könnte, wurde mit der Begründung verworfen, es sei bei solchen Studien immer so, dass man nur eine Therapie betrachte.

Ich habe den Eindruck, dass sich diese Aussagen auf die in meinem Blog geäußerte Kritik an dieser Studie beziehen. Darin werden andere denkbare Effekte genannt, die einzeln oder in Kombination die Verbesserung der Symptome während der Screening-Phase verursacht haben könnten. Außer den hier angesprochenen möglichen parallelen Therapien hatte ich den in der offenen Phase sicher wirksamen Placeboeffekt angeführt, sinngemäß auch einen natürlichen Verlauf, wenn die Familie nach der Diagnose das Kind anders wahrnimmt und lernt, mit dem Problem zu leben.

Zudem ist es die Frage, was man unter ‚Therapie‘ oder ‚Behandlung‘ versteht. Frei hat im Text der Studie allgemein nur parallele Behandlungen ausgeschlossen, ohne dies weiter zu spezifizieren. Klar ist damit gemeint, dass keine parallele medikamentöse Behandlung mit Ritalin stattfand, aber ob auch nicht- medikamentöse (Verhaltens-)Therapien gemeint sind, ist offen.

Wenn unter dem Begriff ‚Therapie‘ nur die Einwirkung auf die betroffene Person verstanden wird, die die Verbesserung des Zustandes zum Ziel hat, dann sind ganz sicher keine Maßnahmen darin enthalten, die darauf zielen, dass die Umgebung mit dem Problem besser umgehen kann. Also wenn die Familie lernt, den verbundenen Stress besser abzubauen oder die Anlässe für einen Wutausbruch zu vermeiden und dazu Hilfe von außen in Anspruch nimmt. Zugegeben, ich hatte den Begriff ‚Therapie‘ in meinem Blogbeitrag vielleicht nicht ganz klar definiert. Ich halte es aber nach wie vor für unethisch, wenn man der betroffenen Familie auf Jahre hinaus (die Studie zog sich über mehrere Jahre hin) die Unterstützung verweigern würde, mit dem Problem besser umzugehen. Dass solche Maßnahmen sich dann auch in der Bewertung der Situation des Kindes niederschlagen würden, dürfte wohl unstrittig sein.

Die Skeptiker müssten sich mit den Studienlagen zu ADHS oder auch allgemein einmal näher mit Studien beschäftigen, wird vorgetragen. Im Verlauf der späteren Diskussion wird noch darauf hingewiesen, dass dies ja nicht die einzige Studie sei, die sich mit der homöopathischen Therapie bei ADHS beschäftige, sondern dass es eben eine ganze Reihe gäbe, die eine erfolgreiche homöopathische Behandlung belegten.

Da hätten die Vortragenden sich wohl mal besser selbst mit der Studienlage beschäftigt:

Zur homöopathischen Behandlung von ADHS gibt es ein Cochrane-Review aus dem Jahr 2007 [1], das alle bis dahin veröffentlichten Studien zum Gegenstand hat. Cochrane-Reviews sind zusammenfassende und systematische Betrachtungen und Bewertungen der zu einem bestimmten Thema vorliegenden Studien. Sie stellen nach allgemeiner Übereinkunft die beste und zuverlässigste Information dar, die die Medizin weltweit zu bieten hat. In das Review zu ADHS sind insgesamt vier Studien eingeflossen, darunter auch die hier betrachtete Studie von Frei et al. Man kommt zu folgendem Ergebnis:

„Wesentliche Ergebnisse
Die bis heute betrachteten Formen der Homöopathie lassen bei ADHS nicht auf signifikante Wirkungen einer Behandlung der generellen Symptomatik, der wesentlichen Einzelsymptome wie Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität oder Impulsivität oder der damit verbundenen Erscheinungen wie Ängstlichkeit schließen.

Schlussfolgerung des Autors
Gegenwärtig gibt es wenig Evidenz für eine Wirksamkeit der Homöopathie bei ADHS. Bevor weitere randomisierte kontrollierte Studien durchgeführt werden, sollten optimale Vorgehensweisen für die Behandlung entwickelt werden.“

(Übersetzung von mir).

Nach 2007 ist nach den Angaben der CORE-Hom Datenbank der Carstens-Stiftung nur noch eine Arbeit zur homöopathischen Behandlung von ADHS in einem Fachjournal mit Peer-Review erschienen. Dabei handelt es sich um eine Pilotstudie von Razlog et al. aus dem Jahr 2012 mit sehr kleiner Teilnehmerzahl, deren Ergebnisse zwar positiv sind, aber der Überprüfung durch eine große Studie bedürfen.

Quintessenz: Die Studienlage ist bei weitem nicht so positiv, wie hier vorgetragen wurde.

Frau Schlingensiepen ergänzt, dass es mehrfache Crossovers, also Wechsel zwischen Placebo und Verum, gegeben hätte, wobei die festgestellten Unterschiede immer signifikanter geworden seien. Beim ersten Crossover sei es noch so gewesen, dass es allen Kindern schlechter ging, dies sei aber bei den nächsten Wechseln weniger geworden. Dieser Nocebo-Effekt sei darauf zurückzuführen, dass die Kinder eben wussten, dass jetzt die Corssover-Phase begann. Im Laufe der verschiedenen Crossovers sei es aber den Kindern gelungen, zu unterscheiden, ob sie Placebo oder Verum erhielten. Zwei Drittel der Kinder hätten mit dieser Aussage richtig gelegen. Im Verlauf der Diskussion hatte ich nachgefragt, wo denn über diese anderen Crossover-Phasen berichtet wird, in der Arbeit von Frei taucht nur eine Crossover-Phase auf, also beide Gruppen erhielten je nur einmal Verum und nur einmal Placebo. Ich erhielt zur Antwort (Brysch), dass es tatsächlich nur ein Crossover gegeben hätte.

Erstaunlich, nicht? Frau Schlingensiepen berichtet also recht ausführlich und mit recht konkreten Zahlenangaben über Ergebnisse, die es offensichtlich gar nicht gibt. Das ist unfassbar, mir fehlen die passenden Worte das zu kommentieren. Bin ich jetzt auch ‚zu polemisch‘, wie Frau Schlingensiepen die Skeptiker sieht, wenn ich daraus auf die Glaubwürdigkeit der gesamten Ausführungen schließe? Irren kann sich jeder, das ist kein Problem. Aber über offenbar nicht existente Ergebnisse detailliert zu berichten, geht weit über das akzeptable Maß eines Irrtums hinaus.

Ein Crossover-Design, also eine Studie, bei der Placebo- und Verumgruppe im Verlauf der Untersuchung die Rolle tauschen, sei der wahre Gold-Standard der Studien zum Wirkungsnachweis, noch höher zu bewerten als die immer wieder geforderte placebokontrollierte verblindete Vergleichsstudie, mithin der höchste Standard, den es für medizinische Untersuchungen gibt.

Dem ist eher nicht so.

Eine Crossover-Studie hat den Vorteil, dass jede Versuchsperson beide Therapiemöglichkeiten durchläuft, die Behandlung der Gruppen unterscheidet sich nur in der Reihenfolge, in der Verum und Placebo eingenommen werden. Somit kann im Idealfall jeder einzelne Patient seine eigene Kontrollgruppe sein, was die Teststärke erhöht. Allerdings ist das nur der Fall, wenn sich die Umgebungsbedingungen nicht sonderlich ändern, also wenn die Crossover-Phasen nur kurz sind. Im Gegensatz zur normalen placebokontrollierten Studie ergibt sich überdies das Problem, dass die Nachwirkung des Medikaments die nächste Phase beeinflusst (‚Carry-Over-Effekt‘), wie die Studienautoren dies auch hier als eine Erklärung für die nur geringen Unterschiede anführen.

In der Literatur (Link) wird die Crossoverstudie daher nur für die Phase I der Medikamentenzulassung empfohlen, wenn es darum geht, Verträglichkeiten zu überprüfen und pharmazeutische Daten zu ermitteln. Für den Wirkungsnachweis (Phase III) wird die verblindete und randomisierte Vergleichsstudie gefordert.

Dann berichtet Frau Schlingensiepen über die nachfolgende Langzeitstudie, die ebenfalls hier auf dem Blog schon angesprochen wurde. Etwa fünfzig Kinder würden sich immer noch regelmäßig der Kontrolle unterziehen, nunmehr 15 Jahre nach Beginn der Studie, und es ginge ihnen immer noch besser. Frage: Besser als was? Das Ergebnis sei sehr, sehr gut.

Neben den oben schon angeklungenen Fragen zur Anzahl der Crossover-Phasen und dem Zahlenwert des Ergebnisses wollte ich dann von den Vortragenden wissen, was in der Studie gemessen worden ist, und warum in den Nachfolgestudien berichtet wird, dass relativ viele Kinder die homöopathische Behandlung zugunsten der konventionellen Medizin aufgegeben haben.

Es wurde erklärt, dass selbst heute noch 50 Kinder in der Nachbeobachtungs-Phase wären und viele Kinder total ausgeheilt seien. Dagegen finde man, dass Kinder mit Ritalin nicht ausheilen.

Wie in diesem Blogbeitrag näher erläutert, wurden 10 Jahre nach Ende der Crossover-Phase 56 der Teilnehmer einer Nachbetrachtung unterzogen. Man fand, dass 38 davon keine Behandlung mehr benötigten, von den übrigen 18 Probanden waren 12 ganz oder teilweise zur Behandlung mit Ritalin zurückgekehrt. Ob bzw. bei wie vielen der 38 nicht mehr behandlungsbedürftigen Probanden dies ebenfalls der Fall war, wird nicht berichtet.

Zu Beginn der grundlegenden ADHS-Studie waren die Kinder 7 bis 15, im Schnitt 10 Jahre alt. Zum Zeitpunkt der Nachbetrachtung waren die Probanden demzufolge mindestens 18 bis 26 Jahre alt (ein Jahr Grundstudie, zehn Jahre Nachbeobachtung). Die allermeisten dürften damit die Pubertät durchlaufen haben. Die Bundesärztekammer gibt in einer 2005 erschienenen Veröffentlichung an, dass beim Durchlaufen der Pubertät bei 60 bis 70 % der Fälle eine Remission eintritt, die Krankheit also ‚ausheilt‘ (Quellenangaben s. Blogbeitrag).

Mithin sind die durch die homöopathische Behandlung reklamierten langfristigen Erfolge, dass die Beschwerden nur bei der Homöopathie ausheilen, nicht stichhaltig. Da Ritalin ADHS nur symptomatisch behandelt und nicht heilt, ist darin, dass rund zwei Drittel der Kinder inzwischen herausgewachsen sind, ein natürlicher Krankheitsverlauf zu sehen – und kein besonderer Behandlungserfolg.

Meine Kritik an dem Messverfahren sei unberechtigt, denn der verwendete Index (CGI) werde auch bei Studien mit Ritalin angewandt. Die Studie sei vom Design und vom Ergebnis her Studien, die Ritalin untersuchten, sehr ähnlich. Die Kritik an den Homöopathiestudien anhand von Detailfragen generell sei unter anderem auch deshalb nicht nachvollziehbar, weil in den schulmedizinischen Studien die gleichen Probleme auftreten. Man müsse sich an den Standards der evidenzbasierten Medizin orientieren.

Es gibt einen ganz beträchtlichen Unterschied zwischen Studien, die Ritalin untersuchen, und der hier betrachteten Untersuchung zur homöopathischen Behandlung. Dieser liegt in der Größe des gemessenen Effekts. Wenn Ritalin gegen Placebo untersucht wird, dann treten ganz erhebliche Unterschiede auf, etwa wie hier in der Screening-Phase mit 11 Punkten. Während der Crossover-Phase aber ging es um recht geringe Unterschiede, genau um 1,67 Punkte auf einer Skala von 0 bis 30. Der CGI-Index, der zum Messen verwendet wurde, ist aber für kleine Differenzen von schätzungsweise weniger als 5 Punkten ziemlich ungeeignet. Ähnlich wie ein Zollstock sich absolut bewährt, wenn man Balken auf den Zentimeter genau zuschneiden will. Für einen Uhrmacher aber, der auf einen Hundertstel Millimeter genau arbeiten muss, ist er nicht zu gebrauchen. Details, warum der CGI-Index für kleine Differenzen wenig geeignet ist, finden sich im genannten Blogbeitrag.

Zudem sei diese Studie anders als übliche Studien fünffach verblindet, nicht nur doppelt, wie es dem Standard entspricht. Dies sind die Kinder, die Eltern, die Therapeuten, die Auswerter und die Neuropsychologen, die die Kinder untersuchten.

Ja und wenn der Straßenbahn- oder Busfahrer das auch nicht wusste, alle Onkel Tanten, Lehrer, Brüder, Schwestern, dann war die Studie hundertfach verblindet oder was?

Quark.

Es gibt in einer klinischen Studie drei Gruppen von Menschen: die am Test teilnehmenden Personen (hier Kinder und deren Eltern), das sie betreuende klinische Personal und diejenigen, die die Studie auswerten. Je nachdem, welche der Gruppen in Unkenntnis darüber ist, wer Placebo oder Verum erhält, spricht man von einfacher, zweifacher, oder im Maximum dreifacher Verblindung. Die hier betrachtete Studie von Frei et al. trägt im Titel die Bezeichnung einer doppelt verblindeten Studie, was allerdings nur für die Crossover-Phase zutrifft. Während der bei Weitem längsten Zeitdauer waren aber Alle informiert, dass die homöopathischen Mittel eingenommen wurden – die Studie war also zumeist unverblindet.

Ja, und als es um die Ergebnisse der Neuropsychologischen Untersuchungen ging, dann kam das Killerargument, ich sei ja schließlich kein Mediziner. Schließlich habe die Studie ja lauter Preise gewonnen, ganz frisch sogar einen Preis von der Pharmazeutischen Industrie, die schließlich etwas von Wirkungsnachweisen versteht. Halbwissen reiche da einfach nicht aus, das zu beurteilen.

Gut, dann schauen wir mal, was ein Nicht-Mediziner mit seinem Halbwissen so zuwege bringt, mit seinem Wissen über Forschungspreise zum Beispiel, oder seinem Wissen darüber, wie man solche Aussagen überprüft.

Das Institut für Komplementärmedizin der Universität Bern unterhält eine Webseite, auf der die Preise präsentiert werden, die man für die Forschungsarbeiten erhalten hat (Link). Darin findet man folgende in diesem Zusammenhang relevanten Preise aufgelistet:

  • Klaus von Ammon, Heiner Frei et al., 2001, Studienkonzeption zur Untersuchung der Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel bei Kindern und Jugendlichen mit Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität (Attention Deficit Hyperactivity Disorder ADHD)
  • Klaus von Ammon, 2008, ‚Langzeitverlauf und Kosten homöopathischer Therapie bei aufmerksamkeitsgestörten Kindern mit und ohne Hyperaktivität‘
  • Klaus von Ammon, 2011, ‚Bildgebung bei Kindern mit ADHS‘
  • Klaus von Ammon und alle Autoren, 2013, „Klassische Homöopathie ist wirksam und kostengünstig bei hyperaktiven Kindern – 10-Jahres-Ergebnisse aus einer Kinderarztpraxis“ , vergeben vom Institut für Hausarztmedizin der Uni Basel und finanziert von der Sandoz AG. Dass Wissenschaftler, die auf dem Gebiet der Homöopathie forschen, einen Preis erhalten, der ausgerechnet von einem wirklichen Global Player von Big Pharma finanziert wird, entbehrt nicht einer gewissen Komik, denn genau dies ist es ja, was man uns Homöopathiegegnern immer gerne vorwirft. Genaueres in diesem Blogbeitrag hier.

So weit das Auge reicht, kein Förder- oder Forschungspreis für die ADHS-Studie von Frei et al., die hier besprochen wurde. Dass das mit den Preisen selbst auch so eine Sache zu sein scheint, ergibt sich aus der Tatsache, dass man von den hier prämierten Arbeiten keine Langfassungen findet, auch bei intensiver Suche auf Google Scholar und in den Datenbanken der Carstens-Stiftung nicht. Scheinbar wurden sie nicht in einem der einschlägigen Fachmagazine veröffentlicht. Auch auf der institutseigenen Veröffentlichungsliste sucht man diese Arbeiten vergebens (Link).

Die Studie sei ja nun auch nicht in irgendeinem Blog veröffentlicht worden, sondern in einem renommierten Fachmagazin. Dass man dies geschafft habe, spreche für die Qualität der Studie. Und dann berief sich Frau Schlingensiepen auf ihren Lehrer Otto Creutzfeld, der strenge Forschungsmaßstäbe angelegt hätte. Solch hohe Ansprüche an sich selbst finde man heute nur noch bei den richtig guten Homöopathieforschern.

Nun ja. Dem ist dann nichts mehr hinzuzufügen.

Erfolgsquote

Ein Zuhörer wollte wissen, welche Erfolgsquote Frau Schlingensiepen in ihrer Praxis erreicht. Sie führte aus, dass die Behandlungsdauer in der Regel bei acht bis zehn, ja bis zu zwölf Jahren liege. Bei der Quartalsabrechnung werte sie regelmäßig ihre Fälle aus. Sie käme im Schnitt in 80 bis 85 % der Fälle zu einer Verbesserung, wobei sie heute nur sehr schwere Fälle behandle.

Nehmen wir an, diese Angaben stimmen tatsächlich, das heißt, dass Frau Schlingensiepen bei den von ihr ausschließlich angenommenen sehr schweren Erkrankungen in einer mehrjährigen Laufzeit in über 80 % der Fälle Verbesserungen feststellt. Bedeutet dies, dass es die homöopathische Behandlung war, die den Erfolg herbeigeführt hat?

Wir wissen nicht genug darüber, um welche ’sehr schweren Erkrankungen‘ es sich handelt. Aber gerade hier gibt es den Effekt der Regression zur Mitte, das heißt, dass extreme Zustände nicht auf Dauer aufrecht erhalten werden. Entweder der Patient verstirbt oder es kommt irgendwann zu einer Verbesserung der Situation. Gerade wenn die homöopathische Anamnese – sofern Frau Schlingensiepen in ihrer Form der Homöopathie dies überhaupt vornimmt – nur verbale Beschreibungen der Symptome umfasst, kann es schon alleine aufgrund eines Gewöhnungseffekts des Patienten zu einer subjektiv empfundenen Verbesserung kommen. Insbesondere, wenn man den Patienten lange genug beobachtet. Ich glaube gerne, dass ein Therapeut dies zwangsläufig auf seine Therapie bezieht und demzufolge von der Wirksamkeit überzeugt ist – es kann sich aber durchaus um einen Fehlschluss handeln, wenn man andere denkbare Effekte nicht in die Betrachtung einbezieht.

Schlussfolgerung

Kein einziges Argument der Vortragenden zur Studienlage und zu den Studienergebnissen hält einer Überprüfung stand. In erstaunlich hohem Umfang erweisen sich die Angaben als unzutreffend, sei es die generelle Studienlage betreffend oder auch die Ergebnisse der ohnehin schon fragwürdigen Arbeiten von Frei und von v. Ammon. Irgendwie ist es schwierig, sich vorzustellen, dass man sich mit der Veranstaltung an ‚die Skeptiker‘ wendet, die ohnehin recht hohe Ansprüche an überzeugende Fakten stellen, um dann bewusst Fehlinformationen zur Argumentation zu verwenden. Dann bleibt nur als Konsequenz, dass die Vortragenden in recht hohem Maße den Realitätsbezug verloren haben und in einer eigenen Scheinwelt leben.

Überzeugend war das jedenfalls nicht.

Danke…

… an die Berliner Skeptiker für den freundlichen Empfang und die intensive Diskussion zum Thema, die mir wertvolle Impulse für diesen Beitrag geliefert hat.

Literatur

[1] Heirs M, Dean ME. Homeopathy for attention deficit/hyperactivity disorder or hyperkinetic disorder. Cochrane Database of Systematic Reviews 2007, Issue 4. Art. No.: CD005648. DOI: 10.1002/14651858.CD005648.pub2. (Edit 24.09.2015 Link zum Volltext erloschen; Link zum aktualisierten Volltext)

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13 Antworten auf Homöopathie für Skeptiker und Neugierige…

  1. Jan Dieckhöfer sagt:

    Vielen Dank für Ihr Engagement und die intensive Recherche!
    …“positive Ergebnisse in kleinen Studien = grosser Effekt“…
    ….“5-fach verblindet“….
    …“in einer renommierten Fachzeitschrift veröffentlicht = hohe Qualität“…
    …“Sie als nicht-Mediziner können das nicht verstehen“…

    Es scheint, als hätten die Vortragenden das ganze Spektrum der Schein-Argumente angewandt: falsch darstellen, übertreiben, simplifizieren, sich auf Autorität berufen…
    Die Veranstaltung hätte einen anderen Namen verdient: „Homöopathie für völlig Naive“.

  2. Pingback: Irene Schlingensiepen und die homöopathische Scheinwelt @ gwup | die skeptiker

  3. Rach sagt:

    Tagesschau vom 19.12.2014 – Bundesrat stimmt für die Lockerung des Kooperationsverbots. Hierbei geht es im Grunde darum, das sich der Bund zukünftig finanziell mehr in die Hochschulförderung einbringen darf, Forschungsarbeiten dabei unterstützt werden.
    Dem aufmerksamen Zuschauer dürfte wärend des Beitrages nicht der Kugelschreiber mit dem Logo der Firma Heel entgangen sein – Lobbyarbeit? Ein Schelm wer arges dabei denkt. Immerhin ist Lobbyarbeit hier nichts unbekanntes, erinnert sei hier in kleiner Rückschau an Claus Fritzsche. Man ist sich in dieser Branche für nichts zu schade.
    Zum Beitrag in der Tagesschau geht es hier: (Edit 13.1.2016: Link zwischenzeitlich erloschen.)
    Besagter Kugelschreiber mit dem Aufdruck „Heel“ dürfte wohl mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht an die aus der nordischen Mythologie bekannten Gottheit aus der Unterwelt werben. 😉
    Die Liste der Krankenkassen, welche Präparate der Firma Heel bezahlen kann ein Hinweis auf erfolgreiche Lobbyarbeit sein – http://www.heel.de/Heel-de-Erstattung.html.
    Bleibt abzuwarten, welche Melange sich hier bildet.

    • Christian Becker sagt:

      Vielen Dank an Herrn Aust.

      Zu der Heel-Verschwörung muss ich dann doch was loswerden:
      Diese Kugelschreiber gibt es häufig in Apotheken als Beigabe – nicht nur von Heel direkt.
      Ich selbst habe bei meiner Famulatur einige Heel-Kugelschreiber abgestaubt. Die schreiben wirklich gut und enthalten nicht nur homöopathische Mengen Tinte (aber vielleicht enthalten sie in Wirklichkeit homöopathisch hochpotenzierten Tintenentferner?). Meine Freundin war begeistert von diesem speziellen Heel-Produkt. 😀

      Vielleicht sollte die Firma sich einfach auf Schreibwaren verlegen. Da scheint Kompetenz da zu sein.

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  6. AlteWeser sagt:

    Einmal mehr vielen Dank für die Arbeit die Sie sich machen. Ich lese immer wieder gern mit.

    Wer mehr Hintergründe zu den Veranstaltern wissen möchte und etwas Zeit und Geduld hat zum Lesen hat: Hier gibt es eine sehr gut zu lesende und lohnende Rezension:

    http://www.amazon.de/product-reviews/B00GJBJ3WK/ref=cm_rdphist_1?ie=UTF8&filterBy=addOneStar&showViewpoints=0

  7. Dr.Rupprecht sagt:

    Herzlichen Dank für diese Recherche, aber insbesondere für Ihre Kommentare. Jeder nur halbwegs an der Naturwissenschaft interessierte würde alle Ihre Kommentare unterschreiben. Von einem Mediziner hören Sie : Ich würde mich wahnsinnig ärgern, wenn ich Geld für diese Reise ausgegeben hätte, um mit 0 positiven Informationen nach Hause zu Fahren. Für einen so in der Materie stehenden wie Sie hilft es auch nicht wirklich, zu wissen, dass es keinerlei neue Erkenntnisse gibt, die auch nur ansatzweise eine Wirksamkeit der Homöopathie bestätigen könnte.

    • Norbert Aust Norbert Aust sagt:

      … kommt auf die Sichtweise an.
      Wir hatten auch ein paar wirklich schöne Tage in Berlin und haben interessante Leute kennengelernt.
      Auch der Vortrag selbst war durchaus nicht uninteressant. Natürlich gab es keine neuen Informationen zur Homöopathie – aber die Erkenntnis, wie abgedreht die Argumentation sein kann, ist auch etwas, was ich aus zweiter Hand eigentlich nicht geglaubt hätte.

      Außerdem: Ärgern macht alt und häßlich….

      • Dominik sagt:

        „aber die Erkenntnis, wie abgedreht die Argumentation sein kann, ist auch etwas, was ich aus zweiter Hand eigentlich nicht geglaubt hätte.“

        Ich habe das Gefühl, in Zukunft darf man sich auf noch mehr Verwirrung einstellen – das verspricht zumindest mMn ein Blick in den Flyer des nächsten Homöopathie-Kongresses 2015:
        http://2015.homoeopathie-kongress.de/index.php?menuid=1&downloadid=8&reporeid=0

        „In den letzten Jahren erleben wir eine Inten-
        sivierung der Homöopathie-Kritik. Ein Grund
        mehr, von Brian Kaplan zu lernen, welche Technik
        wir Homöopathen anwenden können, um mit
        den Kritikern umzugehen – nämlich mit Humor
        und paradoxem Verhalten. Er ist ein Meister der
        „Provocative Therapy“ und es ist ein Genuss, Kaplan
        in seiner Arbeitsweise zu erleben. Auch hier wird
        es Übungen und Demonstrationen geben.“

        Weicht man jetzt von Scheinargumenten auf „Weglachen à la Schlingensiepen“ (beim Herrn Plasberg) aus? Das rauszufinden ist mir die 230€ für eine Tageskarte sicher nicht wert.

  8. Matthias sagt:

    Bei all dem kam mir gleich am Anfang der Gedanke, dass bei dieser Show nicht die Kritiker das Ziel sind, sondern nur die Außenwirkung der Veranstaltung. Also all die, die nur die Werbung dafür lesen, aber nicht dort waren. Es bleibt der Eindruck, dass sich die Homöopathie ernsthaft mit Wissenschaft und Kritik auseinandersetzt. Man hat ernsthaft interessierte für PR missbraucht.

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