Erkenntnistheorie auf Homöopathisch?

Auf der Tagung ‚Science meets Homeopathy‘ vom 12. bis 14. Februar 2015 setzte sich Marc-Alexander Brysch in seinem Vortrag ‚Homöopathie zwischen Zweifel und Dogma‘ auch mit einem Text auseinander, zumindest mit ein paar Zeilen davon, der von Frau Ute Parsch auf Amazon im Rahmen einer Rezension verfasst wurde. Im folgenden Artikel setzt sie sich damit auseinander. Ein Einblick in Wissenschaftsphilosophie…

Da nicht unbedingt davon auszugehen ist, dass Herr Brysch diesen Blog verfolgt, werde ich ihm den Artikel per Email zukommen lassen, um ihm wiederum anzubieten, hierzu Stellung zu nehmen.

Hier also die Ausarbeitung von Ute Parsch:

In Kürze

Auf der Tagung „Science meets Homeopathy“ im Februar 2015 in Berlin nannte Marc-Alexander Brysch die Aufforderung an die Homöopathen, ihre Behauptungen zu belegen, eine diskreditierende Abkehr vom erkenntnistheoretischen Hintergrund aller modernen Wissenschaft, dem kritischen Rationalismus. Wer aus dem Prinzip, man müsse kühne Theorien dahingehend untersuchen, wo man sich geirrt hat, ableitet, dass man denjenigen, der eine Hypothese aufstellt, auch nach Belegen für deren Richtigkeit frage, der habe seinen Popper nicht verstanden.

Anlass für die Äußerung war ein Zitat aus einer kritischen Rezension des Buches ‚Homöopathie für Skeptiker‘, die auf Amazon.de (Link) erschienen ist. Die Autorin der Rezension, Frau Ute Parsch, nimmt hier die Gelegenheit wahr, die kritisierten Passagen näher zu beleuchten und sich der Diskussion zu stellen.

Das Fazit ist: Nein, es ist vielmehr der Standpunkt des Skeptikers, der dem kritischen Rationalismus entspricht: Die Erkenntnis, dass unser Wissen eben nicht letztbegründbar und immer fehlerbehaftet sein kann.

Gerade wenn man sich der Möglichkeit eines Irrtums auf der einen oder der anderen Seite einer Debatte aber bewusst ist, ist es konsequent, das Gegenüber danach zu fragen, ob und wie er/sie seine Überzeugung und Aussage getestet hat. Bestand die Behauptung kritische Tests, so ist die Frage nach diesen Belegen sogar Ausdruck und erste Voraussetzung der Bereitschaft des Fragers, einen eigenen Irrtum als möglich anzuerkennen.

Erfolgte keinerlei kritischer Test, so ist eine Behauptung spekulativ – und nicht abgesichertes Wissen. Auch im kritischen Rationalismus muss man sich von reiner Spekulation nicht überzeugen lassen, erst recht nicht, wenn es Argumente im gesicherten Wissen gegen diese Behauptung gibt.

In Länge

Hintergrund

Wie sicher ist unser Wissen? Besser: Was ist wissenschaftliche Arbeit? Im Laufe der langen Zeit, in der der Mensch Wissenschaft betreibt, wurden diese Fragen unterschiedlich beantwortet.

Im Altertum bis in die frühe Neuzeit war man überzeugt, dass es möglich ist, sicheres und beweisbares Wissen über die Vorgänge der Welt anzusammeln. Man beobachtete die Vorgänge in der Natur und leitete daraus vermeintlich allgemeingültige Naturgesetze ab. Die Mathematik schien hier das Vorbild zu sein. Und so ging man davon aus, dass es verschiedene Quellen für sicheres Wissen geben kann: Logik, Deduktion oder Evidenz.

Diese Denkrichtung wird als ‚Positivismus‘ bezeichnet – und ist heute weitestgehend überholt und antiquiert.

Warum?

Erkenntnistheoretiker – also Philosophen – die es sich zur Aufgabe machten, solches Wissen zu untersuchen und seine Sicherheit nachzuweisen, erkannten nach und nach, dass jeder der vermeintlichen Wege zum letztbegründeten Wissen brüchig ist. Absolutes, sicheres Wissen über die Welt gibt es nicht – und kann es nicht geben, denn: Die Möglichkeit des Irrtums ist in die menschliche Erkenntnis immer eingebaut.

Dies berücksichtigt die heute nun übliche Betrachtungsweise des sogenannten „kritischen Rationalismus“. Sie geht ursprünglich auf den österreichisch-britischen Philosophen Karl Popper (1902 – 1994) zurück.

Nach Popper steht dem Wissenschaftler immer nur ein begrenztes Untersuchungsfeld zur Verfügung, für das er Hypothesen und Theorien aufstellen kann. Diese Hypothesen und Theorien können aber jederzeit durch eine spätere erweiterte Betrachtung oder neue Ergebnisse widerlegt werden. Genau dies ist die Grundlage der modernen Sichtweise auf die Wissenschaft:

Wissenschaftliche Erkenntnis kann nur aus Aussagen bestehen, deren Widerlegbarkeit theoretisch möglich ist, und sie gelten nur solange als gesichertes Wissen, wie genau dies nicht erfolgt ist. Wissen besteht nicht mehr aus ‚bewiesenen‘, das heißt für alle Zeit als zutreffend anerkannten Naturgesetzen, sondern aus Erkenntnissen, die trotz schärfster Überprüfung an der Beobachtung bisher nicht widerlegt (‚falsifiziert‘) werden konnten. Aber genau morgen kann der Fall eintreten, dass dies geschieht.

Ist Skepsis eine positivistische Sichtweise?

Die Frage der Pflicht, eine Hypothese zu belegen, und wer die nun trägt, der Autor oder der Kritiker, die Frage, was nachweisbar ist oder nicht und ob Skeptiker nun rückständige Positivisten sind, ist eine immer wiederkehrende Frage in der Diskussion um die Homöopathie. Der Vorwurf des Wissenschaftspositivismus an Skeptiker und die GWUP allgemein steht so im Buch „Homöopathie für Skeptiker“ und darauf spielt natürlich auch dieser Anschnitt aus dem Vortrag von Marc Alexander Brysch an:

Man brauche [von der Rezension] aber nur zwei Sätze zu lesen, um zu sehen, wes Geistes Kind die Skeptiker sind. Schreibt die doch glatt, dass Popper sagt, man müsse kühne Theorien dahingehend untersuchen, wo man sich geirrt hat, um dann daraus zu folgern, dass derjenige, der eine Hypothese aufstellt, diese auch belegen müsse. So ein Quatsch. Mehr könne man sich ja als Skeptiker gar nicht diskreditieren. Wer Popper, so wie er (Brysch jr.) als Historiker, richtig verstanden hätte, wüsste doch, dass eine Theorie so lange Bestand haben müsse, bis nachgewiesen sei, dass sie nicht zuträfe. Ich frage nach, ob das denn wirklich so sein kann, dass auch verrückte Ideen als richtig gelten könnten, bis das Gegenteil bewiesen sei, was ja gelegentlich nicht möglich sei. Er bestätigt dies…“

(Zitat aus dem zusammenfassenden Tagungsbericht, Link)

Ich würde gerne eine kleine erkenntnistheoretische Betrachtung dazu nachreichen und zitiere deshalb erst einmal den exakten Wortlaut aus meiner Rezension des Buches ‚Homöopathie für Skeptiker‘ von I. Schlingensiepen und M.-A. Brysch, auf den sich die Aussagen im Vortrag von M.-A. Brysch beziehen. (Link)

Fazit: Wissenschaft ist kein Weltbild, wie uns die Autoren weismachen wollen. Sie ist eine Methode. „Es ist die Methode, kühne Hypothesen aufzustellen und sie der schärfsten Kritik auszusetzen, um herauszufinden, wo wir uns geirrt haben.“ – So schreibt Karl Popper in „Ausgangspunkte. Meine intellektuelle Entwicklung. Deutsch von Friedrich Griese. Piper, 2. Aufl. 2006, S. 118“

Da wir Poppers Meinung zur Homöopathie nicht kennen, können wir seine Definition der „Wissenschaft“ getrost als „neutral“ ansehen. Und Popper gibt uns mit seiner Definition der wissenschaftlichen Methode den Auftrag, jeden, der eine spektakuläre Behauptung aufstellt, um stichhaltige Belege zu bitten, bevor wir ihm glauben; umso mehr, wenn bestens gesicherte naturwissenschaftliche Erkenntnisse für unseren Standpunkt sprechen. Nicht umgekehrt.“

Herr Brysch fordert in seinem Vortrag: ‚Doch, es ist umgekehrt.‘ – Und umgekehrt bedeutet hier: Wer eine spektakuläre Behauptung aufstellt, stehe nicht in der Belegpflicht, sondern dürfe das Behauptete auch ohne stichhaltige Belege als richtig verkaufen – so lange, bis ihn jemand widerlegt hat.

Leider muss ich Herrn Brysch hier widersprechen: Dieser Abschnitt der Rezension läuft keineswegs auf den mir unterstellten Wechsel zum Positivismus hinaus. Und die Umkehrung entspricht nicht mehr Poppers Verständnis von Wissenschaftlichkeit.

Das wird schnell klar, wenn wir uns ein wenig mit den Unterschieden von Allaussagen und Existenzaussagen, von Beweisen und Belegen, sowie von gesichertem Wissen und Spekulation beschäftigen.

Ich möchte das zuerst allgemein begründen, dann die Situation der Homöopathie betrachten und zuletzt auch die Frage aufwerfen, ob sich denn die Homöopathieforschung nicht selbst den Vorwurf des Positivismus gefallen lassen muss.

Zum besseren Verständnis für alle, denen diese Begriffe neu sind, eine kurze Definition: Allaussagen sind allgemeingültige Aussagen, also Sätze, die für alle Gegenstände mit einer bestimmten Eigenschaft gemacht werden. Beispiele sind „alle Massen ziehen sich an“ oder „alle Schwäne sind weiß“. Existenzaussagen sind Sätze über die grundsätzliche Existenz eines Phänomens oder Objektes. Beispiele wären „es gibt Einhörner“ oder „es gibt mindestens einen schwarzen Schwan“.

Allgemeine Betrachtung

Popper benutzt zur Verdeutlichung seiner Sichtweise ein einleuchtendes Beispiel: Aus der Beobachtung an einem Teich könnte man zu der Schlussfolgerung kommen, dass alle Schwäne weiß seien. Doch auch wenn man diese Beobachtung immer wieder bestätigt findet, auch an anderen Teichen, auch an allen Teichen einer ganzen Region oder eines ganzen Landes, ist die Schlussfolgerung nicht sicher zutreffend. Denn man kann sich nie sicher sein, ob man nicht irgendwo und irgendwann doch einen schwarzen Schwan ausfindig machen kann. Es ist unmöglich, alle Schwäne im Universum zu beobachten, daher ist es unmöglich zu wissen, dass alle ohne Ausnahme weiß sind.

Poppers berühmtes Beispiel der weißen Schwäne soll uns zeigen, dass Allaussagen (‚Alle Schwäne sind …‘) nicht als allgemeingültig wahr und zutreffend beweisbar sind. Selbst wenn wir immer nur weiße Schwäne beobachtet haben, können wir doch nicht sicher sein, dass der Satz „alle Schwäne sind weiß“ wahr ist. Es könnte irgendwo schwarze Schwäne geben. Oder rosafarbene mit grünen Sternen.

Die Schlussfolgerung daraus ist, dass Theorien, die Allaussagen machen, niemals vollständig bewiesen werden können. Wir können in der Naturwissenschaft niemals abschließend beweisen, dass eine bestimmte Theorie „wahr“ ist, wir können nur – und müssen dies auch, um wissenschaftlich zu bleiben – überprüfen, ob sie falsch ist.

Das ist das Ende des absolut sicheren Wissens. Letzte Sicherheit wird man über die allgemeine Gültigkeit einer naturwissenschaftlichen Theorie niemals haben können, weil wir sie immer nur an endlich vielen Testfällen und immer nur mit einer bestimmten Messgenauigkeit bestätigen können.

Unserem Wissen muss deshalb der unvermeidbare Makel anhängen, dass wir, wenn wir rational bleiben wollen, stets für möglich halten müssen, dass auch im bestens bestätigten Wissen Fehler sein können und Theorien irgendwann durch bessere ersetzt werden müssen.

Genau diese Erkenntnis Poppers ist die Abkehr vom Positivismus.

Der Wissenschaftler trägt dieser Tatsache oft mit Formulierungen Rechnung in der Art von ‚Nach Allem, was wir heute wissen…‘ oder ‚Nach dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft…’ Mit derartigen Formulierungen deutet der Wissenschaftler also keineswegs bereits experimentell begründete Zweifel an – oder gar, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis die eine oder andere heute im Widerspruch zum gesicherten Wissen stehende Behauptung ‚bewiesen‘ sei.

Vielmehr kann ich, wie oben gezeigt, nichts über alle Schwäne sagen, denn ich habe nicht alle Schwäne beobachtet. Die Aussage „Es gibt nur weiße Schwäne“ ist daher nicht beweisbar, sondern nur widerlegbar.

Allein: Auf diesen Punkt zielt der zweite Satz aus meiner Rezension, über den Herr Brysch sich so freut, weil er mir hier Positivismus unterstellen kann, gar nicht ab.

Dort ging es darum, dass man jemanden, der eine spektakuläre Behauptung aufstellt, um stichhaltige Belege bitten darf. Und im ganz speziellen Falle natürlich um die Frage, ob es ein homöopathisches Phänomen über die reinen Kontexteffekte der Behandlung hinaus gibt. Die Aussage „Es gibt eine Wirksamkeit der Homöopathika über Placebo hinaus“ ist aber keine Allaussage, sondern eine Existenzaussage.

Eine Existenzaussage ist nämlich aus demselben Grund wie eben erläutert nur belegbar, nicht widerlegbar

Letzteres stellt keinen(!) Wechsel zum Positivismus dar, im Gegenteil. Poppers Falsifikationskriterium beruht auf der Unmöglichkeit, Allaussagen zu beweisen.

Um eine Existenzaussage „Es gibt mindestens einen schwarzen Schwan“ abschließend zu widerlegen, müsste es mir ebenso gelingen, alle Schwäne zu beobachten, wie beim Versuch, die Aussage „Es gibt nur weiße Schwäne“ abschließend zu beweisen. Und daher ist beides nach Popper nicht möglich.

Es ist einfach nicht möglich, zu überprüfen, ob wirklich nie ein homöopathisches Mittel in allen möglichen Potenzierungsarten und -stufen tatsächlich bei keinem der vielen verschiedenen Krankheitsbilder und bei keinem Patienten eine minimalste Wirksamkeit über Placebo hinaus zeigte. Wir müssen also nach Belegen fragen, am besten reproduzierbaren Belegen, dafür dass solche Wirkungen über Placeboeffekt hinaus tatsächlich vorliegen. Und zwar auch noch in der von Homöopathen ihren Patienten gegenüber behaupteten beeindruckenden Stärke – nicht etwa am Rande der Messgrenze.

Poppers Kriterium zielt also auf die Kombination zweier Aspekte ab: unsere Unmöglichkeit, Allaussagen abschließend zu beweisen und die Erfüllbarkeit der Überprüfungspflicht.

Keinesfalls gibt Popper einen Freibrief für ungeprüfte Existenzaussagen aus, sie müssten als richtig gelten, bis sie widerlegt sind.

Existenzbehauptungen müssen (nicht bewiesen, aber wenigstens) belegt werden. Erst eine Messung bzw. der grundsätzliche Beleg für die Existenz des behaupteten Phänomens macht aus der blanken Spekulation gesichertes (nicht sicheres) Wissen und schafft die Notwendigkeit der Erklärung des Phänomens.

Im konkreten Beispiel bedeutet dies:

Die Aussage „Es gibt rosafarbene Schwäne mit grünen Sternen“ bleibt eine Spekulation, bis wenigstens ein solcher Schwan vorgewiesen ist. Und es ist unlauter, zu behaupten, die Tiere wären die besten Haustiere überhaupt, um dann in der Folge schon einmal Spezialfutter für rosafarbene Schwäne mit grünen Sternen zu verkaufen, oder teure Fachzeitschriften über deren optimierte Haltungsbedingungen zu vertreiben, bevor nachgewiesen ist, dass diese Tiere überhaupt existieren.

Die Belegpflicht liegt hier keinesfalls bei der Kundschaft, die das schöne „rosa Schwanenfutter“ nicht kaufen will – und zwar nicht trotz, sondern wegen Poppers Erkenntnis, dass wir unmöglich alle Schwäne im Universum beobachten können. Der Kunde ist also noch lange kein Positivist, wenn er ohne Belege des Verkäufers daran zweifelt, dass sich der Kauf des Futters und der Fachzeitschrift auch lohnen. Oder wenn er zumindest erst einmal Belege dafür haben möchte, dass die Biester nicht beißen oder exotische Krankheiten übertragen.

Alles andere wäre ein sinnloses Beschäftigungsprogramm für Wissenschaftler, denn man müsste nur heute behaupten, es gäbe rosa Schwäne mit grünen Sternen; morgen, es gäbe gelb-blau karierte und übermorgen rot-grün gestreifte. Jeder einzelne halbwegs der Sprache mächtige Mensch schafft es ohne Weiteres, mindestens ein Dutzend solcher Behauptungen pro Tag zu kreieren. Läge nun wirklich die Belegpflicht nicht beim Behaupter, so könnte man auf diese Weise sämtliche Wissenschaftler mit einer unmöglichen weil nie enden wollenden Beobachtung aller Schwäne beschäftigen – um dann eine neue Farbschattierung vorzuschlagen. Überall in der Naturwissenschaft wird deshalb von demjenigen, der eine Behauptung, eine Hypothese aufstellt, erwartet, dass er gute Gründe vorlegt, warum wir uns von ihm überzeugen lassen sollten.

Einstein legte beispielsweise gleichzeitig mit der Vorstellung seiner Allgemeinen Relativitätstheorie („ART“) auch vor, dass seine Formeln mit denen der Newtonschen Mechanik im klassischen Grenzfall korrespondieren – also im Rahmen der Messgenauigkeiten für den bewährten Gültigkeitsbereich der klassischen Theorie dieselben Ergebnisse liefern. Und zusätzlich belegte er, dass die neuen Formeln die Periheldrehung des Merkurs, die im Rahmen der Newtonschen Mechanik unverständlich blieb, erklären und korrekt berechnen konnten. Und darüber hinaus bot er mit konkreten Vorhersagen zu erwartender Raumkrümmungseffekte bei einer Sonnenfinsternis einen weiteren Test an, der schnell zu einer Falsifikation geführt hätte, wären die vorhergesagten Effekte nicht so eingetroffen wie vorher berechnet.

Wichtig ist, dass es für das Erzählen dieser Geschichte der ART vollkommen unerheblich ist, zu erwähnen, dass die allermeisten Physiker erst einmal in höchsten Maße skeptisch waren, als sie hörten, der junge Einstein habe eine neue Theorie der Gravitation vorgelegt. Entscheidend ist, dass Einstein mühelos die Skepsis seiner Kollegen überwinden konnte, indem er nicht nur spekulative Behauptungen aufstellte, sondern gleichzeitig erste Belege und exakt falsifizierbare Vorhersagen vorlegte.

Fazit der erkenntnistheoretischen Betrachtung

Richtig ist, dass Popper meint, wir sollen uns von dem Gedanken verabschieden, wer eine Hypothese aufstellt, muss sie auch beweisen können. Aber nicht, weil Popper die Verpflichtung zur Überprüfung aufgibt, sondern den Gedanken des allumfassenden und auf Dauer end-gültigen Beweises. Die Belegpflicht, dass es sich um eine prinzipiell nicht falsche Hypothese handelt, besteht nach wie vor.

Erst durch eine Messung, die die Behauptung reproduzierbar bestätigt, holt der Naturwissenschaftler die Spekulation ins gesicherte Wissen. Erst durch reproduzierbare Übereinstimmung der gemachten Vorhersagen mit dem Experiment bestätigt sich, dass die Behauptung zumindest nicht völlig daneben ist. Damit behaupten wir keinen Wahrheitsanspruch. Die neue Theorie bleibt genauso falsifizierbar – wie alle anderen bestätigten Theorien. Wir halten es aber mit Shakespeare: „Die guten Gründe müssen den besseren weichen.“ – Und bleiben offen für noch bessere.

Aus einer Hypothese wird eine bestätigte Theorie, wenn es für diese neue Hypothese anerkannte Belege gibt, dass sie zumindest für das betrachtete Arbeitsfeld zutrifft und eventuelle Widersprüche zu den bisherigen Erkenntnissen ausgeräumt sind, entweder indem man frühere Theorien angepasst oder verworfen hat oder die neue Hypothese solange umgeformt hat bis sich wieder ein widerspruchsfreies Erkenntnisgebäude ergeben hat.

Eine solche bestätigte Theorie hat wieder so lange Bestand, bis es uns gelungen ist, sie zu widerlegen. Das bedeutet aber nicht, dass wir blanke, unbelegte Spekulation nicht auch so nennen dürfen. Eine reine Hypothese ist weder belegt noch widerlegt, denn sie ist (noch) nicht an der Natur überprüft. Wir dürfen sie sogar unwissenschaftlich nennen, wenn sie sich der Verpflichtung zu testbaren Vorhersagen entzieht. Und falsch, wenn sie dem vorhandenen belegten Wissen widerspricht.

Nein, damit erheben wir das belegte Wissen nicht zur absoluten Wahrheit; wir erkennen aber an, dass es bessere Gründe gibt, für richtig zu halten, was sich tagtäglich bewährt, als etwas, was den sich bewährenden Aussagen widerspricht, selbst aber keine Bestätigungen vorzuweisen hat.

Wer eine Hypothese vorlegt, den dürfen wir fragen: Warum sollte mich das überzeugen?

Gerade, indem wir das Gegenüber bitten, seine Belege vorzulegen, zeigen wir uns bereit, unsere bisherigen Aussagen zu überdenken – und gegebenenfalls eine Falsifikation einzuräumen. Gerade unsere Frage „Wie hast Du Deine Aussage getestet?“ zeigt, dass wir die Möglichkeit einräumen, dass es Dinge geben könnte, die uns bisher unbekannt waren. Man zeige ein Einhorn vor, lasse zu, dass überprüft wird, dass es sich nicht um eine Fälschung sondern um eine eigene Spezies handelt – und ab sofort wird niemand mehr daran zweifeln, dass es Einhörner gibt.

Wäre man überzeugt, bereits im unumstößlichen Besitz der Wahrheit zu sein, dann machte es keinen Sinn, das Gegenüber nach Belegen zu fragen. Und genau deshalb ist die Aufforderung, die Belege, die der Andere hat, zu zeigen, kein Positivismus.

Poppers Erkenntnis bedeutet aber nicht, dass wir als notwendigerweise kritische Zuhörer die Überzeugungsarbeit des Behaupters selbst zu übernehmen hätten. Er hat zu zeigen, dass er sich ebenso bewusst ist, dass er sich irren könnte, indem er vorlegt, dass er seine Behauptung schärfstmöglich getestet hat. Denn genau so gelangt er zu den Belegen, nach denen wir fragen. Indem wir ihm die Möglichkeit geben, diese Belege vorzulegen, kann er zeigen, ob oder dass es bessere Gründe für seinen neuen Standpunkt gibt als für unseren alten. Oder er kann zumindest konkrete Testmöglichkeiten benennen, anhand derer wir dies selbst leicht feststellen können.

Bessere Gründe und konkrete Testmöglichkeiten. Nicht mehr, nicht weniger. Damit bleiben beide diskutierten Standpunkte falsifizierbar – und wir damit im kritischen Rationalismus.

Der Positivismusvorwurf des Herrn Brysch an dieser Stelle ist schlicht falsch.

Betrachten wir nun die Homöopathie

Die Homöopathie ist 200 Jahre nach ihrer Erfindung keineswegs in der Situation einer frisch vorgelegten, noch nie überprüften Hypothese.

Ähnlichkeitsprinzip und Potenzierung basieren auf einem Naturverständnis von vor 200 Jahren. In diesen 200 Jahren hat die Naturwissenschaft eine Menge Erkenntnisse in das Netz naturwissenschaftlicher Aussagen aufgenommen, die sich tagtäglich bestens bestätigen. Wenn die behauptete Wirksamkeit hochpotenzierter homöopathischer Mittel real wäre, dann müssten Stoffe in ihrer Abwesenheit eine durch sie determinierte Wirksamkeit kausal hervorrufen können. Dies steht in komplettem Widerspruch zur gegenwärtigen wissenschaftlichen Erkenntnis.

Keineswegs müssen wir für den Hinweis auf diese Widersprüche unser Theoriengebäude als „wahr“ oder „fehlerfrei“ annehmen. Wir müssen also nicht dem Positivismus verfallen.

Wir dürfen aber mit Fug und Recht auf die hohe Zuverlässigkeit der Modelle aus Atom- und Quantentheorie hinweisen, von denen Hahnemann naturgemäß keine Ahnung haben konnte. Gerade aus diesen Modellen ergeben sich heute aber Probleme für die Vorstellung einer gezielten Wirksamkeit von Stoffen in ihrer Abwesenheit. Deshalb darf ich nach der Qualität der Belege fragen, ja überhaupt nach ihrer Existenz, die mich davon überzeugen sollen, dass der „Irrtum“ eher im sich tagtäglich bewährenden Gefüge der Naturwissenschaften liegt – und nicht in der Annahme, Homöopathie sei mehr als ein Placebo.

Wir dürfen weiter darauf hinweisen, dass es innere Widersprüche im Gedankengebäude der Homöopathie gibt, sowie einander widersprechende Richtungen, die sich aber alle gleichermaßen auf „Erfahrung“ berufen. Nur hätte man bei der Erfahrung eines echten Naturphänomens überall bei in etwa denselben Regeln ankommen müssen, nicht bei komplett widersprüchlichen.

Zwei Beispiele für solche Widersprüche innerhalb der Homöopathie:

Tatsächlich verbietet Hahnemann im Organon explizit, mehr als nur ein einziges Homöopathikum auf einmal zu geben, eben das Simile. (Siehe §273 „In keinem Falle von Heilung ist es nöthig und deßhalb allein schon unzulässig, mehr als eine einzige, einfache Arzneisubstanz auf einmal beim Kranken anzuwenden.“); dennoch gibt es auf dem Markt zahlreiche erfolgreich vertriebene Komplexmittel, die nicht einmal individuell nach den Symptomen des einzelnen Patienten zusammengestellt werden, sondern wie normale Medikamente auch nach einer einheitlichen Indikation empfohlen werden. Nicht nur, dass hier keinerlei „innerdisziplinäre Diskussion“ zu erkennen ist, die Homöopathie zitiert durchaus auch Studien zu diesen Komplexmitteln ganz allgemein als Nachweis für ihre Wirksamkeit an sich (Link), gibt sich also nach außen als „die Homöopathie“.

Ein anderes Beispiel wäre die Tatsache, dass Homöopathika Umfragen zufolge zum überwiegenden Teil nicht nach Anamnese auf die individuellen Symptome abgestimmt eingenommen werden, sondern in Selbstmedikation nach Empfehlung aus dem Bekanntenkreis, Erfahrungsberichten aus Zeitschriften oder Ähnlichem. (Quelle). Nach homöopathischer Lehre müsste die Wahrscheinlichkeit, das passende Simile auf diese Weise zu erwischen, drastisch sinken. Es müsste fast unmöglich sein, per Zufall das richtige, das einzig wirksame Medikament auf diese Weise auszuwählen. Die Kunden merken aber offenbar keinen Unterschied, sonst würden sie es ja nicht so machen.

Zuletzt dürfen wir darauf verweisen, dass die Homöopathie umfangreich getestet ist. Wir haben sie fast 200 Jahre lang getestet. Mit dem Nürnberger Kochsalzversuch im Jahr 1835 haben wir eine der ersten verblindeten Testsituationen überhaupt. Die Naturwissenschaften haben sich also offen gezeigt für die Möglichkeit eines unbekannten Phänomens. Wir haben getestet, nicht unbesehen verworfen. Wir haben unseren Standpunkt damit hinterfragt.

Aber dennoch schreibt Claudia Witt 2010 (Quelle): „Bisher ist nicht eindeutig belegt, dass sich homöopathische Arzneimittel von Placebo unterscheiden“. In allen diesen Tests ist eben gerade kein stabil reproduzierbarer Effekt nachweisbar gewesen.

Und genau deshalb ist es nicht positivistisch, das sich tagtäglich bestätigende Netz der naturwissenschaftlichen Erkenntnis für das bessere Modell zu halten – und die Annahme, Homöopathie sei mehr als ein Placebo, die dieses Modell in weiten Teilen obsolet machen würde, gerade im Popperschen Sinne zu verwerfen.

Möchte die Homöopathieforschung also unter diesen Gegebenheiten ernst genommen werden und sich nicht auf dünnem Eis wiederfinden, dann muss sie vor allen Dingen eines tun: Sie muss belegen, dass sie sich seriös – also im Popperschen Sinne – mit der vorliegenden Situation beschäftigt.

Und damit bin ich bei der letzten Frage, die ich stellen möchte:

Wie wissenschaftlich ist die Homöopathieforschung?

  • Wird hier sauberes Bemühen um Erkennen und Verwerfen falscher Aussagen im Gedankengebäude der Homöopathie betrieben?
  • Gibt es eine Bereitschaft zur Falsifikation?
  • Beschäftigen sich die veröffentlichten Arbeiten mit den dringlichsten Fragen der Homöopathie, also den inneren und äußeren Widersprüchen?

Was bedeutet es beispielsweise, wenn am Ende einer Arbeit, die keinen Unterschied zwischen den verblindeten Gruppen findet, ausschließlich folgende Schlussfolgerung gezogen wird (Quelle):

„…In this study with yeast, no significant effects were found for any outcome parameter or any homeopathic treatment. Since in parallel experiments arsenic-stressed duckweed showed highly significant effects after application of potentized Arsenicum album and duckweed nosode preparations from the same batch as used in the present study, some specific properties of this experimental setup with yeast must be responsible for the lacking response.”

Also: Wenn man im Versuch keinen Unterschied zwischen Homöopathie- und Placebogruppe findet, dann sagt das über die Homöopathie selbst nichts aus, sondern darüber, dass der Test unbrauchbar war. Treten dagegen Gruppenunterschiede auf, so sollen diese etwas über die gezielte Wirksamkeit der Mittel aussagen.

Welches Testrisiko besteht denn bitte für die Homöopathie in so einer Arbeit?

Was macht die Hypothese „Homöopathie ist mehr als ein Placebo“ denn kühn, wenn sie sich gar nicht dem Risiko der Falsifikation aussetzt – wenn kein Effekt auftritt, heißt es ja, das Verfahren zur Überprüfung sei eben ungeeignet. Es gibt offensichtlich aus Sicht der Homöopathie nur zwei verschiedene Arten von Prüfverfahren: Solche, die die Homöopathie bestätigen und solche, die unzutreffende Ergebnisse liefern.

Warum gibt es keinen Aufschrei in der homöopathischen Welt, wenn eine Arbeit als Ergebnis hat, der Effekt werde sogar verstärkt, wenn das Homöopathikum nicht eingenommen wird, sondern in einer Phiole verbleibt?

Würde ein solches Ergebnis doch nahezu die gesamte homöopathische Praxis falsifizieren. – Aber man ignoriert das, macht weiter, wie bisher. Was sagt das über die Bereitschaft zur Falsifikation?

Und das ist kein Einzelfall: Warum gibt es keinen Aufschrei, wenn bei mehreren getesteten Substanzen eine andere die Effekte erzielt als nach dem Ähnlichkeitsprinzip zu erwarten (Link)? Und was falsifiziert dieses Ergebnis?

Und wenn es nichts falsifiziert – was testet der Test dann?

Die Carstens-Stiftung nennt in einer Überblicksarbeit von 2006 mehrere Indikationen, bei denen die Studienlage recht eindeutig keine Überlegenheit gegen Placebo ergab. Darunter den Muskelkater. Ganz Deutschland – außer seinen Homöopathen – hält sich an dieses Ergebnis. Homöopathie wird weiter als gezielt wirksam bei Muskelkater angeboten. (z.B. hier oder hier  oder hier)

Welche These stand also zur Falsifikation auf dem Prüfstand bzw. welche Konsequenz wurde aus der offenbar erfolgreichen Falsifikation gezogen?

In Diskussionen frage ich mitunter mein Gegenüber: Was würde Sie davon überzeugen, dass die Homöopathie nicht über Kontexteffekte hinaus kommt? Ich muss sagen, dass ich noch nie eine konkrete und sinnvolle Antwort bekommen habe. Meist kommt etwas in der Art „wenn ich keine Besserungen unter Homöopathie erleben würde.“

Doch genau das ist gänzlich unmöglich: Auch unter einem Placebo können Besserungen vorkommen. Diese Beobachtung wird man daher niemals machen. Der eigene Standpunkt kann mit diesem Kriterium also nicht als Irrtum erkannt werden. Oder anders gesagt: Dieser Test erfüllt in keiner Weise Poppers Forderung nach schärfstmöglicher Überprüfung unserer Hypothesen. Dabei wäre dies die erste und grundlegende Voraussetzung aller seriösen wissenschaftlichen Tätigkeit: Sich Tests zu überlegen, anhand derer man falsifizieren kann.

Die 6. Auflage des Organons wurde um 1840 verfasst. Nach einem so langen Zeitraum darf man auch einmal fragen, welche der Paragraphen dieses alten Buches denn heute unter Homöopathen allgemein als falsifiziert gelten? Erstaunlicherweise, trotz allen erweiterten Wissens der Medizin offenbar kein einziger, denn genau dieses Buch ist auch heute noch Grundlage der Ausbildung zum Homöopathen (Link – Seite 5).

Welche Prüfsymptome wurden aus den Arzneimittelbildern denn wieder entfernt, weil man sie falsifiziert hat?

Welche Stoffe wurden als Arzneimittel verworfen?

Welche Dosierungsvorschriften wurden als falsch erkannt? Und wie?

Wo ist die Liste der von Homöopathen falsifizierten und verworfenen Aussagen ihres Gedankengebäudes?

Und was sagt es über die Homöopathieforschung und ihre Bereitschaft zur Falsifikation aus, wenn es bis heute eben keine überarbeitete 7. Auflage des Organons gibt, in dem alle als falsch erkannten Paragraphen fehlen? Oder eben keine Paragraphen als überholt erkannt wurden?

Schlussfolgerung / Quintessenz

Die Homöopathie selbst ist einem Positivismus unterlegen, nicht deren Kritiker. Sie hat sich niemals von innen heraus einer kritisch-rationalen Überprüfung unterzogen, die Werke des großen Meisters und Propheten schon gar nicht. Falsifikationen, also Hinweise auf Widersprüche innerhalb der Homöopathie als auch im Zusammenhang zu den Naturwissenschaften, stammen von Wissenschaftlern und Skeptikern, also von außen. Kritische Einwände werden nicht selten mit dem Hinweis auf eine große Zahl zufriedener Anwender, die in dieser Menge ja gar nicht irren könnten (!), verworfen.

Eine wirklich kritische innerdisziplinäre Diskussion fehlt völlig. Forschung dient in der Homöopathie nicht dazu, den eigenen Kenntnisstand durch den Versuch von Falsifizierung zu überprüfen und damit zu besserer Erkenntnis zu gelangen.

Wer dagegen um Belege bittet, bevor er ein sich bestens bewährendes Gefüge naturwissenschaftlicher Aussagen über Bord wirft, behauptet damit keineswegs, bereits im Besitz einer letztbegründeten Wahrheit zu sein.

Wenn das der Standpunkt wäre, bräuchte man nicht um Belege zu bitten.

Also, das Fazit ist: Wer selbst im Glashaus sitzt…

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20 Responses to Erkenntnistheorie auf Homöopathisch?

  1. Ute Parsch sagt:

    Hallo Neuwalker,

    natürlich sind die Methoden der Überprüfung von Aussagen und Vermutungen in den historischen Geisteswissenschaften andere als in der Naturwissenschaft.

    Dass hier Bryschs erkenntsnistheoretische Vorstellungen gelten würden, ist aber nicht so.

    Auch der Historiker wird ernsthaft widersprechen, dass als zutreffend gelten muss, was historische Dokumente nicht explizit widerlegen.

    Nein, wir müssen nicht davon ausgehen, dass Napoleon mit einer chinesischen Konkubine einen Sohn zeugte, dem er liebevoll den Spitznamen Konfuzius gab, solange wir nicht eine entsprechende Stelle in einem historischen Schreiben finden, in der Napoleon tatsächlich schreibt, er habe definitiv keine chinesische Konkubine. Auch der Historiker nennt das, wofür es keinerlei belegende Dokumente gibt, spekulativ.

    😉

    Grüße

  2. Neuwalker sagt:

    Vielen Dank für diese ausführliche Ausführung. Ich habe selbst mal Physik studiert, aber so präzise wurde mit „wissenschaftliches Arbeiten“ nicht vermittelt.

    Physik war allerdings nicht mein einziges Studienfach, ich habe auch noch etwas geisteswissenschaftliches studiert (Geschichte war es nicht, aber es gab historische Unterfächer). Und daher frage ich mich, ob her Brysch (als Historiker) nicht vielleicht mit seinem Verständnis von Popper, oder zumindest von Erkenntnisgewinn, recht hat – freilich nur, was die Geschichtswissenschaft betrifft.

    Da der Historiker ja verständlicherweise keine Experimente durchführen kann, ist er auf die Quellen angewiesen, die ihm vorliegen. Diese sind mit Sicherheit nicht vollständig, in den meisten Fällen nicht in seiner Muttersprache verfasst und werden von verschiedenen Historikern unterschiedlich interpretiert. Unter diesen Voraussetzungen kann man doch fast nur so arbeiten, wie Herr Brysch sind das wünscht: Man bastelt sich was aus dem vorliegenden Material und es ist so lange wahr, bis es widerlegt ist.

    Zwei Beispiel:

    1. Der Ort der Varusschlacht im Jahre 9. n. Chr. wurde im Teutoburger Wald vermutet. Dort errichtet man auch ein Denkmal für den siegreichen Germanenführer und alle Welt hat das so akzeptiert. Es blieb ihr auch nix anderes übrig: Man hatte praktisch kein Quellen und das man an dieser Stelle keine Spuren im Boden fand ist ja nicht wirklich ein Gegenbeweis. Irgendwann hat dann eine Hobbyarchäologe nördlich von Osnabrück ein paar römische Münzen im Boden gefunden und intensive Grabungen an diesem Ort brachten das Schlachtfeld zu Tage, dass sich die Historiker schon immer gewünscht hatten. Damit war der Teutoburger Wald raus und Kalkriese drin. Eine Zeitmaschine, mit der man nachgucken und Zeugen befragen könnte, hat noch niemand gebaut.

    2. Jahrzehntelang ging man von einem alleinigen Verschulden Deutschlands am ersten Weltkrieg aus, bis vor zwei Jahren der Historiker Christopher Clark allen beteiligten Nationen Schlafwandelei vorgeworfen hat. Die frühere Behauptung war gewiss mehr politische Wille der Siegermächte, als gesicherte Erkenntnis, während die jetzige Sichtweise doch vor allem die Interpretation des Autors ist.

    Sicherlich wird man bei beiden Bespielen zeigen können, dass hier ganz nach dem kritischen Rationalismus gehandelt wurde und ich will keinem Historiker unterstellen, unsauber zu arbeiten. Aber gerade durch die Schwierigkeit, eine historische These zu widerlegen – eben weil es keine Quellen dazu gibt – verfällt man leicht in das von Brysch vorgetragenen Denkmuster.

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  4. Aristobulus sagt:

    Versuchen Sie’s mal mit Kügelchen, erst neun, dann acht, dann zweimal neun. Aber Vorsicht, es könnte Sie potenzieren.

  5. Pingback: Homöopathie: „Neue Gedanken“ dazu von einem Kassenvertreter und einer Ärztin @ gwup | die skeptiker

  6. Tibor Pluto sagt:

    Dito!

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  8. Pingback: Homöopathie zum Aufmalen oder wie man eine Party aufmischt @ gwup | die skeptiker

  9. AlteWeser sagt:

    Dieser Blog gehört für mich zu den Quellen im Internet, die ich immer wieder gern lese.
    Interessant, nüchtern, gut analyisiert, vielen Dank für die Arbeit.

    Und wenn man Argumente hat, kann man hier sogar wunderbar diskutieren. Ohne diese natürlich nicht.

  10. 9899 sagt:

    Ah… Schrödingers Kiste… na denn

  11. Norbert Aust Norbert Aust sagt:

    Niemand zwingt Sie, den Artikel zu lesen.

  12. 9899 sagt:

    Gibt’s das ganze auch als Hörbuch zum Einschlafen ?

  13. gnaddrig sagt:

    Viele benutzen „das Blog“ für die Webseite, etwa „Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie“, und „den Blog“ für einen Blogartikel, etwa „Erkenntnistheorie auf Homöopathisch?“ Aber flächendeckend ist das natürlich auch nicht. In dieser Sache ist die Jury anscheinend noch am Beraten…

  14. Norbert Aust Norbert Aust sagt:

    Der oder das Blog [blɔg] oder auch Weblog [ˈwɛb.lɔg] (Wortkreuzung aus engl. Web und Log für Logbuch) ist ein auf einer Website geführtes und damit meist öffentlich einsehbares Tagebuch oder Journal …..“
    Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Blog
    Hervorhebung von mir.

  15. Klaus sagt:

    Nur ’ne Kleinigkeit:
    „…dass Herr Brysch diesen Blog verfolgt“
    = …dieseS Blog (weil: Das Weblog)

  16. Pingback: Homöopathie ist gutes Marketing, wirkt aber trotzdem nicht @ gwup | die skeptiker

  17. Über die Wechselwirkung der Verdünnung sagt:

    Das alles ist viel einfacher,
    nach meiner Erkenntniss (her mit dem N-Preis)
    brauchen wir zu Erklärung des Kosmos nur
    eine einzige Kraft, mit der auch konsequent alle
    vorherigen Naturbeobachtungen und Zustände
    lückenlos erklärt werden können.
    Die alleinige Wechselwirkung der Kraft der Verdünnung.
    Schon der ganze Kosmos fliegt mit unerhörter
    Geschwindigkeit auseinander.
    Mehrere Götter haben sich seit einig Tausend Jahre
    so dünne gemacht wie auch irgendwelche
    Hochpotenzen aus Vakuum.
    Gucken Sie mal in Ihre Geldkatze,
    oder auf Ihre Rente.
    Und wenn Sie damit fertig sind,
    werden auch Sie „verdünnt“.

    Bleiben auch Sie potent liqudiert. MfG M.

    Satire

  18. Pingback: Homöopathen alles Betrüger? | Quantenhomöopathie

  19. Cliff sagt:

    Danke für diesen Blogeintrag. Auf den kann ich in Zukunft verlinken, falls wieder einmal versucht wird die Beweislast umzukehren.

    Auf eine Stellungnahme von Hr. Brysch bin ich sehr gespannt (ich hoffe es kommt eine).

  20. Fliegenschubser sagt:

    Sehr gut. Wunderbare Abhandlung/Zusammenfassung von Popper und die Anwendung derselben auf die H. Ich hoffe, dass Herr Brysch sich diesen Text durchliest und dann hier in den Kommentaren mit diskutiert.

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