{"id":5475,"date":"2020-05-24T13:38:16","date_gmt":"2020-05-24T11:38:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.beweisaufnahme-homoeopathie.de\/?p=5475"},"modified":"2020-05-25T11:36:51","modified_gmt":"2020-05-25T09:36:51","slug":"homoeopathie-und-die-cholera-in-wien-1831-32","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.beweisaufnahme-homoeopathie.de\/?p=5475","title":{"rendered":"Hom\u00f6opathie und die Cholera in Wien 1831\/32"},"content":{"rendered":"<div class=\"shariff shariff-align-flex-start shariff-widget-align-flex-start\" data-services=\"facebook%7Ctwitter\" data-url=\"http%3A%2F%2Fwww.beweisaufnahme-homoeopathie.de%2F%3Fp%3D5475\" data-timestamp=\"1590406611\" data-hidezero=\"1\" data-backendurl=\"?rest_route=\/shariff\/v1\/share_counts&\"><ul class=\"shariff-buttons theme-default wcag_colors orientation-horizontal buttonsize-small\"><li class=\"shariff-button facebook shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#000\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer\/sharer.php?u=http%3A%2F%2Fwww.beweisaufnahme-homoeopathie.de%2F%3Fp%3D5475\" title=\"Bei Facebook teilen\" aria-label=\"Bei Facebook teilen\" role=\"button\" rel=\"nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#38548F; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 18 32\"><path fill=\"#3b5998\" d=\"M17.1 0.2v4.7h-2.8q-1.5 0-2.1 0.6t-0.5 1.9v3.4h5.2l-0.7 5.3h-4.5v13.6h-5.5v-13.6h-4.5v-5.3h4.5v-3.9q0-3.3 1.9-5.2t5-1.8q2.6 0 4.1 0.2z\"\/><\/svg><\/span><span class=\"shariff-text\">teilen<\/span>&nbsp;<span data-service=\"facebook\" style=\"color:#38548F\" class=\"shariff-count\"> 310<\/span>&nbsp;<\/a><\/li><li class=\"shariff-button twitter shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#000\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/share?url=http%3A%2F%2Fwww.beweisaufnahme-homoeopathie.de%2F%3Fp%3D5475&text=Hom%C3%B6opathie%20und%20die%20Cholera%20in%20Wien%201831%2F32\" title=\"Bei Twitter teilen\" aria-label=\"Bei Twitter teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#115A92; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 30 32\"><path fill=\"#55acee\" d=\"M29.7 6.8q-1.2 1.8-3 3.1 0 0.3 0 0.8 0 2.5-0.7 4.9t-2.2 4.7-3.5 4-4.9 2.8-6.1 1q-5.1 0-9.3-2.7 0.6 0.1 1.5 0.1 4.3 0 7.6-2.6-2-0.1-3.5-1.2t-2.2-3q0.6 0.1 1.1 0.1 0.8 0 1.6-0.2-2.1-0.4-3.5-2.1t-1.4-3.9v-0.1q1.3 0.7 2.8 0.8-1.2-0.8-2-2.2t-0.7-2.9q0-1.7 0.8-3.1 2.3 2.8 5.5 4.5t7 1.9q-0.2-0.7-0.2-1.4 0-2.5 1.8-4.3t4.3-1.8q2.7 0 4.5 1.9 2.1-0.4 3.9-1.5-0.7 2.2-2.7 3.4 1.8-0.2 3.5-0.9z\"\/><\/svg><\/span><span class=\"shariff-text\">twittern<\/span>&nbsp;<span data-service=\"twitter\" style=\"color:#115A92\" class=\"shariff-count shariff-hidezero\"><\/span>&nbsp;<\/a><\/li><li class=\"shariff-button rss shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#000\"><a href=\"http:\/\/www.beweisaufnahme-homoeopathie.de\/?feed=rss\" title=\"RSS-feed\" aria-label=\"RSS-feed\" role=\"button\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#aa2e00; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 32 32\"><path fill=\"#fe9312\" d=\"M4.3 23.5c-2.3 0-4.3 1.9-4.3 4.3 0 2.3 1.9 4.2 4.3 4.2 2.4 0 4.3-1.9 4.3-4.2 0-2.3-1.9-4.3-4.3-4.3zM0 10.9v6.1c4 0 7.7 1.6 10.6 4.4 2.8 2.8 4.4 6.6 4.4 10.6h6.2c0-11.7-9.5-21.1-21.1-21.1zM0 0v6.1c14.2 0 25.8 11.6 25.8 25.9h6.2c0-17.6-14.4-32-32-32z\"\/><\/svg><\/span><span class=\"shariff-text\">RSS-feed<\/span>&nbsp;<\/a><\/li><\/ul><\/div>\n<p>Warum soll man sich heute noch, nach fast 200 Jahren, mit den Ergebnissen der von Hahnemann vorgeschlagenen Choleratherapie besch\u00e4ftigen? Welcher Sinn liegt darin?<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz einfach: Die vermeintlich herausragenden Erfolge zeigen nach Meinung der Anh\u00e4nger klar auf, dass die Hom\u00f6opathie bei der Bek\u00e4mpfung von Seuchen eigentlich die zu bevorzugende Therapie sein m\u00fcsste. Gerade dass man offenbar relativ schnell zu einem erfolgreichen Therapiekonzept kommen k\u00f6nne, w\u00e4re auch in der gegenw\u00e4rtigen COVID-19-Pandemie ein unsch\u00e4tzbarer Vorzug [1].<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"http:\/\/www.beweisaufnahme-homoeopathie.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Thumb_DE-1024x576.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5483\" srcset=\"http:\/\/www.beweisaufnahme-homoeopathie.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Thumb_DE-1024x576.png 1024w, http:\/\/www.beweisaufnahme-homoeopathie.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Thumb_DE-300x169.png 300w, http:\/\/www.beweisaufnahme-homoeopathie.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Thumb_DE-768x432.png 768w, http:\/\/www.beweisaufnahme-homoeopathie.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Thumb_DE.png 1487w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Diesen Beitrag als Video: <a rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/youtu.be\/3x5D67a9jSU\">https:\/\/youtu.be\/3x5D67a9jSU<\/a><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Daher hier der Spoiler: Der von Hahnemann vorgeschlagene Einsatz von Kampfer bei der Behandlung der Cholera hat, au\u00dfer dass der Vorschlag vom Erfinder der Hom\u00f6opathie stammt, nichts mit dieser Lehre zu tun. Ein durchaus nicht zu bestreitender Erfolg hat daher keinerlei Aussagekraft f\u00fcr die heutige Hom\u00f6opathie. Dies soll dieser Beitrag zeigen. Ja mehr noch, dass die grundlegenden \u00dcberlegungen Hahnemanns dem Einsatz von Antibiotika n\u00e4herstehen als der Hom\u00f6opathie. Zumal der Erfolg eher darauf beruht, dass Hahnemann die gr\u00f6bsten Fehler seiner Kollegen vermieden hat.<\/p>\n\n\n\n<h2>Die Cholera<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Cholera ist eine sehr schwere Infektionskrankheit, die seuchenartig auftritt. Die Infektion erfolgt durch die Aufnahme von Wasser, das mit den Cholera-Bakterien <em>Vibrio cholerae<\/em> kontaminiert ist, oder auch durch andere Nahrungsmittel, die mit solchem Wasser in Ber\u00fchrung gekommen sind. Das Bakterium wiederum stammt aus den Ausscheidungen von infizierten Menschen, die selbst gar nichts von ihrer Infektion wissen m\u00fcssen [2].<\/p>\n\n\n\n<p>Bei nur etwa 15 % der Infizierten bricht die Krankheit voll aus &#8211; und verl\u00e4uft dann aber \u00e4u\u00dferst heftig. Durch sehr starkes Erbrechen und schweren Durchfall kommt es zu einem erheblichen Fl\u00fcssigkeitsverlust, es werden bis zu 20 Liter am Tag genannt. Damit geht ein erheblicher Verlust an Elektrolyt, also k\u00f6rpereigenen Salzen einher, was wiederum geistige Verwirrtheit und schmerzhafte Kr\u00e4mpfe zur Folge hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Unbehandelt f\u00fchrt dies bei etwa der H\u00e4lfte der Erkrankten rasch zum Tode durch Auszehrung, nicht selten innerhalb nur eines einzigen Tages. Andere Quellen nennen Mortalit\u00e4tsraten von 20 bis 70%, ja bis zu 80 % [3, 4].<\/p>\n\n\n\n<p>Die heutige Therapie ist darauf ausgerichtet, den Fl\u00fcssigkeits- und Elektrolytverlust auszugleichen, am besten durch intraven\u00f6se Infusion. Oftmals wird auch die von der WHO empfohlene Trinkl\u00f6sung angewandt, bei der verschiedene Salze und Traubenzucker in Wasser aufgel\u00f6st sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter dieser Therapie liegt die Mortalit\u00e4t heute unter einem Prozent, der Einsatz von Antibiotika ist nur in sehr schweren F\u00e4llen erforderlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der Erfolge sterben auch heute noch Menschen daran: Im Jemen sind seit dem Ausbruch 2016, bei der heftigsten aller \u00fcberhaupt bekannten Epidemien, bis Mai 2019 \u00fcber 3.400 Menschen zu Tode gekommen.<\/p>\n\n\n\n<h2>Die europ\u00e4ische Epidemie ab 1830<\/h2>\n\n\n\n<p>Das ist heutiges Wissen. Als die Seuche 1830 erstmals \u00fcber Europa hereinbrach und 1831 auch Wien erreichte, wusste man von alledem gar nichts. Diese Krankheit war vollkommen neu &#8211; und anders als alles, was man bisher kannte [3].<\/p>\n\n\n\n<p>Pest, Pocken, Typhus konnte man durch Sperrzonen, Quarant\u00e4ne oder Separation der Erkankten an der Ausbreitung weitgehend hindern. Bei der Cholera, die sich \u00fcber die Trinkwasserversorgung verbreitete, half das alles nicht. Die Krankheit schlug an vielen Stellen gleichzeitig zu, ohne erkennbare Verbindung zwischen den Opfern, sie traf Arm und Reich, wenn auch die weniger Beg\u00fcterten aufgrund ihrer Wohn- und Versorgungssituation st\u00e4rker betroffen waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Und sie schlug eben recht drastisch zu. In den Jahren 1831 und 1832 hatte Wien \u00fcber 4.000 Seuchenopfer zu beklagen, bei einer Einwohnerzahl von 330.000, also so viel wie heute Bonn oder Bielefeld. Die Adeligen verlie\u00dfen die Stadt und zogen sich auf ihre Landg\u00fcter zur\u00fcck. Gesch\u00e4fte schlossen, Handwerks- und Industriebetriebe arbeiteten nicht mehr. Tagel\u00f6hner verloren ihren Broterwerb. Eine Art &#8222;Shutdown&#8220; passierte also damals schon, auch ohne dass er angeordnet worden war. Der Kaiser zog Truppen zusammen, um drohenden Aufst\u00e4nden begegnen zu k\u00f6nnen. Um die Arbeitslosigkeit zu bek\u00e4mpfen, verwies man einfach 5.500 ausw\u00e4rtige Arbeiter und Arbeiterinnen sowie 3.500 Juden der Stadt [6].<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtiger als die gravierenden sozialen Probleme sind f\u00fcr uns aber die medizinischen Aspekte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie gesagt, das Krankheitsbild der Cholera war f\u00fcr die \u00c4rzte vollkommen neu. Durchfallerkrankungen kannte man nat\u00fcrlich durchaus schon vor der Cholera. Angesichts der zweifelhaften Wasserhygiene und auch der Qualit\u00e4t der Lebensmittel d\u00fcrften diese damals an der Tagesordnung gewesen sein. Deshalb hat man seitens der \u00c4rzteschaft diesen Aspekt bei der Betrachtung der Krankheit gar nicht so sehr ernst genommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was an der Cholera allerdings ungew\u00f6hnlich war, waren die auftretenden Kr\u00e4mpfe und die Verwirrtheit, das Verschwinden des Blutes aus den Au\u00dfenbereichen des K\u00f6rpers, das Ausbleiben des an den Extremit\u00e4ten f\u00fchlbaren Pulses etc. Man hatte damals zwar schon respektable Kenntnisse der Anatomie, soweit wie diese bei der Sektion von Leichen eben ohne Mikroskop gewonnen werden konnten, man wusste aber nur sehr wenig \u00fcber das Zusammenwirken der Organe.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die schlechte Qualit\u00e4t des Trinkwassers eine Rolle spielte, war aber schon recht fr\u00fch klar. Die Ver- und Entsorgung hatte einfach mit der rasanten Entwicklung der Einwohnerzahl nicht Schritt halten k\u00f6nnen. Schon 1831 begann man daher f\u00fcr eine bessere Trennung von Abwasser und Trinkwasser zu sorgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es blieb aber unklar, dass die Kr\u00e4mpfe und die Verwirrtheit die Folgen der durch Erbrechen und Durchfall hervorgerufenen Dehydrierung waren, oder ob es sich genau anders herum verhielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Handelte es sich bei der Cholera vielleicht um ein Nervenleiden? Eine besondere Form der Epilepsie vielleicht, wof\u00fcr die Kr\u00e4mpfe sprechen w\u00fcrden? War das Ausscheiden der Fl\u00fcssigkeit vielleicht der Versuch des K\u00f6rpers, die krankmachenden Stoffe loszuwerden? Die aus dem miserablen Trinkwasser vielleicht? Man lag mit der Diagnose und den Krankheitsursachen v\u00f6llig im Dunkeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Entsprechend fragw\u00fcrdig waren auch die Therapieversuche, dazu geh\u00f6rte nat\u00fcrlich auch der Aderlass &#8211; was sich dann auch in einer schlechten Erfolgsbilanz zeigte. Auch unter der Behandlung konventionell arbeitender \u00c4rzte kam es zu einer Mortalit\u00e4t von \u00fcber 50 %, f\u00fcr Wien wird eine Quote von 64 % der Erkrankten genannt.<\/p>\n\n\n\n<h2>Zum Aderlass<\/h2>\n\n\n\n<p>Der fehlende Erfolg ist nat\u00fcrlich schlecht &#8211; aber gestatten Sie mir einen Einschub:<\/p>\n\n\n\n<p>Wir k\u00f6nnen heute wenig nachvollziehen, wie man auf die Idee kommen kann, einem Patienten, der bereits einen gro\u00dfen Teil seiner K\u00f6rperfl\u00fcssigkeiten verloren hat, auch noch zur Ader zu lassen und ihm einen betr\u00e4chtlichen Teil seines Blutes abzuzapfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie kann man nur? Wie verbohrt muss man denn sein?<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberraschende Antwort: Gar nicht. Man kann sogar durch logische Schlussfolgerungen darauf kommen, dass ein Aderlass in dieser Situation zumindest in Betracht gezogen werden sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Man hatte beispielsweise festgestellt, dass das Blut der Cholerakranken dunkler aussah als normalerweise. Heute ist klar, dass dies vom fehlenden Blutserum herr\u00fchrt, dem Fl\u00fcssigkeitsverlust geschuldet. Was bedeutete das aber f\u00fcr die \u00c4rzte damals? Ist das Blut &#8222;\u00fcberkohlt&#8220; und daher sch\u00e4dlich? Ist es verdickt und verstopft daher Arterien und Venen und muss beseitigt werden?<\/p>\n\n\n\n<p>Oder eine andere \u00dcberlegung: Der Patient schied offenbar kein Blut aus. Wenn aber auch keins mehr in den Au\u00dfenbereichen des K\u00f6rpers vorhanden war &#8211; wo war es dann? Und was hatte es dort f\u00fcr Wirkungen? Wurden das Hirn, das Herz, die Nerven oder wichtige Organe gequetscht und blockiert? Was bei Hirn und Nerven zu den mentalen Ausf\u00e4llen und Kr\u00e4mpfen f\u00fchren k\u00f6nnte, die man ja beobachtete.<\/p>\n\n\n\n<p>Also k\u00f6nnte es sinnvoll sein, Blut abzuzapfen, um dies alles zu verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der damaligen Lehrmeinung, die auf nur sehr rudiment\u00e4ren Kenntnissen der Physiologie aufbaute, erschien ein Abzapfen von Blut gar nicht so abstrus wie heute. Es mangelte den Medizinern 1830 zwar an Kenntnissen \u00fcber das Zusammenwirken im Organismus &#8211; aber sie waren weder bl\u00f6de, noch trachteten sie den Patienten nach dem Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab \u00fcbrigens bei den konventionellen \u00c4rzten in der Folge dann auch Gegner des Aderlasses, aber auch sie hatten keine passenden Methoden &#8211; und wandten Chlord\u00e4mpfe oder andere giftige Substanzen an. Ohne gro\u00dfen Erfolg, wie wir wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine ausf\u00fchrlichere Darstellung der Situation der konventionellen Medizin der damaligen Zeit zur Cholera kann man den unten genannten Quellen entnehmen [3,4].<\/p>\n\n\n\n<h2>Hahnemanns Vorgehensweise<\/h2>\n\n\n\n<p>Hahnemann, der Erfinder der Hom\u00f6opathie, lebte zur Zeit der ersten europ\u00e4ischen Choleraepidemien in K\u00f6then in Sachsen &#8211; und hat nie einen leibhaftigen Cholerapatienten gesehen oder gar behandelt. Seine Ratschl\u00e4ge entwickelte er alleine aufgrund von Augenzeugenberichten aus verschiedenen Epidemiegebieten. Wie bei ihm \u00fcblich, verzichtete er in seinen Ratschl\u00e4gen auf den Aderlass und lie\u00df seine Patienten nach Belieben frisches Quellwasser trinken, was im Vergleich zur zeitgen\u00f6ssischen Medizin sicher eine erfolgreiche Ma\u00dfnahme war. <\/p>\n\n\n\n<p>Dazu habe er als gro\u00dfes Verdienst den Kampfer als das wirksame Mittel im Kampf gegen die Seuche gefunden und in die Therapie eingef\u00fchrt, was sich als sehr segensreich erwiesen habe. Sagen jedenfalls die Hom\u00f6opathen [1].<\/p>\n\n\n\n<p>Regelrechte hom\u00f6opathische Mittel sah er erst in einem sp\u00e4teren Stadium vor &#8211; dies wird aber praktisch nicht als sein wesentlicher Beitrag zitiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Kampfer ist ein aromatisch riechender Stoff aus dem Holz eines bestimmten Baumes, der zur Schmerzlinderung und bei Erk\u00e4ltungskrankheiten \u00e4u\u00dferlich eingesetzt wird und offenbar auch desinfizierende Eigenschaften hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Und was empfiehlt Hahnemann nun damit zu tun?<\/p>\n\n\n\n<p>Um nicht in den Verdacht zu geraten, Hahnemann falsch zu zitieren, sei hier der originale Wortlaut wiedergegeben:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201c<em>In jenem ersten Krankheitszustande also muss man dem Kranken so oft als m\u00f6glich, wenigstens alle 3 Minuten, einen Tropfen Campherspiritus (von einem Lothe Campher in 12 Loth Weingeist aufgel\u00f6st) auf einem St\u00fcckchen Zucker oder mit einem L\u00f6ffel Wasser eingeben. Campherspiritus in die hohle Hand gegossen, wird dem Kranken in die Haut der Arme, der Brust und der Beine eingerieben, auch kann man ihm ein Klystier aus einem halben Pfunde warmen Wassers, mit zwei guten Kaffeel\u00f6ffeln voll Campherspiritus gemischt, in den Mastdarm einspritzen und von Zeit zu Zeit etwas Campher auf einem hei\u00dfen Bleche verdampfen lassen &#8230;\u201d [7]<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Fragen an Sie: <\/p>\n\n\n\n<ul><li>Was ist daran denn hom\u00f6opathisch?<\/li><li>Wo ist die individuelle Verordnung nach dem \u00c4hnlichkeitsprinzip?<\/li><li>Wo sind die potenzierten Arzneimittel?<\/li><li>Entspricht diese Verwendung des Kampfers dem hom\u00f6opathischen Arzneimittelbild?<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Das, was Hahnemann da empfiehlt, hat nicht das Geringste mit Hom\u00f6opathie tun! Er nennt das \u00fcbrigens selbst auch nicht so, sondern Kampfer ist f\u00fcr ihn das &#8222;antipathische Hauptmittel&#8220; &#8211; ich vermute mal, er dr\u00fcckt sich so aus, um nicht &#8218;allopathisch&#8216;, seinen absch\u00e4tzigen Kampfbegriff f\u00fcr die zeitgen\u00f6ssische Medizin, verwenden zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn diese Kur sogar hilfreich gewesen sein sollte &#8211; f\u00fcr die heutige Hom\u00f6opathie, gleichg\u00fcltig welcher Spielart, sagt das gar nichts aus. Denn genau das, was Hahnemann nach eigenen Worten empfohlen hat, den Einsatz &#8222;antipathischer&#8220; Mittel, ist ja gerade der Fehler, den die Hom\u00f6opathen heute der evidenzbasierten Medizin vorwerfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hahnemanns Empfehlungen ergaben durchaus Erfolge, eine Sterberate von nur 9 % wird berichtet. Aber welches Element &#8211; Verzicht auf Aderlass und Trinkverbot oder der Kampfer &#8211; der Grund daf\u00fcr war, muss hier offen bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferordentlich interessant ist, was die gedankliche Grundlage von Hahnemanns Handeln war. Auch hier m\u00f6chte ich Ihnen den Originaltext nicht vorenthalten, um mich nicht dem Vorwurf auszusetzen, ich h\u00e4tte ihn nicht richtig verstanden:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201c<em>Der Campher besitzt vor allen anderen Arzneien die Eigenschaft, da\u00df er die feinsten Thiere niederer Ordnung schon durch seinen Dunst schnell t\u00f6dtet, und so das Cholera Miasm (was wahrscheinlichst in einem, unsern Sinnen entfliehenden lebenden Wesen menschenm\u00f6rderischer Art besteht, das sich an die Haut, die Haare usw. der Menschen und an deren Bekleidung h\u00e4ngt, und so von Mensch zu Mensch unsichtbar \u00fcbergeht) am schnellsten zu t\u00f6dten und zu vernichten, und so den Leidenden von demselben und der dadurch erregten Krankheit zu befreien, und herzustellen, im Stande sein wird. &#8212; In dieser Absicht mu\u00df der Campher in voller Ausdehnung angewandt werden.\u201d [8]<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Was hat das mit dem \u00c4hnlichkeitsprinzip der Hom\u00f6opathie zu tun? H\u00e4tte er da nicht irgendein Mittel nehmen m\u00fcssen, dass das Wachstum dieser Tierchen f\u00f6rdern w\u00fcrde?<\/p>\n\n\n\n<p>Klingt das nicht eher ziemlich allopathisch? Was w\u00fcrden die Hom\u00f6opathen sagen, wenn eine solche Aussage, dass das einzunehmende Mittel die feinen &#8222;unseren Sinnen entfliehenden Thiere niederer Art&#8220; abt\u00f6tet, in einem Beipackzettel von Merck, Bayer oder Sandoz stehen w\u00fcrde?<\/p>\n\n\n\n<p>Ist das nicht der Grundgedanke f\u00fcr die Anwendung von Antibiotika?<br>Nach dem Verst\u00e4ndnis der Hom\u00f6opathen das krasse Gegenteil von hom\u00f6opathisch?<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbrigens wird die Idee der &#8222;niederen Lebewesen&#8220; gerne als eine erste Vorwegnahme des Wissens \u00fcber Bakterien durch Hahnemann gewertet. Auch das ist falsch. Die ersten Ideen dieser Art stammen von einem Marcus Terentius Varro &#8211; aus dem 1. Jahrhundert vor Christus [9]! Die ersten Beobachtungen von Bakterien stammen von dem Holl\u00e4nder Antoni van Leeuwenhoek im Jahre 1676 oder von Athanasius Kircher 1656. Der Italiener Spallanzini forschte bereits um 1770 \u00fcber die Entstehung und Vermehrung von Mikroben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnen diese Tierchen Hahnemanns allenfalls eine zuf\u00e4llig richtige Vermutung zur Existenz solcher Wesen darstellen, durch was auch immer ausgel\u00f6st: Auf Beobachtung oder valider Schlussfolgerung beruhen sie jedenfalls nicht. Hahnemann hat sie ja an der falschen Stelle verortet &#8211; eben nicht im Trinkwasser, sondern in Kleidung und Haaren &#8211; als Ursache f\u00fcr eine direkte Ansteckung von Mensch zu Mensch.<\/p>\n\n\n\n<p>Die bei der Cholera in der Form nicht bekannt ist.<\/p>\n\n\n\n<h2>Zusammengefasst:<\/h2>\n\n\n\n<p>Obwohl Hahnemann einige Fehler unterlaufen sind, lag die Erfolgsquote seiner Choleratherapie erfreulich hoch. Das mag am Weglassen des Aderlasses gelegen haben, oder an der M\u00f6glichkeit der Fl\u00fcssigkeitsaufnahme. Sollte der Kampfer da ein \u00dcbriges getan haben &#8211; auch sch\u00f6n &#8211; hat aber mit der Hom\u00f6opathie als Therapieverfahren ebenfalls nichts zu tun. Daher belegen diese Ergebnisse auch keine besondere Leistungsf\u00e4higkeit bei der Bek\u00e4mpfung von neuen Krankheitsformen und Epidemien.<\/p>\n\n\n\n<p>Es bleibt dabei: Eine \u00fcber Placebo- und Kontexteffekte hinausgehende Wirksamkeit der Hom\u00f6opathie ist nicht nur unplausibel, sie ist auch nicht erkennbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch nicht in Wien in der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts.<\/p>\n\n\n\n<p>Quellen und Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>(Alle Links abgerufen 22.05.2020)<\/p>\n\n\n\n<p>[1] Beispielhaft f\u00fcr viele: Saine A.: Homeopathy in Times of Epidemics: A Brief Overview, COVID-19 Webinar, March 18, 2020, https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=l4Zo7nj02Po (Min. 07:20 &#8211; 28:03),<\/p>\n\n\n\n<p>[2] NN.: Cholera, Wikipedia-Artikel, https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Cholera<\/p>\n\n\n\n<p>[3] Goltz D.: &#8222;Das ist eine fatale Geschichte f\u00fcr unseren medizinischen Verstand.\u201d Pathogenese und Therapie der Cholera um 1830; Medizinhistorisches Journal 1998, 33, (3\/4) 211 &#8211; 244, https:\/\/www.jstor.org\/stable\/25805218?seq=1 (Registrierung erforderlich)<\/p>\n\n\n\n<p>[4] Schlagberger A.: Die Vorstellungen und das Wissen von der Wirkungsweise des Choleraerregers Vibrio cholerae im Wandel der Zeit. Dissertation LMU M\u00fcnchen, 2009. https:\/\/edoc.ub.uni-muenchen.de\/11013\/1\/Schlagberger_Anna_Philine.pdf<\/p>\n\n\n\n<p>[5] https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/vormaerz-und-revolution\/alltagsleben\/die-choleraepidemie-1831.html<\/p>\n\n\n\n<p>[6] https:\/\/magazin.wienmuseum.at\/die-cholera-in-wien-1831\/32<\/p>\n\n\n\n<p>[7] Hanemanns S.: &#8222;Die Heilung der asiatischen Cholera und das sicherste Schutzmittel gegen diese&#8220;, Muenster 1831.<\/p>\n\n\n\n<p>[8] Dr. Samuel Hahnemanns Sendschreiben \u00fcber die Heilung der Cholera und die Sicherung vor Ansteckung am Krankenbette (1831)<\/p>\n\n\n\n<p>[9] NN.: Wikipedia-Artikel Infektionskrankheiten https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Infektionskrankheit<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hahnemann empfahl den Kampfer als Mittel gegen die Cholera. Hat das etwas mit Hom\u00f6opathie zu tun? 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